zollFrüh um 7 ins Auto gesetzt und 50 Kilometer von zu Hause bis nach Raubling gefahren. Das liegt in der Nähe von Rosenheim. Dort befindet sich das Zollamt Reischenhart. Da musste ich hin, weil ich im Internet ein Weihnachtsgeschenk bestellt habe, und zwar bei einer Firma in Amerika. Die Post hatte das Päckchen nicht zu mir nach Hause gebracht, weil, so hieß es in der Benachrichtigung, keine Rechnung beigefügt war und der Zoll darum nicht den Wert des Geschenks ermitteln konnte. Darum sei es jetzt in Raubling beim Zoll. Die Aufbewahrungsgebühr dort mache 50 Cent am Tag aus. Nach spätestens 14 Tagen werde es zum Absender zurückgeschickt.

Im Schalterraum zog ich die Benachrichtigung hervor und bat um Herausgabe des Päckchens. Natürlich ging das nicht so einfach. Bei staatlichen Stellen geht nie etwas einfach so. Es entspann sich folgender Dialog (aus dem Gedächtnis aufgeschrieben):

Zöllner 1, steht mir gegenüber am Schaltertresen: Da bräuchte ich die Rechnung.
Ich: Habe ich nicht. Die hat mir die Firma nicht geschickt.
Zöllner: Dann bekommen Sie das Päckchen nicht.
Ich: Dann wäre ich also 50 Kilometer umsonst hierhergefahren?
Zöllner: Ja. Das passiert öfter.
Ich: Mag sein. Ich akzeptiere das aber nicht. Ich möchte das Päckchen haben, dafür bin ich extra hergefahren.
Zöllner: Das geht aber nicht, weil wir ja nicht wissen, was der Wert davon ist.
Ich: Dann schauen Sie auf der Internetseite des Händlers nach. Da steht der Preis.

Zöllner 2 mischt sich ein, sitzt ein paar Meter entfernt an einem Schreibtisch.

Zöllner 2: Wir ermitteln hier gar nichts.
Ich: Verstehe. Der Staat ist nicht für den Bürger da, sondern der Bürger für den Staat.
Zöllner 2: Das habe ich schon hunderte Male gehört.
Ich: Das könnte daran liegen, dass es stimmt.
Zöllner 1: Sie können sich gerne bei meinem Vorgesetzten beschweren.
Ich: Gern.

Zöllner 1 holt seinen Chef. Ein hochgewachsener junger Mann, vielleicht Ende 20, baut sich hinter dem Schaltertresen auf. Er trägt ein legeres Sweatshirt, darüber eine Lederkette mit einem Amulett aus einem messingähnlichen Material.

Chef: Was kann ich für Sie tun?
Ich: Ich möchte gern dieses Päckchen abholen (ich zeige ihm den Benachrichtigungsschein).
Chef: Wenn wir den Wert der Sendung nicht kennen, geht das nicht. Haben Sie vielleicht einen Zahlungsbeleg oder eine E-Mail?
Ich: Habe ich.

Ich ziehe mein iPhone aus der Tasche. Ich finde eine E-Mail des Absenders.

Ich zu Chef und Zöllner 1: Hier, sehen Sie.
Chef: Das ist gut. Schicken Sie die doch bitte an unsere E-Mail-Adresse, die schaue ich dann gleich an und drucke sie aus, das geht dann auch.

Ich schicke die E-Mail an die Adresse des Zolls. Sie lautet: poststelle@zaro.bfinz.de. Der Chef geht schon mal rüber ins Zolllager und holt das Päckchen. Als er zurück ist, habe ich eine schlechte Nachritt für ihn.

Ich: Ihre E-Mail funktioniert nicht. Ich habe eine Fehlermeldung zurückbekommen, „DNS Error. Domain name not found“.
Zöllner 1 (hält das Päckchen in der Hand): Ach, da scheint ja eine Rechnung dran zu sein.

Er holt ein Messer und öffnet die aufgeklebte Klarsichtfolie. Darin befinden sich mehrere Papiere, darunter die Rechnung, die angeblich fehlen sollte.

Zöllner 1: Na da haben wir sie doch!
Ich: Und dafür bin ich jetzt extra 50 Kilometer gefahren? Weil Sie nicht in der Lage waren, die ordnungsgemäß beigeklebte Rechnung zu finden?
Zöllner 1, Zöllner 2, Chef: Schweigen.

Nach dem Schweigen meldet sich ein weitere Zöllner zu Wort.

Zöllner 3: Sie haben es gerade nötig. Diese ganzen Zeitungen und der Prozess gegen Wulff, der heute beginnt.

Ich denke nach und frage mich, was er mir damit sagen will. Ich frage mich auch, ob das jetzt Zufall war oder ob er meinen Beruf kennt.

Ich: Da geht es um das Oberhaupt des Staates. Und Ankläger ist die Staatsanwaltschaft, also auch der Staat. Was soll ich bitte damit zu tun haben, wenn der Staat meint, er müsse gegen sein früheres Oberhaupt vorgehen?
Zöllner 3: Lenken Sie nicht vom Thema ab!
Ich: Ich lenke nicht vom Thema ab, sondern ich antworte Ihnen. Sie haben den Prozess gegen Wulf ins Spiel gebracht. Was der mit meinem Päckchen zu tun hat, weiß ich selber nicht.
Zöllner 1: Ich mache Ihnen das jetzt fertig. Sie dürfen draußen im Wartezimmer warten.

Nach einer Weile kommt Zöllner 1 mit Päckchen und Rechnung ins Wartezimmer. Zwei Prozent Zoll für Brüssel, erklärt er, und 19 Prozent für Deutschland. Ich bezahle.

Auf der Heimfahrt (50 Kilometer) frage ich mich, wofür Brüssel und Berlin jetzt eigentlich Geld bekommen haben. Sie haben mit dem Weihnachtsgeschenk, das ich in Amerika bestellt hatte, ja nicht viel zu tun. Sie haben keine Schule gebaut, in der die Designer ihre Bildung erhielten, sie haben keine Straße gebaut, auf der die Rohware herangeschafft wurde, und für den Transport nach Deutschland habe ich das Staatsunternehmen Deutsche Post ohnehin bezahlt.

Und dann fiel mir noch ein, dass der Mainstream-Populismus der deutschen Politik wegen der Abhöraffäre droht, die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit Amerika abzubrechen und denke mir: Vermutlich ist das nur Heuchelei. Die wollen einfach bis in die Ewigkeit hinein Zölle kassieren dürfen.

4 Kommentare
  1. Ralph Gaida sagte:

    Zu den Zöllnern hat Hans Söllner bereits vor vielen Jahren mal alles gesagt, was man zu diesen Leuten wissen muss!

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  2. Ophilon sagte:

    Neulich im September 2016 hatten sie eine ganz besonders tolle Idee: Warum Briefe ab sofort nicht nur noch 7 Tage lagern und dann zurück schicken? Am Besten über Ostern. Arrrgh sind die sch****.

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  3. F. Baur sagte:

    Ist sehr alt, aber bei Google einer der ersten Treffer und der Artikel hier forderte mich doch etwas heraus…

    Sicher sind die Sprüche der Zöllner teils dumm gewesen und dass die Rechnung doch da war, unter aller Sau.

    Aber: es steht deutlich in dem Brief, dass man eine ausgedruckte Rechnung mitbringen soll. Dieser Fehler war also Ihrer und ich kann verstehen, dass die Leute ungehalten reagieren. Zudem der Spruch „der Staat ist für den Bürger da“ hier völlig unpassend und uralt ist. Das Angebot die Rechnung auszudrucken ist sehr kulant gewesen.

    Klar, das alles wird zunichte gemacht durch den Fehler die Rechnung übersehen zu haben. Aber Ihr Verhalten war auch fern von gut.

    PS: Dafür dass TTIP nicht kam kann man sich bei den Wutbürgern von links und rechts bedanken, die Panik von Chlorhühnchen hatten und für die die Globalisierung an allem Schuld ist. Dass die Regierung dagegen gewesen sein soll ist doch Blödsinn.

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    • F. Baur sagte:

      Und noch ein Zusatz (ja, ich habe gerade viel Zeit):

      Ihr Verhalten ist eigentlich genau das gleiche wie das der Zöllner. Selber einen Fehler gemacht (Rechnung nicht ausgedruckt, bzw. übersehen) und dann den anderen anschnauzen.

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