Ganz bestimmt, es kommt nur dieses eine Mal vor, dass Bankkunden von ihrer Regierung bestohlen werden, damit die Schulden von Banken und Regierungen beglichen werden können. So, wie es nie vorkam, dass die Maastricht-Regeln ignoriert, die Bailout-Vorschrift missachtet oder das Versprechen gebrochen wurde, nach der ersten Griechenland-Hilfe werde es keine weitere dieser Art und für niemanden geben. Und ganz bestimmt hat die Zwangsenteignung aus zyprischen Bankguthaben auch nur russische und englische Spekulanten getroffen, wie es in Brüssel, Berlin und Luxemburg jetzt immer heißt. Wahrscheinlich leben in Zypern keine Handwerker, Bauern, Verkäuferinnen, Ärzte, Krankenschwestern, Gastwirte und andere Leute, die ihr Geld auf ehrliche Weise verdienen und im Laufe der Jahre Guthaben zurücklegen – und jetzt wofür bitte zur Kasse gebeten, äh: gezwungen werden?

Zyprische Banken haben sich über die letzten Jahre auf ein etwas einseitiges Geschäftsmodell eingelassen. 40 Prozent aller Kredite, die sie vergeben, vergeben sie an den griechischen Staat. Das ist einerseits leicht einzusehen, denn der griechische Teil von Zypern ist politische eine Marionette der Regierungen in Athen, nicht anders, wie der türkische Teil der Insel eine Marionette der Regierung in Ankara ist. Gleichzeitig ist Griechisch-Zypern für Griechenland so etwas wie die Kanalinseln für England. Dort residieren alle möglichen Firmen, die es nicht geben würde, müssten sie sich an gesetzliche Regeln der Mutterländer halten – Online-Casinos, als Anlageberatungen getarnte Geldwäscher oder dubiose Holdings, die steuerpflichtige Gewinne aus Beteiligungen anderer Länder herbeischaffen. Tatsächlich sollen auch zahlreiche russische Oligarchen dort ihre Milliarden parken.

All diese Gelder – die der Oligarchen, die der Glücksspieler und Abenteurer, aber auch die der Handwerker, Bauern, Verkäuferinnen usw., haben die zyprischen Banken also an die Regierung in Athen ausgeliehen, und zwar zu hohen Zinsen. Denn bekanntlich muss Griechenland für seine Staatsschuldpapiere deutlich höhere Zinsen zahlen als andere Länder, etwa Deutschland. Der Grund ist banal einfach, sei aber trotzdem noch einmal genannt: Die höheren Zinsen sind fällig, weil das Risiko als höher gilt, dass Griechenland das geliehene Geld nicht zurückzahlt. Dann passierte, was in solchen Fällen eben passieren kann – die Ratingagenturen sind schließlich nicht blöd und haben Griechenland zurecht miserabel bewertet: Griechenland verkündete die Staatspleite, die von Regierungen und staatstragender Opposition verharmlosend Schuldenschnitt genannt wird. Auch die Banken mussten auf Geld verzichten.

Man könnte dazu jetzt sagen: Tja, so ist das halt, wenn jemand Geld an einen Risikokandidaten verleiht. Man verlangt höhere Zinsen, geht aber auch ein erhöhtes Risiko ein. Und jetzt, lieber Leser, folgt natürlich der naheliegende nächste Gedanke – der lautet: Pustekuchen, eben doch nicht. Den Ausfall tragen auch diesmal nicht die, die die hohen Zinsen für ihre riskanten Darlehen einstreichen, sondern eben auch die erwähnten Handwerker, Bauern, Verkäuferinnen usw.

Fatalerweise stammt die Idee für diesen Banküberfall offenbar ausgerechnet aus dem sich immer so rechtsstaatlich gebenden Berlin. Es muss eine wirklich verbogene Politikerlogik gewesen sein, die zu diesem Irrwitz führte. Schäuble habe sich das ausgedacht, weil eine Zypern-Hilfe innenpolitisch nicht anders durchsetzbar sei, heißt es allerorten. Damit mag in zweiter Linie die bevorstehende Wahl gemeint sein (oder auch nicht, denn eine Alternative stellt sich ja nicht zur Wahl, jedenfalls keine, die derzeit nach sicherem Fünf-Prozent-Anteil ausschaut und seriös wählbar wäre), in erster Linie aber natürlich der politische Kosmos in und um den Bundestag. Vor allem die Zustimmung der SPD wird es gewesen sein, auf die Schäuble schielte, weshalb er immer von den russischen und britischen Spekulanten spricht, die in Mithaftung genommen würden, was zwar blöd-klassenkämpferisch genug klingen müsste, um der SPD ein Ja abzutrotzen, aber eben nur dann, wenn bloß niemand von den erwähnten Handwerkern, Bauern, Verkäuferinnen usw. reden würde. Eine ziemlich zynische Logik.

Und eine absehbare Lüge dazu, denn es gibt nicht den geringsten Grund, zu glauben, dass die Regierungen nur dieses eine Mal ehrlich erworbenes Eigentum zwangsenteignen, vulgo: ihren Bürgern rauben. Es ist schlicht und einfach die nächste Eskalationsstufe der Euro-Schuldenkrise. Es ist die immer gleiche als alternativlos erachtete Strategie, die darin besteht, die Symptome zu verkleistern und den Schlussknall lange genug herauszuzögern – am besten bis zur politischen Rente für die derzeitige und verantwortliche Politikergeneration, die mit Maßlosigkeit, Schuldenmacherei und zunehmend undemokratischem Paternalismus das politische System des europäischen Westens aus den Angeln hebt. Und die früher oder später auch Guthaben anderswo wegräubert. Warum nicht auch in Deutschland? Und warum sollte man denen, die das Gegenteil beteuern und die auch schon all die anderen Euro-Versprechen ablieferten, glauben?

Wie es aussieht sind die einzigen Figuren, die dagegen angehen, unwählbare, weil undemokratische Clowns wie Beppe Grillo. Das beste, was sich gerade sagen lässt, ist: Immerhin sind die Zeiten spannend.

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