Neulich waren wir im Kino. Die Auswahl an Filmen war nicht besonders toll. Wir entschieden uns für “Lucy”, weil ich irgendwo eine annehmbare Kritik gelesen hatte und Scarlett Johansson gerne sehe. Der Film war, nunja, durchaus unterhaltsam, wenn auch sehr brutal. Die Handlung, das war schon nach ein paar Minuten klar, basierte auf einer Idee der Scientologen. Erstaunlich fanden wir die Freigabe des Films für Kinder ab 12 Jahren. Noch erstaunlicher fand ich die Erklärungen, die die FSK mir auf meine Nachfrage dazu gab.

Erstmal zur Handlung: Eine junge Frau wird von ihrem feigen Freund mit Drogengangstern zusammengebracht. Sie gerät in die Hände skrupelloser Gangster. Die wollen sie zur Kurierin einer neuartigen Superdroge machen und operieren ihr ein Päckchen der Droge in den Bauch. Vor ihrem Abflug wird sie in eine Zelle gesperrt. Ein Wärter macht sich über sie her. Sie wird misshandelt und getreten. Dabei platzt das Drogenpäckchen in ihrem Bauch. Die Superdroge flutet ihren Kreislauf. Angesichts der hohen Dosis verwandelt sie sich zur Superheldin.

Schnitt. Vorlesung in einem Uni-Hörsaal. Morgan Freeman spielt einen Professor, der behauptet, der Mensch nutze nur zehn Prozent seiner Hirnkapazität. Sei er in der Lage, die brach liegenden Hirnzellen zu aktivieren, werde er zum Herrn über Raum, Zeit und Materie.

Genau das behauptet auch Scientology. Es ist längst widerlegter Blödsinn und eine pure Erfindung von Scientology-Gründer Ron Hubbard. In Zeitungsanzeigen warb die Sekte jahrelang mit dem Bild Albert Einsteins und fabulierte, es sei Einstein gewesen, der diese Erkenntnis in die Welt gesetzt habe. Auch das ist frei erfunden und diente allein dem Zweck, Mitglieder für die Sekte und Käufer für Hubbards Blödsinn zu gewinnen.

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Scientologischer Blödsinn: Den Satz, den die Sekte ihm zuschreibt, hat Einstein nie gesagt

Im Film ist es die neue Superdroge, die die brachliegenden neunzig Prozent des Hirns nach und nach aktivieren. Dank ihres Hirndopings sprengt Lucy ihre Ketten und schnappt sich den Boss der Drogengang. Mit zwei Dolchen tackert sie seine Hände auf der Tischplatte fest. Die Kamera zeigt das überdeutlich: Wie die Klingen durch die Hände sausen, dann ein Blick auf sein schmerzverzerrtes Gesicht. Dazwischen laufen immer wieder psychedelische Muster über die Leinwand, die das Innenleben der Superheldin illustrieren sollen.

Mit fortschreitender Handlung wird sie immer stärker. Neue Handlungsstränge werden immer dadurch eingeleitet, dass der Nutzungsgrad ihres Gehirns als Prozentzahl eingeblendet wird – 50 Prozent, 60 Prozent, 70 Prozent, usw. Am Ende trifft sie den Professor, der sie in seinen Computerraum bringt. Während die Gangsterbande die Stadt in Schutt und Asche ballert und kurz davor steht, auch die Superheldin zu ermorden, löst die sich dank ihrer geistigen Fähigkeiten in puren Geist auf und wird eins mit dem Computer des Professors.

Ein echtes B-Movie also, auch, wenn der Regisseur Luc Besson heißt, das komplett auf der kruden Gedankenwelt von Scientology-Gründer Ron Hubbard basiert. Soweit, so gut.
Aber jetzt kommt eine staatliche Stelle ins Spiel, die darüber zu befinden hatte, ab welcher Altersgruppe dieser Film gezeigt werden darf – die FSK.

Trotz exzessiver Gewalt und übler sexueller Gewaltszenen (Sex findet in dem Film ausschließlich als Vergewaltigung statt) ist der Film ab 12 Jahren freigegeben. Auf ihrer Webseite begründete die FSK ihre Einstufung damit, dass die Gewalt kein Selbstzweck sei, sondern dazu diene, “zahlreiche philosophische Fragestellungen” zu “verhandeln”. Anders gesagt: Die FSK hält exzessive Gewalt für kindgerecht, weil die Gewalt in scientologischen Blödsinn eingebettet ist. Das ist fürwahr bemerkenswert.

 

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Ihre Freigabe ab 12 begründete die FSK zuerst mit “philosophischen Fragestellungen” des Films. Nach meiner Anfrage wurden daraus “zeitkritische Fragestellungen”.

 

 

Ich habe also Kontakt mit der FSK aufgenommen, um zu erfahren, welche Philosophie es sei, die bedeutend genug wäre, exzessive Gewalt im Kino quasi zur kindgerechten Lehrstunde zu machen. Ein Anruf und eine E-Mail blieben 14 Tage unbeantwortet. Erst, als ich dann zwei Tage nacheinander am Telefon nervte, erhielt ich einen Rückruf, und zwar von Sabine Seifert. Sie ist ständige Vertreterin der “Obersten Landesjugendbehörden” (OLJB) bei der FSK.

Dass der Inhalt des Films scientologisch geprägt sei, darauf sei niemand gekommen, antwortete sie mit entwaffnender Offenheit. “Wir haben überhaupt nicht an eine Sekte gedacht, sondern das eher aus der Sicht Jugendlicher diskutiert.” Es sei da um Fragen gegangen wie: “Was kann ich leisten, wer bin ich?” Damit gehe der Film auf “interessante” Weise um.

Allerdings werde sie die Formulierung auf der FSK-Webseite jetzt ändern, was sie tatsächlich auch sofort tat. Jetzt steht dort, der Film verhandle “zivilisationskritische Fragestellungen”. Erstaunlich, wie beliebig die Begriffe dort verwendet werden. Weiter hinten bleibt es allerdings dabei, dass der Film eine Mischung aus “Phantastik und Philosophie” sei.

Zudem seien die Prüfer der Meinung gewesen, Zwölfjährige seien aus den Medien ausreichend an Gewalt gewöhnt und in der Lage, die Story als fiktional zu durchschauen. Meine Gegenfrage, ob die lockere Bewertungspraxis der FSK und die zunehmende Gewalt in Filmen womöglich die Ursache für die kindliche “Medienkompetenz” sei, die FSK die Kinder also erst mit Monstern konfrontiere und dann den Schluss ziehe, jetzt seien sie ja daran gewöhnt, beantwortete sie im Prinzip zustimmend. “Wenn das mediale Brutalität meint, ist Ihre These vielleicht gar nicht verkehrt”, sagte sie.

Am Ende räumte sie ein, dass “Lucy” auch im Prüfverfahren durchaus problematisch gesehen wurde. Der Film sei zunächst nämlich erst ab 16 freigegeben worden. Dagegen habe aber die Verleihfirma protestiert. Daraufhin habe sich der Hauptausschuss der FSK den Film noch einmal neu vorgenommen und “sehr lange diskutiert”. Am Ende setzte sich die Verleihfirma durch, die den Film auch Zwölfjährigen zeigen wollte.

Das ist fatal, denn das FSK-Siegel wird von Eltern als amtliche Freigabe angesehen. Die FSK erfüllt eine staatliche Funktion. Ihr Siegel legt juristisch fest, wie jung die Zuschauer sein dürfen, die ins Kino eingelassen werden.

Es ist nicht das erste Mal, dass die FSK kritisiert wird. Vor einigen Jahren widmete sich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ausführlich der Freigabepraxis. Die damalige Jugendministerin Kristina Schröder reagierte darauf mit der Forderung nach strengeren Maßstäben – vergeblich, wie es aussieht.

Siehe auch: http://www.sueddeutsche.de/leben/scientology-rekruten-komm-zu-uns-1.286011

1 Antwort
  1. SuperOTpower4U sagte:

    Blödsinn? Pure Erfindung?? Wir vom Scientology Verein weisen diese Anschuldigungen auf das Schärfste zurück!

    FAKT ist, jeder unserer 18.785.269,14 Anhänger benützt nicht nur 10 % seines geistigen Potentials, sondern dank dieser unfassbaren Technologie mittlerweile 146,851 Prozent.

    WIR sind die einzige Hoffnung für diesen Planeten. WIR verbessern Zustände (so hat es Tom Cruise gesagt). WIR sind die Autoritäten auf dem Gebiet des Verstandes (sowieso auf allen Gebieten!).

    Hinter diesem Blog steckt bestimmt ein Scientology-Hasser, finanziert von der Psychiatrie um unseren Wohlfahrtsverein anzuschwärzen und gehirngewaschen von den Medien.

    Much Love,

    http://superotpower4u.wordpress.com

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