Die Medien haben beim Germanwings-Absturz eine großartige Rolle gespielt. Ohne die New York Times wüssten wir vielleicht bis heute nichts über den dringenden Verdacht gegen Copilot Andreas Lubitz. Einerseits. Andererseits hat Airbus-Chef Tom Enders völlig recht, wenn er den Expertenirrsinn in den Fernsehtalkshows anprangert. Und nicht nur dort: Die ARD erfindet seit einiger Zeit eine neue Form von Informationsprogramm, das ohne Information, ohne Recherche und ohne jede Störung von außen auskommt.

Im “Informationsradio” des bayerischen Rundfunks hörte ich vor ein paar Tagen ein sogenanntes Kollegengespräch zwischen dem Moderator und einem Reporter, wobei der Reporter mit dem schönen Titel “Luftfahrtexperte der ARD” anmoderiert wurde. Der Morderator befragte den “Luftfahrtexperten”, und der antwortete, als sei er tatsächlich ein Protagonist und eben in Wahrheit nicht ein Reporter. Ähnliches veranstaltet die ARD auch zu anderen Themenkomplexen, etwa mit einem “Terrorismusexperten” oder einem “Wetterexperten”.

Das ist vor allem deshalb eine Fehlentwicklung, weil die ARD damit Grenzen verwischt, wo sie welche ziehen sollte. Was ist Fakt, was Spekulation? Wer ist Reporter, wer ist Protagonist? Was ist mit der gebotenen journalistischen Distanz? Wie soll ein als Experte geladener Uniprofessor noch glaubwürdig von einem redaktionellen “Experten” unterschieden werden? Hier wird alles zu einer Soße verrührt und ein Ereignis vollständig vermedialisiert und im Sinne der Anstalt als Marke verkauft. Außerdem spart solches Vorgehen eine Menge Arbeit. Mit “Experten” kann man viel Sendezeit füllen, ohne mühselig viele Details recherchieren zu müssen.

Amerikaner sind da anders drauf, und ich mache auch kein Geheimnis daraus, dass ich ein großer Fan des angelsächsischen Journalismus bin. Das fängt mit der Klarheit an, in der angelsächsische Medien Informationen so vollständig wie möglich bringen, also auch den vollen Namen und ein Bild des Hauptprotagonisten, in diesem Fall Andreas Lubitz. In England und Amerika haben das alle so gemacht. Anders die deutschen Medien. Hierzulande bringen manche den Namen, andere nicht. Manche zeigen sein Foto, andere nur verpixelt, noch wieder andere gar nicht. Sprich: Der deutschen Medienlandschaft fehlt der Kompass. Stattdessen herrscht ein komisches Klima vor, eine eigentümliche Mischung aus Selbstzensur, vorauseilendem Gehorsam und Publikumsverachtung – ja: Publikumsverachtung, denn es ist im Grunde nicht vermittelbar, wenn Journalisten meinen, sie müssten ihr Publikum vor irgendetwas bewahren, es lenken, sprich: es bevormunden.

So ist es zwar einerseits kurios, dass ein weit entferntes amerikanisches Medium das wohl entscheidende Faktum recherchierte und in die Öffentlichkeit brachte, andererseits aber so gesehen auch folgerichtig. Es war bekanntlich die New York Times, die herausfand, dass Lubitz das Flugzeug wohl bewusst gegen einen Berg flog. Hätte die NYT das nicht gebracht – wüssten wir es heute überhaupt? Und hätten die Fluggesellschaften auch ohne NYT so schnell das “Vieraugenprinzip” in ihren Cockpits eingeführt und eine Diskussion begonnen, wie solche Vorgänge – trotz ihres eindeutigen Status als Einzelfälle – künftig besser verhindert werden können?

In Deutschland debattieren dagegen die üblichen Instanzen darüber, wie sie sich selber Grenzen setzen und krude Moral über Professionalität setzen sollen. Neben dem Presserat hat sich vor allem der Deutsche Journalistenverband zu Wort gemeldet, auf die übliche Weise. Statt als Lobby für Journalisten zu wirken und sich für mehr Freiheiten bei der Berichterstattung einzusetzen wirbt der DJV stets für das Gegenteil. Er verlangt bei jeder Gelegenheit Selbstbeschränkung und Selbstzensur. Vielleicht liegt das daran, dass der DJV in Wahrheit gar kein Journalistenverein ist, sondern nur so heißt, denn der Vorsitzende ist in Wahrheit kein Journalist, sondern ein PR-Mann, was in meinen Augen das genaue Gegenteil eines Journalisten ist. Es passt andererseits zum “Expertentum” à la ARD, weil der DJV dieselben Grenzen verwischt, nämlich die zwischen Journalismus und sonstigem Publizismus.

Da ist es gut zu wissen, das nicht alle Medien dieses Spiel mitmachen. Spiegel Online macht es vor. Die SPON-Kollegen nennen Andreas Lubitz mit vollem Namen und begründen das auch ausdrücklich: Schon jetzt sei klar, dass er eine Person der Zeitgeschichte sein werde. Stimmt. Und die Kollegen verschweigen ehrlicherweise auch nicht, dass sie selber anfangs unsicher waren, wie sie es mit Lubitz halten sollten. Das verwundert angesichts der üblichen Selbstfesselung der Medien nicht.

3 Kommentare
  1. Wolfgang sagte:

    Davon abgesehen, die ganze Geschichte ist nicht stimmig und stinkt zum Himmel. Warum ist der Sünderbock immer ein Toten, der sich nicht verteidigen kann. Wer soll diesen Mist noch glauben?

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  2. IT-Experte sagte:

    Experten und fehlendes Fachwissen – Geschützt ist die Bezeichnung Experte nicht, aber es gibt Befähigungsnachweise in vielen Bereichen, mit entsprechenden Zeugnissen, können diese bei so vielen Experten nachgewiesen werden? Ich gehe eher von Halbwissen und selbst angeeignetes Wissen aus.

    Wenn jemand weiß, wie ein Auto aussieht, reicht das für…. , wenn er das Auto fahren kann, dann vielleicht? Ist er dann bereits ein Autoexperte? Wie wird man Luftfahrtexperte? Wenn ein Unglück durch die Staatsanwaltschaft untersucht wird, wie kommen die Medien an diese wichtigen geschützten Informationen, die anfangs geheim sind. Kann man eine Sendung auf zwei Sätzen der Staatsanwaltschaft aufbauen? Ja, mit den passenden Experten geht das. Welche InfoKanäle haben amerikanische gegenüber europäischen Journalisten? Bekommen Geheimdienste einen Absturz eines Flugzeugs durch Satelliten mit und informieren die Presse? Weil der Absturzvorgang so kurios war, so lag es im Interesse zunächst nichts an die Öffentlichkeit kommen zu lassen. Hat sich die NYT nicht daran gehalten? Irgendwann kommen immer Dinge an das Tageslicht, auch unschöne. Es braucht oft Zeit und Geduld. Aber die volle Wahrheit oder Information bleibt oft in der Dunkelheit. So schützt man den bevormundeten großen Bevölkerungsteil vor zu viel Informationen. Viele Fragen sind und bleiben unbeantwortet, deshalb nie aufhören zu fragen. Ein Puzzle mit fehlenden Teilen wird nicht fertig, ist es Absicht? Das Flugzeuge wie auch andere Technik nie 100-prozentig funktionieren, oft denken wir das Gegenteil. So kann man auch gut einen Piloten beschuldigen, der sich nicht mehr äußern kann. Ein technischer Defekt in Verbindung mit Bewusstlosigkeit des Piloten kann nicht ausgeschlossen werden, solange es keine Beweise gibt. Es gibt keine Zeugen, keine Kamera im Cockpit, keinen Flugschreiber. Durch einen Autopilot kann ein Flugzeug stundenlang kapitänslos weiterfliegen und danach ins Meer stürzen. Niemand kann den bewusstlosen Piloten durch die versperrte Cockpittür zur Hilfe eilen, auch die Crew nicht. Zapfluft ist giftig und kann zur Bewusstlosigkeit der Piloten führen. Man könnte auch behaupten, dass Flugzeuge dringend nachgebessert und weiterentwickelt werden müssen.

    Die Fluggesellschaft wusste mehr als sie preisgab. Nur auf Druck wurden nach und nach Erkenntnisse veröffentlicht. Zu informieren ohne genaues Wissen oder Fachwissen, das stelle ich mir schwer vor. Aber mit den passenden Experten kann man Sendezeit der öffentlich-rechtlichen füllen, da Stimme ich voll zu. Das grenzt an Unterhaltung und ist unseriös. Es bringt Einschaltquoten und viele Zuschauer, das will jeder.

    Sendezeiten müssen reserviert werden und die Erwartung der Nachrichtenkonsumenten befriedigt werden. Man sieht, dass das geht. Gute Unterhaltung zu hohen Kosten, mehr ist es nicht.
    Da sieht man den Unterschied zwischen gutem Journalismus und schlechtem.

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