Offenbar sind Überfälle in Nachtzügen nichts außergewöhnliches. Das Zugpersonal spricht gern darüber. Wie oft so etwas passiert scheint allerdings niemanden zu interessieren. Und wenn es passiert, dann bespricht das zwar die Lage bei der Bundespolizei – unternimmt aber nichts. Wie zuletzt vor wenigen Wochen.

Es ist zwei Uhr am Morgen. Drei Fahrgäste im Liegewagenabteil des Nachtzugs Berlin-Wien versuchen, auf ihren Etagen-Betten etwas Schlaf zu bekommen. Zwei liegen oben, einer unten. Plötzlich kommt Unruhe auf: Ein Unbekannter steht im Abteil, die Schiebetür zum Gang ist geöffnet. Der Reisende auf der  unteren Liege hat sich an die Wand gekauert und starrt mit weit aufgerissenen Augen auf den Eindringling. Einer der beiden aus der oberen Etage schaltet das Licht ein, brüllt den Fremden an und stößt ihn schließlich hinaus.

Szenen wie diese habe ich selber erlebt. Sie spielen sich in Nachtzügen offenbar häufiger ab als bisher bekannt. Während der zahlreichen Zwischenstopps auf meist unbewachten Gleisen schleichen sich die Räuber an Bord oder steigen auf die angehängten Auto-Waggons. Zuletzt haben Zugräuber am 25. Oktober in Prag mehrere Autos auf einem Zug aufgebrochen, der von Berlin nach Wien unterwegs war.

Unter Vielreisenden und Schaffnern gilt die Strecke Berlin-Wien als eine der gefährlichsten in Europa. Den Tätern kommt entgegen, dass dier Zug von Berlin nach Wien zwei Staatsgrenzen überquert – die deutsch-tschechische und die tschechisch-österreichische. Das erschwert die Strafverfolgung.

Die österreichische Bahn unternimmt etwas, die deutsche weiß von nichts

Letzter Halt des Nachtzugs Berlin-Wien auf deutschen Territorium ist Bad Schandau. Dort wird die Lokomotive der Deutschen Bahn gegen eine tschechische ausgetauscht. Der Zugchef, zuständig für Schaffner, Service und Sicherheit an Bord, wechselt ebenfalls. Außerdem – so ist vom Zugpersonal zu hören – sollen schon in Bad Schandau gelegentlich die ungebetenen Gäste den Zug betreten. Meistens kommen sie aber erst in Tschechien an Bord, als heißestes Pflaster gilt Prag. Hier legt der Nachtexpress immer einen längeren Stopp ein. Dass sich Räuber in den Nachtzügen herumtreiben, ist für die Zentrale der Deutschen Bahn eine gänzliche Neuigkeit. Bis zu meiner Anfrage „war dieses Phänomen in keiner Weise bekannt“, sagt Bahn-Sprecher Andreas Fuhrmann. Ganz anders dagegen klingt es in Wien. „Das Thema ist bekannt“, sagt Thomas Berger, der Sprecher der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB).

Allerdings würden die Räuber praktisch nie auf österreichischem Staatsgebiet zuschlagen, sondern auf der tschechischen Seite. „Das ist nicht unser Hoheitsgebiet“, sagt Berger. Untätig seien die ÖBB dennoch nicht. „Unsere Konzernsicherheit steht gemeinsam mit dem österreichischen Innenministerium in Kontakt mit den tschechischen Behörden“. Mehrfach seien Mitarbeiter zu Besuch bei ihren Kollegen in Prag gewesen. Die ÖBB würden darauf drängen, dass die Züge während der Wartezeiten bewacht werden. Erste Erfolge seien sichtbar. Berger: „Ich war letztens selber in einem Nachtzug nach Berlin unterwegs und habe uniformierte Exekutivbeamte auf dem Bahnsteig in Prag gesehen“. 

Völlig unklar ist, wie oft Reisende in Nachtzügen überfallen werden. Die deutsche Bundespolizei, die für die Bahnsicherheit zuständig ist, kann auf Anfrage nur veraltete und offenbar unvollständige Zahlen nennen. Im ersten Halbjahr 2007 gab es demnach 31 Anzeigen von Reisenden, die mit einem Euronight-Express unterwegs waren, außerdem fünf Anzeigen wegen aufgebrochener Autos auf den Zügen. Überfälle außerhalb der deutschen Landesgrenzen werden praktisch nie erfasst. Der Überfall vom 25. Oktober in Prag wurde zwar bei der Lagebesprechung der Bundespolizeidienststelle in Dresden erwähnt, wie ein Sprecher bestätigt, Ermittlungen gebe es dazu aber nicht. Auch ÖBB-Sprecher Berger räumt ein: „Wir haben keine Erkenntnisse über die Dimension“. Immerhin nennt er neben der Verbindung Berlin-Wien weitere Strecken, die für Zugräuberei besonders berüchtigt seien: Die Nachtzüge nach Belgrad und Bukarest sowie Strecken in Frankreich.

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