War das schon die Vorentscheidung im Bayreuther Peggy-Prozess? Zuerst lieferten sich der Verteidiger von Ulvi Kulac, Michael Euler, und Staatsanwältin Sandra Staade noch ein mildes Geplänkel. Es ging um die Frage, ob die Aussagen dreier Kinderzeugen, die eher unwichtige Details über die letzten Sichtungen der verschwundenen Peggy leicht unterschiedlich geschildert hatten, als widersprüchlich oder übereinstimmend zu interpretieren seien. Nach einer Weile schaute Anwalt Euler amüsiert zur Staatsanwältin und meinte: „Mir reicht es schon, wenn wir es es nicht ausschließen können.“ Gemeint war, dass die Kinder Peggy tatsächlich gesehen haben könnten. Staatsanwältin Staade lächelt fast schon kokett zurück: „Das wird vielleicht so sein“. Im Klartext: Auch die Staatsanwaltschaft glaubt offenbar nicht, dass Ulvi Peggy am Mittag des 7. Mai 2001 ermordet haben kann, weil Peggy nach dieser Zeit noch gelebt haben müsste. Ein Freispruch wäre demnach das einzige mögliche Urteil.

Oder etwa doch nicht? Einer der Zeugen des vierten Prozesstages war der Chef der aktuellen Ermittlungen im Fall Peggy, der Bayreuther Kriminalhauptkommissar Klaus Müller. Er schilderte zunächst, wie der Fall vor zwei Jahren wieder ins Rollen gekommen war. Nach massiven Medienvorwürfen habe die Staatsanwaltschaft angeordnet, den neuen Erkenntnissen nachzugehen. Just zu dieser Zeit, am 6. August 2012, sei ein Schreiben der Strafverfolger in Halle, Sachsen-Anhalt, eingetroffen. Darin teilten die ostdeutschen Kollegen mit, dass sie einen gewissen Holger E. in U-Haft genommen hätten. Auf seinem Computer hätten sich Kinderpornobilder befunden, außerdem Erinnerungsfotos – nicht pornographisch – von Peggy. Angemerkt wurde, dass Holger E. dem Ulvi Kulac auffallend ähnlich sehe. Es waren Fakten, die wir schon in unserem Buch geschrieben haben, und es wurde sehr still im Gerichtssaal.

Noch stiller wurde es, als er berichtete, wie Holger E. den Missbrauch seiner Stiefnichte gestand. Das war bei einem Verhör, zu dem die bayerischen Ermittler im Januar 2013 nach Sachsen-Anhalt gereist waren. Er sei mit ihr zusammen zu Besuch nach Lichtenberg zu Besuch gekommen und wohnte bei den Nachbarn von Peggys Familie. Das war nur zwei Wochen vor Peggys Verschwinden. Die beiden hätten im selben Zimmer geschlafen. Eines nachts habe Holger sich mit einem Finger zwischen den Beinen der Nichte zu schaffen gemacht. Sie habe sich schlafend gestellt. Auch die inzwischen junge Frau vernahmen die Ermittler. Sie habe sich genauestens erinnert, sagte Kommissar Müller.

Einige Wochen später beichtete Holger noch mehr. 2008 habe er ein achtjähriges Mädchen missbraucht. Sechs Jahre später vergewaltigte er sie ein weiteres Mal, wenige Tage vor seiner Hochzeit.

Auch über Peggy sprach er. Bei einem seiner Besuche in Lichtenberg habe sich Peggy in sein Zimmer geschlichen, sei auf ihn draufgesprungen und habe ihn sexuell angemacht – ich hatte darüber schon berichtet.

Seine Ermittler hätten daraufhin noch einmal die ganze Vorgeschichte des Verdächtigen Holger E. untersucht – mit dem Ergebnis, dass er mehrfach versucht habe, sich mit erfunden Alibis aus der Affäre zu ziehen und bis heute nicht zu klären sei, wo er sich an dem Tag aufhielt, an dem Peggy verschwand.

Holger E. ist für die Kripo nach aktuellem Stand aber nicht der einzige Verdächtige. Müller nannte drei weitere Namen: Holgers Stiefbruder Jens B., den wegen Kindesmissbrauchs vorbestraften Lichtenberger Robert E. und – erneut – Ulvi Kulac. Der habe sich am Marktplatz in Lichtenberg aufgehalten, den Peggy auf ihrem Weg von der Schule habe überqueren müssen, habe ebenfalls andere Kinder missbraucht und komme darum ebenso infrage wie die anderen Verdächtigen. Plötzlich war die Atmosphäre im Gericht eine ganz andere als beim Geplänkel zwischen Staatsanwältin und Verteidiger zuvor.

Gleich darauf drehte sich die Stimmung erneut – als nämlich Verteidiger Euler den Ermittler gezielt nach einem der damaligen Zeugen befragte, die Peggy am Nachmittag sahen. Es handelte sich um einen Schülerlotsen, mit 14 Jahren schon etwas älter und reifer als die anderen Kinderzeugen. Ob er dessen Aussage kenne, fragte Euler. Der Kommissar bejahte. Ob er sie für glaubwürdig halte? Müller bejahte wieder, womit der Verdacht gegen Ulvi Kulac schon wieder bröckelte. Müller brachte noch ein Mädchen ins Spiel, das Peggy ähnlich sehe, das den damaligen Ermittlern entgangen gewesen sei und das der Zeuge eventuell mit Peggy verwechselt haben könnte, aber das änderte nichts – ein positiver Beweis ist so etwas nicht.

Richtig hitzig wurde es gegen Ende des Tages, als Euler fragte, ob es neben den vier Männern noch weitere Verdächtige gebe. Konkret: Ob auch gegen Peggys Mutter und gegen ihren damaligen Stiefvater ermittelt werde. Müller eierte, die Staatsanwältin sprang ihm bei und erklärte, diese Fragen würden aktuelle Ermittlungsverfahren betreffen. Das wiederum war auch deshalb heikel, weil die Staatsanwaltschaft hier in doppelter Funktion auftrat – als Anklagebehörde im Wiederaufnahmeprozess gegen Ulvi Kulac und gleichzeitig als Herrin der aktuellen Ermittlungen. Staatsanwältin Staade erklärte, formelle Ermittlungen gebe es gegen Susanne Knobloch, die das, als Nebenklägerin neben ihrer Anwältin sitzend, einigermaßen überrascht zur Kenntnis nahm, weil es eben offen ließ, ob informell womöglich doch gegen sie ermittelt werde. Ihre Anwältin kündigte jedenfalls schon an, zu überlegen, ob Susanne Knobloch ihren geplanten Zeugenauftritt besser absagen sollte, unter Berufung auf den Paragrafen 55, der regelt, dass niemand etwas aussagen muss, wenn er sich selber belastet.

Wie die Überlegung ausgeht, werden wir schon am Mittwoch wissen. Für diesen Tag ist Peggys Mutter als Zeugin geplant.

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