Es ist ganz schön schwierig geworden, in den wichtigen Debatten nicht falsch verstanden zu werden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Diskussion über die Frage, ob Zuwanderer einen finanziellen Gewinn oder eine finanzielle Belastung für den deutschen Staat darstellen. Angestoßen hatte die Debatte der Volkswirtschaftsprofessor Holger Bonin. In einer Studie für die Bertelsmann-Stiftung schrieb er, dass Ausländer den Staat nicht nur kein Geld kosteten, sondern “im Gegenteil:  Ihre aktuellen und künftigen Einzahlungen in Form von Steuern und Abgaben […] deutlich über den von ihnen in Anspruch genommenen Sozialtransfers” lägen. Das wiederum zweifelte der Wirtschaftsforscher Hans-Werner Sinn an. “Migration ist ein Verlustgeschäft”, sagte er der FAZ. Bonin habe seine Zahlen falsch interpretiert. Darauf regte sich medialer und politischer Unmut, den Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo mit der Aussage auf den Punkt brachte, die beiden Professoren würden fatalerweise Markt-Maßstäbe anlegen, “um zu unterscheiden, ob Menschen gut oder schlecht seien.”

Das freilich hat keiner der beiden Professoren getan. Ihr Thema lautete nicht, gute und schlechte Ausländer zu definieren, sondern die Folgen von Zuwanderung auf die Staats- und Sozialkassen zu untersuchen. Das hat nichts mit der

“völligen Unzulänglichkeit von Excel-Tabellen mit Euro-Werten zur Vermessung von Menschen”

 zu tun, wie Lobo behauptet. Vielmehr geht es darum, ob und wie der Staat finanziell auf Zuwanderung reagieren soll. Hätte Lobo Bonins Studie ganz gelesen, wäre er darauf gestoßen, dass der etwa für mehr Investitionen in Bildung für Zuwanderer eintritt und diese Forderung mit seiner Sicht auf die Zahlen begründet. Diese Investitionen seien “kostenneutral”, meint Bonin, weil die derart geförderten Ausländer später mehr Geld verdienen und dem Staat zusätzliche Einnahmen bringen. Er rechnete sogar aus, wie viel: 118.400 Euro pro Kopf. Will Lobo diese Rechnung auch verdammen?

Bonin dürfte seine Excel-Tabelle dabei jedenfalls geholfen haben. Und die Riege der Kapitalismuskritiker (Lobos Skepsis gegen den “Markt” lässt ihn wohl dazugehören) hat ansonsten auch nichts dagegen, wenn der Staat den Menschen als Zahl betrachtet. Sonst wäre kein einziger fassbarer Gedanke zum Thema Umverteilung möglich. Auch Bundestagsfraktionen und Bundesministerien dürften ihre Konzepte mit Excel-Tabellen berechnen. Es ist in Wahrheit wohl etwas anderes, was Lobo stört, und das zeigt die Debatte um die Bertelsmann-Studie eben auch.

Als Bonin seine Erkenntnisse nämlich der Öffentlichkeit vorstellte, da war das Medienecho nicht nur riesig, sondern auch fast einhellig wohlwollend. “Ausländer füllen deutsche Sozialkassen”, titelte die Tagesschau, “Zuwanderung entlastet deutschen Sozialstaat” die Zeit, “Ausländer bringen Deutschland Milliarden”  Spiegel Online. Niemand störte sich an Bonins Excel-Tabellen, und niemand kritisierte auch, dass er in seiner Studie mit Fachwörtern wie “Kohortensalden” operierte. Hätte wer anders so ein Wort verwendet, hätte man ihm vielleicht vorgeworfen, er diffamiere Zuwanderer als wilde Kohorten.

Genau da liegt das Problem: Bonins Fazit passte bestens zur Agenda. Eine wissenschaftliche Arbeit, die die eigene moralische Weltsicht bestärkt, ist natürlich hochwillkommen. Und in diesem Fall passte auch noch das Timing, weil sie die Hogesa- und Pegida-Demonstranten so doppelt schlecht aussehen ließ – nicht nur moralisch verkommen, sondern auch noch wissenschaftlich widerlegt. Dass dann Professor Sinn daherkam und Bonins Fazit in Frage stellte passte dagegen nicht. Eine auf Wissenschaft gebaute öffentliche Meinung war plötzlich nur noch eine von zwei Meinungen. Sowas kratzt am Nimbus.

Da hilft dann nur noch die grobe Keule, also die Moral. Erst jetzt fällt Sascha Lobo auf, dass Zahlen und Menschen nichts miteinander zu tun haben sollen. Erst jetzt wird das Ressentiment gegen den Markt bemüht. Tatsächlich ist es aber ein Ressentiment gegen evidenzbasierte Wissenschaft, sofern sie sich nicht für eigene Zwecke einspannen lässt. Flugs soll die Debatte weggeführt werden von den Zahlen und Fakten (egal, ob am Ende Sinn oder Bonin recht behält) und der Frage, wie sie korrekt gelesen werden sollen, hin zu billigem “gut” und “schlecht”.

Das ist arg. Es verbietet Zwischentöne und Diskussionen ohne moralisch verschriebene Vorab-Resümees. Lobo vereinfacht auf böse Weise. Bonin ins Kröpfchen, Sinn ins Töpfchen mit Pegida und Hogesa. Dabei habe ich gelinde Zweifel, ob Sinn irgendwelche Sympathien für diese Dresdner Komiker empfindet, die der DDR-Bürgerbewegung die Montagsdemonstrationen geklaut haben und von einem notorischen Kleinkriminellen angeführt werden.

Wie gesagt, es ist ein bisschen schwierig geworden, bei den wichtigen Debatten nicht falsch verstanden zu werden.

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