Wäre diese Darstellung den Zensur-Befürwortern genehm, oder sollte Bild-Berichterstattung besser ganz verboten werden?

Man kann den Fall Strauss-Kahn offenbar aus zwei unterschiedlichen Perspektiven sehen. Variante 1: Ein hochbezahlter mächtiger Mann wird beschuldigt, eine marginal bezahlte machtlose Frau sexuell attackiert zu haben. Variante 2: Wildgewordene Medien ruinieren den Ruf eines verdienten Ökonomen und strafen ihn ohne Verfahren ab. Variante 1 ist die amerikanische, Variante 2 die deutsch-französische. Variante 1 ist die demokratische, Variante 2 die obrigkeitsstaatliche.

Der Vorwurf einer medialen Hinrichtung ist schon deshalb lächerlich, weil die Medien nichts anderes getan haben, als zu berichten, was Strauss-Kahn und die US-Justiz an Berichtenswertem lieferten. Selbstverständlich taten sie das in Bild, Ton und Text. Das ist ihre Aufgabe. Dass ein Medium dabei etwas frei erfunden hätte, ist nirgends überliefert. Der Vorwurf, die Medien richteten Strauss-Kahn, beruht allein darauf, dass die Medien berichteten, was passierte.

Die Forderung nach Zensur ist da nicht weit. Bezeichnend, dass dieser Reflex ausgerechnet im Fall Strauss-Kahn wieder hochkommt. Ein Sozialist und linker Ökonom, der es in den Institutionen global nach ganz oben schaffte, ist für einen wesentlichen Teil der politischen und medialen Klasse so etwas wie eine Ikone. Der haben französische Medien offenbar über Jahrzehnte Macken gestattet, die sie anderen nicht gestattet hätten. Die alte Erkenntnis hat nicht ausgedient: Manche sind eben gleicher als andere.

Das sieht in den USA etwas anders aus. Dort gilt es allgemein als angebracht, den sündigen Mächtigen mit derselben Art Polizeifoto dem Volk zu präsentieren wie den Kapitalverbrecher aus unterprivilegierten Verhältnissen. Vor Gott und dem Gesetz sind alle gleich, lautet die Botschaft. Vielleicht fällt den Amerikanern so etwas leichter, weil amerikanischer Traum und amerikanischer Alptraum ja nur zwei Seiten derselben Medaille sind. Die Gesellschaft erlaubt schnellen Aufstieg, aber sie stört sich auch nicht an ebenso schnellem Abstieg, wenn der Aufsteiger sich als unwürdig erweist.

Das hat Konsequenzen für das Verhältnis der Mächtigen zu den Medien. Drüben ist es legitim, die gute Story um ihrer selbst zu bringen. Hüben gilt die gute Story tendenziell als suspekt, außer, die Autoritäten selbst haben sie offen oder augenzwinkernd gebilligt. Wer in Deutschland moniert, dass in den USA manche Staatsanwälte Reporter anrufen und ihnen stecken, wo ein Prominenter auf dem Gang zum Gericht fotografiert werden kann, sollte sich an den Fall Zumwinckel erinnern. Der wurde vom Staatsfernsehen in seinem Vorgarten abgeschossen, als die Staatsanwaltschaft ihm den Haftbefehl präsentierte. Vermutlich war es eine nächtliche Eingebung, die den WDR-Reportern den heißen Tipp verschaffte

Aber da ging es ja auch um Steuerhinterziehung, die den Staat wohl mehr stört als die Vergewaltigung eines Zimmermädchens.

 

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