Zwei der beschuldigten im NSU-Prozess hatten vorab schon angekündigt, dass sie reden wollen, und beide haben das jetzt getan. Wobei beide vorsichtiger sind als man zunächst dachte. Carsten S., der eigentlich unpolitische Homosexuelle mit dem starken Geltungsbedürfnis, will jetzt nur noch dann reden, wenn der psychiatrische Gutachter im Saal dabei ist. Und der andere, Holger G., redet jedenfalls bisher nicht frei, sondern hat nur eine vorbereitete Erklärung verlesen. Die allerdings ergibt durchaus ein Bild, zumal, wenn man sie mit den Einlassung zu seinen persönlichen Lebensverhältnisse verbindet.

Holger G. ist in gewisser Weise das komplette Gegenteil von Carsten S. Ging es S. um Party, Musik und Gemeinschaftserlebnisse (und wenn sie darin bestanden, Unschuldige zusammenzuschlagen), stand für G. die knallharte Politik im Mittelpunkt. G. spricht das nicht so direkt aus, aber er war ein hundertprozentiger Neonazi. Als Schüler war er noch ein hundertprozentiger DDR-Zögling. Jungpioniere, Thälmann-Pioniere, FDJ, zählt er auf. Man habe gelernt, „füreinander einzustehen“. G.s Eltern trennten sich, als der Junge drei Jahre alt war. Seinen leiblichen Vater lernte er kaum kennen – zuerst, weil der Vater nicht wollte, dann, weil der Junge nicht wollte. Er orientierte sich am neuen Lebensgefährten der Mutter, aber der starb mit nur 44 Jahren an einem Herzinfarkt. Den Tod des Ziehvater empfand G. als massiven Wendepunkt. Sein großer Bruder, bis dahin unangepasst und DDR-Punk, wurde plötzlich brav. Holger, bis dahin der liebe Kleine, rebellierte und wurde selber Punk. In der DDR bedeutete das etwas anderes als im Westen, denn DDR-Punks hatten nichts mit „Marx und Engels zu tun“, wie Holger G. den Wessis im Gericht erläuterte, war also ein eher staatsfeindliches Bekenntnis.

1989 flog er dann auch von der Schule, wobei die Punk-Gesinnung nicht der Anlass dafür war. G. erzählte launig, dass sich sein Russisch-Lehrer gleich zu Beginn des Schuljahres eine Strafarbeit für ihn ausgedacht hatte. Da hielt er es für eine gute Idee, ihm seinerseits eine Strafe zu verpassen und sein Moped zu zerlegen. Es gab eine öffentliche Rüge beim Fahnenappell, und dann flog er von der Schule. „Aber wir sind ja weich gefallen“, fügte er hinzu, denn die DDR duldete keine Gammelei und steckte G. in eine Lehrstelle bei Carl Zeiss Jena. Nach dem Mauerfall schloss er die Ausbildung ab, bekam aber keinen Job. Er schloss eine Ausbildung als „Qualitätsfachmann“ an und zog dann 1994 nach Hannover, wo sein Bruder lebte. Er fand einen Job als Lagerist bei einer Tochterfirma der Spedition Kühne+Nagel, den er 15 Jahre behielt. Ab 2002 war er dort sogar Betriebsrat.

Was freilich keiner seiner Kollegen wusste: Etwa um die Jahrtausendwende hatte er sich schon lange vom Punk vom Nazi gewandelt und zählte Beate Zschäpe, Uwe Mudlos und Uwe Böhnhardt zu seinen besten Freunden. Diese Feststellung war ihm enorm wichtig, weshalb er eine Definition anfügte, was er unter Freundschaft versteht, nämlich Verlässlichkeit, tiefe Emotion, Beständigkeit und Ehrlichkeit. Er habe heute viele Bekannte, aber nur einen einzigen Freund, erklärte er dem Vorsitzenden Richter Götzl, der prompt nachfragte, wer das denn sei, was G. aber nicht verraten wollte. Dieser Unbekannte sei schon zehn Jahre lang sein Freund, und man darf wohl spekulieren, dass es sich um ein Mitglied der alten rechtsextremen Szene in Jena handeln könnte. Als die sich in den  neunziger Jahren fand, da stand die Politik im Mittelpunkt. „Da gab es Skins“, beschrieb G. die unterschiedlichen Subkulturen, „es gab Saufen, und es gab Leute, die politisch etws bewegen wollten.“ Deutschland verändern. Das politische System ändern. Gelegentlich habe man auch über politische Gewalt diskutiert, auch mit Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt, aber das seien nur theoretische Erwägungen gewesen. Er, G., habe jedenfalls fest daran geglaubt, dass niemand so etwas ernsthaft vorhabe. Und der Sprengstoff, der irgendwann bei Mundlos gefunden wurde, sei schließlich auch gar nicht zündfähig gewesen.

Aber der Sprengstofffund galt als Grund dafür, dass die drei untertauchten. Sie hätten sich wohl auch teils aus freien Stücken für diese Form des Lebens entschieden, vermutete G. Sie blieben dennoch seine Freunde. Man habe miteinander telefoniert und sich immer wieder getroffen, meist in oder bei Hannover, wo er wohnte. Die drei hätten über Urlaubsbekanntschaften geplaudert, G. habe von seiner neuen Freundin erzählt. Zu viert hätten sie Doppelkopf gespielt. Fast beiläufig habe G. seinen Reisepass rausgegeben, damit die Uwes ein Dokument besaßen. Eines Tages habe einer der beiden ihn gebeten, eine Krankenkassen-Karte für Beate zu beschaffen. Er solle vielleicht eine junge Frau in der Straßenbahn ansprechen und ihr ihre abkaufen, habe der Uwe vorgeschlagen. G. fand eine Bekannte, der er 300 Euro gab. Über Jahre ging das so. Und die ganze Zeit will er nicht geahnt haben, was die drei im Untergrund wirklich trieben, sagte er dem Richter.

Das änderte sich womöglich erst kurz vor seiner Festnahme 2011. Einmal sei er nach Zwickau bestellt worden, um einen Beutel in der Wohnung der Untergetauchten abzugeben. Den habe ihm Ralf Wohlleben in die Hand gedrückt, und als er in der Bahn nachgefühlt habe, habe er bemerkt, dass darin eine Pistole steckte. Er sei stinksauer geworden. Jeder in der Szene habe gewusst, dass er von Waffen nichts halte. Trotzdem lieferte er die Waffe in Zwickau ab. Und dann tat er den dreien einen letzten Gefallen, als er Anfang 2011 seinen Führerschein an sie ablieferte. Sie hatten ihn unangemeldet in Hannover besucht und einfach an der Tür geklingelt. Es gab ein längeres Gespräch. Er habe nicht mehr mitmachen wollen, aber der eine Uwe habe an seine Freundschaft appelliert, der andere dagegen gedroht, er hänge ja nach seiner jahrelangen Unterstützung eh mit drin.

Als Holger G. dann im November 2011 festgenommen wurde, da war es wohl seine Freundin, die den größten Schock erlitt. Sie ist mit G. seit 2007 zusammen und steht auch heute zu ihm, aber sie hatte bis zum Auftauchen der Polizei keinen Schimmer von seinem rechtsextremen Vor- und Parallelleben.

Holger G. war der erste Angeklagte, der Mitgefühl für die Opfer der NSU-Terroristen äußerte. Ihm tue es furchtbar leid, dass er offenbar Morde unterstützt habe, aber er habe damals nichts über die Taten gewusst. Bei den Angehörigen der Opfer kam seine Entschuldigung nicht besonders gut an. Sie sei nicht glaubwürdig, hieß es. Fragen des Gerichts über seine Unterstützung des NSU-Trios beantwortete er vorerst nicht.

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