Mein Versuch, Herrn K. zu einem Interview zu bewegen, schlug fehl. Herr K. ist unfreiwillig als entfernter Zeuge in eine Geschichte involviert, an der ich seit längerer Zeit recherchiere. Diese Geschichte hat vor einigen Jahren viele Schlagzeilen gemacht. Und in der Art und Weise, wie diese Schlagzeilen zustande kamen, liegt das nein von Herrn K. begründet.

Herr K. lebt in einem kleinen Ort. Viele Einwohner kennen sich. Ich war mehrmals dort. Mein erster Besuch war ganz kurz. Ich kam in der Abenddämmerung und klingelte an einer Tür, stellte dem Mann, der mir öffnete, eine einzige Frage, ging dann gleich wieder zurück zum Auto und verließ den Ort wieder. Zwei Wochen später war ich wieder dort, diesmal länger. Die Sonne schien. Auf einer Bank saßen zwei Frauen. Ich ging auf sie zu und wollte sie nach einem Weg fragen. Kaum hatte ich sie begrüßt, da meinte die eine, ich sei doch kürzlich schon einmal hier gewesen. Ob ich beim Herrn E. geklingelt habe? Ich war baff. Die Fassaden dieses Ortes haben Augen.

Als damals dieses größere Geschichte passierte, waren Dutzende Reporter hier. Sie fragten jeden aus, den sie sahen. Es muss ein regelrechter Kampf um das beste Zitat, das beste Foto und die beste TV-Einstellung gewesen sein. Fernsehteams verteilten Geldscheine an Bewohner, damit die vor der Kamera so taten, als würden sie jemanden suchen. Ein junger Mann sagte einem Berichterstatter, er habe das Opfer, um das es hier ging, eigentlich nicht besonders gut gekannt und auch nicht besonders gemocht. Das war der betreffenden Redaktion egal. Das Skript, das die Redaktion von der Geschichte im Kopf hatte und dass sie unabhängig von der Wirklichkeit präsentierte, schrieb vor, dass einer der besten Freunde aufzutreten hatte. Also wurde die Aussage des jungen Mannes so beschnitten und mit off-Text versehen, dass er als bester Freund im Fernsehen auftauchte.

Der junge Mann hat dann doch mit mir gesprochen, aber es war harte Arbeit, ihn davon zu überzeugen, dass mein Skript noch nicht geschrieben ist.

Herr K. ließ sich nicht überzeugen. Er erzählte mir, Reporter hätten eine Fensterscheibe eingeschlagen, um an ein Bild zu kommen. Er erinnerte sich an ein Interview, das er dem öffentlich-rechtlichen BR-3-Programm gab. In dem Beitrag sei er zusammenhanglos und falsch wiedergegeben worden. Was sollte ich da noch antworten? Ich sagte, da hätten die Kollegen damals wohl einiges an verbrannter Erde hinterlassen. Er stimmte mir zu. Ich versuchte es, in dem ich ihm sagte, die Geschichte sei noch nicht ausgestanden, und wenn sie so sei, wie ich das nach meinen bisherigen Recherchen vermute, dann gehöre sie einfach in die Öffentlichkeit, und zwar korrekt erzählt. Er fragte, was ich denn über seine Rolle wisse. Ich sagte es ihm, und er unterbrach ein paar Mal und meinte, so sei es nicht gewesen. Ich fragte, wie es dann war. Er antwortete, das wolle er eben keinem Journalisten mehr erzählen und erkundigte sich nach meiner Quelle. Ich sagte, ich hätte Ermittlungsakten gelesen. Das empörte ihn weiter. Wie ich an solche Unterlagen überhaupt herankäme, da würde ich doch ebenfalls mit unsauberen Mitteln arbeiten müssen. Ich antwortete, dass ich wie jeder Journalist aus guten Gründen auch verdeckt recherchieren dürfe und keinen Informanten preisgeben müsse. Aber vor allem würde ich versuchen, möglichst viele der Beteiligten direkt zu befragen, eben auch ihn, um der Wahrheit näher zu kommen. Das leuchtete ihm ein, aber es änderte nichts.

Herr K. hat seine Erfahrungen mit Journalisten. Darum traut er ihnen nicht mehr. So sehr es mich ärgert – ich verstehe ihn.

 

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