Eine alte Bekannte rief an. Ob ich Zeit und Lust hätte, einen Kurs zu leiten, in dem Langzeitarbeitslose zu Mediengestaltern weitergebildet werden. Ich war ein bisschen baff und fragte, ob sie das ernst meine. Ja, sagte sie und schickte mir eine Art Lehrplan. Da stand alles mögliche drin: Medienrecht, journalistische Arbeit, journalistisches Schreiben, Grafik, Webseiten gestalten. Mein Part solle das journalistische Schreiben sein, sagte die Bekannte. Ich war skeptisch. Nicht, dass ich Vorurteile gegen Langzeitarbeitslose hegen würde, aber ich konnte mir nicht vorstellen, was dabei herauskommen soll. Ich sagte trotzdem für eine Woche zu. Und stellte fest, dass ich damit Teil einer gewaltigen, von der Politik installierten Betrugsmaschine wurde.

Langzeitarbeitslose werden gern in sogenannte Maßnahmen gesteckt. Politiker und Arbeitsagenten behaupten, solche Maßnahmen würden die Wiedereingliederung der Langzeitarbeitslosen in die Arbeitswelt befördern. Tatsächlich dienen sie wohl hauptsächlich dazu, die Arbeitslosenstatistik zu verschönern. Dass die Maßnahmen tatsächlich erfolgreich seien, konnte noch nie nachgewiesen werden. Das wundert mich jetzt, mit Insider-Perspektive, noch weniger als zuvor.

An einem Montag früh begann der Kurs. Zu Beginn fragte ich die Gruppe, was sie sich von einer Weiterbildung in Mediengestaltung erwarte. Die Frage kam nicht besonders gut an. Zunächst war niemand zu einer Antwort zu bewegen. Als ich den einen oder anderen zu sehr nervte, kam heraus, dass sich niemand freiwillig angemeldet habe. Vielmehr seien sie geschickt worden, und würden sie nicht erscheinen, gäbe es kein Geld mehr.

Und da sollte ich jetzt über journalistisches Schreiben referieren?

Wenig später rief der Chef der Firma an, Herr A. Er erklärte mir in nicht immer leicht verständlichem deutsch die speziellen Tücken meiner Gruppe. Ein Teil käme aus einer sogenannten Firma des sogenannten öffentlichen Beschäftigungssektors, den die Linkspartei als Vorzeigeprojekt in Berlin durchgesetzt hat, der Rest sei von der Arbeitsagentur geschickt worden. Den Leuten aus der ÖBS-Firma gehe es nur um Online-Medien, aber davon möge ich mich bitte nicht beeindrucken lassen. Nach dem Gespräch hatte ich den Eindruck, er habe mir etwas sagen wollen, was ich nicht verstand.

Nachdem der erste Tag entsetzlich zäh vorüberging, brach der zweite an. Ich trat mit neuem Konzept an. Journalistisches Schreiben, da konnte mir Herr A. erzählen, was er wollte, war definitiv eine schlechte Idee. Also fragte ich, ob sich jemand dafür interessiere, wie man eine ausgefuchste Webseite mit Datenbank installiert, so etwas wie dieses WordPress-Blog. Zumindest sagte niemand nein. Ich hatte mich vorher erkundigt, ob auf den Computern im Klassenzimmer alles nötige dafür installiert sei und hatte ein entschiedenes Ja zur Antwort bekommen. Wie ich jetzt feststellte, stimmte das auch, nur war nichts fertig installiert und konfiguriert. Es verging also wieder einige Zeit, die ich den IT-Mann am Telefon hatte und mit seiner Hilfe den Apache-Server und den Rest startklar machte. Die Teilnehmer surften derweil im Netz herum. Ja, das wenigstens muss man sagen: Die Ausstattung des Klassenzimmers war großartig. Auf jedem Platz war sogar die volle schweineteure Adobe-Creativ-Suite installiert, mit allen Komponenten, Photoshop, Illustrator und InDesign. Außer Photoshop war keines der Programme je gestartet worden.

Am Mittwoch früh ritt mich ein Teufelchen und ich wiederholte meine Frage vom Montag. Was, liebe Leute, wollte ihr eigentlich hier? Was erwartet ihr, wenn ihr nichts, wirklich gar nichts, zum Gelingen dieses Kurses beitragt? Für einen Moment war es totenstill. Dann fragte eine Frau, die in der letzten Reihe saß, ebenso deutlich zurück: Ob ich ernsthaft glaube, sie oder sonstwer hier würde nach einem solchen Kurs auch nur den Funken einer Chance haben, tatsächlich als Mediengestalter beschäftigt zu werden? Zustimmendes Geraune. Jetzt war die Gruppe zum ersten Mal richtig wach. Okay, sagte ich, dann reden wir jetzt darüber, was das hier soll und was wir daraus machen können. Das taten wir dann auch. Ich stellte fest, dass meine Teilnehmer ziemlich gut durchblicken, was um sie herum passiert. Wir einigten uns darauf, dass wir jetzt Webseiten bauen, weil das den einen oder anderen privat interessierte.

Wenig später öffnete sich die Tür und ein kleiner Mann mit weißem Hemd und grauer Anzughose kam herein. Er setzte sich an einen Platz, zog ein Formular hervor und rief einen Namen auf. Der Betreffende eilte zu ihm und die beiden erledigten irgendeinen Papierkram. Ich fragte den Mann, wer er sei. „Komme von Chef“, sagte er. „Sie stören den Unterricht“, gab ich zurück. Er antwortete nicht, sondern befragte den jungen Mann unbeeindruckt weiter. „Könnten Sie bitte sofort den Raum verlassen?“, forderte ich den Mann auf. „Muss machen Formular“, antwortete der.

Darauf rief ich Herrn A. an. Herr A. sagte, es handele sich wirklich um seinen Mitarbeiter, und es sei wichtig, dass das Formular ausgefüllt werden. Ich war wütend und fragte Herrn A., ob er eigentlich wisse, dass dieser Kurs völlig sinnlos sei und niemanden in Lohn und Brot bringen würde. Herr A. antwortete: „Das weiß ich“.

Dann fragte ich ihn, was dieser ganz Zirkus mit Lehrplan, Medienrecht, etc. solle. „Ach“, antwortete Herr A., „das ist doch nur Verpackung, verstehen Sie?“ Ich würde es anders nennen: Kundenbindungsprogramm der Bundesagentur für Arbeit und der mit ihr verbundenen Politiker.

10 Kommentare
  1. Christoph Lemmer sagte:

    @Falcon Gewerkschaften und Arbeitgeberverband sind in der Tat die größten Abzocker dieser Massenbetrugs. Allerdings sind im politischen Berliner Biotop weitere wohlgelittene Genossen am Start.

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  2. Ingolf Keil sagte:

    Hallo Herr Lemmer, danke für die schönen Berichte, aber mit Gerechtigkeit hat das auch nichts zu tun, wie wir nun auch schon in vielen anderen Gteschichten gesehen haben.Wir, die noch arbeiten gehen, werden doch nur noch vera…scht. Da hat man gar keine Lust mehr zu arbeiten. Es ist doch alles nur noch Lug und Trug. Oder sehe ich das zu schwarz ??
    vG Ingolf Keil und viele Grüsse von meinem Schwager, ich werde ihn am Samstag wieder besuchen und wir hoffen das es jetzt bald weiter geht.

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