Den Bischof Mixa muss der Teufel der katholischen Kirche eingebrockt haben. Das, was da gerade an Widerlichkeiten ans Tageslicht kommt, hätte sich kein Romanautor ausdenken dürfen. Jeder Verlag hätte diese Melange aus exzessivem Sex & Drugs & Rock’n’Roll im Talar als völlig realitätsfern verworfen. Aber das Leben und der Leibhaftige schreiben die besten und die absurdesten Geschichten. Man hat den Eindruck, dass sogar die antiklerikalen Populisten vorübergehend verblüfft sind, diese Leute, die sonst so tun, als wären sie auf das allerherbste persönlich getroffen, wenn der Papst zur Moral spricht. Als würde es sie geradezu körperlich zerreißen, wenn Benedikt sexuelle Enthaltsamkeit, eheliche Treue und solche Dinge predigt. Als würden sie plötzlich an das Fegefeuer glauben und als sei der Papst persönlich der Höllenhenker, der es am lodern hält. Dieselben Leute, die ansonsten agnostisch über den Dingen zu stehen vorgeben, die glauben, ihr Wissen sei jedem Glauben überlegen, die die Autorität des Papstes für eine Anmaßung halten, die seine Stellvertreterrolle auf Erden nur hohnlachend zur Kenntnis nehmen können, ausgerechnet diese Leute schreiben der katholischen Kirche und ihrer Führung metaphysische Kräfte zu, wenn sich daraus Fundamentalkritik ableiten lässt.

Dazu passt ein Kommentar im Stern, der einen gewagten Vergleich zieht, beziehungsweise eigentlich eben gerade keinen Vergleich zieht, sondern der einfach zweierlei gleichsetzt: Die untergegangene Sowjetunion mit der katholische Kirche. Gorbatschow habe sein System reformieren wollen, meint der Autor, und dabei sei es dann leider untergegangen. “Ganz ähnlich sei auch die katholische Kirche – wie jede Diktatur – letztlich nicht reformierbar”, schreibt er dann. Das ist nun wirklich heilige Scheiße, was deutlich wird, wenn wir Sowjetkommunismus und Katholizismus wirklich vergleichen.

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an. Die katholische Kirche existiert seit 2000 Jahren. Die Sowjetunion wurde am 30. Dezember 1922 gegründet und am 21. Dezember 1991 wieder aufgelöst, mithin nach nur 70 Jahren. Das alte Testament der Bibel ist noch deutlich älter, die ersten Quellen des Pentateuch stammen etwa aus der Zeit um 1000 v.Chr. Das Kommunistische Manifest, das neben Marxens Kapital die ideologische Grundlage des Sowjetsystems ist – äh – war, stammt aus dem Jahr 1847, wurde also angesichts der wortwörtlich biblischen Dimensionen seiner Konkurrenz erst gerade eben erdacht. Zu glauben, wegen Herrn Mixa sei jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem die katholische Kirche ihrem Ende entgegentaumelt, ist darum ein bisschen verwegen.

Jetzt zur der leichter Hand notierten Behauptung, auch die katholische Kirche sei eine Diktatur. Hier ist der Autor zunächst dafür zu loben, dass er in fast schon seltener Klarheit das Sowjetsystem als solche sieht. Da hat er recht, denn die Sojetunion hatte alles, was eine Diktatur so braucht: Stacheldraht, Konzentrations- und Straflager (in diesem speziellen Fall Gulag genannt), eine politische Terrorjustiz, einen politischen Terrorgeheimdienst, eine gewisse Großzügigkeit bei der Verteilung von Todesstrafen, das faktische Verbot einer nicht von oben gesteuerten Diskussion, politische Gleichschaltung und Politisierung aller öffentlichen Bereiche, systematische Beschränkung der persönlichen Freiheitsrechte. Die katholische Kirche hat nichts davon. Hier führt der Vergleich also dazu, dass ein Unterschied  konstatiert werden muss.

Natürlich werden die Antiklerikalen einwenden, dass das ja alles nur Äußerlichkeiten seien und die Kirche im Laufe ihrer 2000 Jahre eben gelernt habe, viel subtiler und damit selbstredent viel hinterhältiger ihre Macht zu zementieren. Und die wahre Gemeinsamkeit bestehe eben darin, dass ein einzelner Herrscher, eben der Papst, von oben dekretiere, was unten zu passieren hat, gerade so wie auch im Sowjetsystem. Richtig daran ist nur, dass die Kirche über ihre 2000 Jahre eine, nunja, gewisse Erfahrung gesammelt hat, wie sie sich über die Zeit retten kann. Und unstrittig ist auch, dass die Kirchengeschichte höchst unterschiedliche Zeiten mitgemacht hat. Allerdings ist es ein bisschen unaufrichtig, der Kirche heute noch die Kreuzzüge vorzuhalten, nachdem sie ja jetzt ein paar Hundert Jahre bewiesen hat, dass sie keine weitere derartige Aktion plant, und auch das lustige Leben etwa von Papst Alexander VI. (1431 – 1503) kann dem heutigen Benedikt sicher nicht als Makel vorgehalten werden. Im Gegenteil: Die katholische Kirche hat sich seit der Gründung über das Mittelalter, die Renaissance und die Neuzeit immer verändert und dazugelernt, gerade auch aus Krisen und Skandalen.

Insofern ist auch die Schlüsselbehauptung des erwähnten Stern-Kommentares ziemlich dünn, die ja lautet, die Kirche sei nicht reformierbar. Mit mehr “Demokratie” würde aus ihr nur eine weitere protestantische Kirche. Das darf angesichts der Erfahrung der letzten 2000 Jahre als widerlegt gelten. Natürlich, die Papstkirsche ist nicht im klassischen Sinne demokratisch, aber sie ist auch kein Staat, hat keine staatlichen Macht- und Zwangsmittel, sondern allein den Glauben, die Theologie und das Wort. Wer dazu nicht stehen möchte, kann straffrei gehen. Die Kirche ist kein Staat und keine Mafia, beides so ziemlich die einzigen Systeme, die keinen Austritt gestatten. Im Fall des Staates ginge die Heimat verloren, im Fall der Mafia das Leben. Im Fall der Kirche wäre es nicht einmal der Glaube, denn der ist höchst private Gedankensache und notfalls auch ohne kirchliche Institution zu haben.

Trotzdem existiert die katholische Kirche nach wie vor, und nichts spricht dafür, dass sich daran etwas ändert. Die apokalyptische Debatte, die in Deutschland und in Teilen Europas geführt wird, vor allem in nicht-katholischen, ist ein vorübergehendes regionales Phänomen. Skandale wird es auch in der Kirche immer wieder geben, denn sie wird ja von Menschen gemacht, und die sind bekanntlich allesamt fehlbar. Aber sie wird mit diesen Skandalen fertig werden. Gegen den erwähnten Alexander ist Herr Mixa nur ein kleiner Sünder.

1 Antwort
  1. Klaus sagte:

    Ein sehr treffender Kommentar, insbesondere auch, weil die Krise der deutschen katholischen Kirche klar von der katholischen Weltkirche differenziert wird. Letztere wächst nämlich nach wie vor. Und das ist auch gut so.
    Noch ein Wort zu den Kreuzzügen, die immer gern von Kirchenhassern als Beleg für die Gewalttätigkeit der Christenheit herangezogen wird. Die europäischen Kreuzritter sind einst zu ihrem ersten Kreuzzug aufgebrochen, weil christliche Pilger im Morgenland immer wieder von muslmischen Horden angegriffen wurden. Erst danach hat man sich irgendwann dazu entschlossen, eine Streitmacht aufzustellen, um diesem Treiben Einhalt zu gebieten.

    Antworten

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Gesetzliche Pflichtmeldung: Sternchen heißt Pflichtfeld

*

Aha.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.