Es gibt Bücher, die einem das Gehirn durchpusten und dabei helfen, das eigene Gedankensystem mal wieder geradezurücken. Zwei davon habe ich gerade gelesen und empfehle sie heftig. Sie handeln von keinem der Themen, die im deutschsprachigen Raum so mehltauartig auf die Stimmung drücken, sondern von großen Erfindern, großen Ideen und großen Erfolgen. Beide sind heftige Empfehlungen.

Fangen wir mit diesem an: Was Google wirklich will: Wie der einflussreichste Konzern der Welt unsere Zukunft verändert. Autor ist Thomas Schulz, Korrespondent des Spiegel im Silicon Valley. Die ersten Seiten überschlagen wir gnädig, da hat vermutlich ein Lektor mitgewirkt, der unnötigerweise mit viel Floskelei Fallhöhe aufbauen wollte, was – angenehme Überraschung ab Seite 31 – völlig überflüssig war, denn die Fallhöhe folgt aus der Story, die dann schön geradeaus erzählt wird.

Es geht um eine Firma, deren Grundidee nicht im geringsten auf Internetsuche beruht, sondern schlicht und simpel darauf, die Welt zu verändern, und zwar im großen Maßstab. Die Internetsuche, schreibt Schulz, habe sich halt so ergeben, weil die Gründer Larry Page und Sergej Brin einen mathematischen Algorithmus entworfen hatten, der halt dafür taugt. Sinn und Zweck von Google sei es, Projekte zu starten, die möglichst gleich einer ganzen Milliarde Menschen das Leben erleichtern.

Der Autor muss irrwitzig viel Zeit bei Google verbracht haben, was sowohl für seine journalistische Hartnäckigkeit spricht als auch für die Offenheit der Firma. Ehrlich gesagt kann ich mir kein einziges deutsches Konzernunternehmen vorstellen, dass einen Journalisten scheinbar nach Belieben mit Entwicklern auf allen möglichen Ebenen plaudern lässt. Man lernt beim Lesen richtig abgefahrene Leute kennen, wie Astro Teller, den Chef der Google Ideenschmiede für neue Projekte, dessen offizieller Titel nicht irgendwie Director Executive Sonstwas lautet, sondern wahrhaftig, auch auf der Visitenkarte, „Captain of Moonshot“.

Moonshots nennen die Googler Ideen, die anderswo als durchgeknallt oder größenwahnsinnig durchfallen würden, bei Google aber erstmal durchdacht und womöglich zu Produkten gemacht werden. Teller, so lernen wir, ist der Sohn von Edward Teller, dem Erfinder der Wasserstoffbombe. Er trage sein Haar zu einem Zopf geflochten, in seinen Ohren glitzerten Piercings, er schlurfe wie ein Rocker durch die Gegend, sei aber auch promovierter Mathematiker, halte mehrere eigene Patente und gründete vor seinem Engagement bei Google selber mehrere Hightech-Firmen.

Jetzt ist er Chef von Biologen, Physikern, Chemikern, Medizinern, Professoren, einem Nobelpreisträger, lauter globalen Spitzenleuten. Auch einen Deutschen und einen Österreicher lernen wir kennen. Letzterer baute als Student in Graz Drohnen, die unfallfrei durch baumreiche Wälder fliegen konnten. Jetzt gehört er zum Team, das Googles selbstfahrendes Auto entwickelt, das nichts anderes sei als ein Roboter, dessen Sensoren irrwitzige Datenmengen an den Rechner schickten, der aus dieser Datenflut zwei simple Bewegungen errechne: Fahrtempo und Lenkrichtung.

Was auch immer an Projekten läuft bei Google: Es ist, schreibt Schulz, nie irgendeine evolutionäre Weiterentwicklung einer bestehenden Lösung, sondern ein radikaler Neuanfang. Es soll nie nur ein paar Prozent Verbesserung gegenüber vorherigem bieten, sondern gleich immer den zehnfachen Fortschritt. Beispiel: Das Projekt Loon, bereits weit fortgeschritten und womöglich bald reif für den weltweiten Einsatz. Eine Flotte von Tausenden Stratosphärenballons soll weltweit die übliche Milliarde (oder mehr) Menschen mittels fliegenden Hotspots an das schnelle Internet bringen.

Das alles liest sich wie Science Fiction, nur ohne Fiction. Wir haben hier eine Firma, die in ganz anderen Bahnen kreist als etwa die deutschen Datenschutzregulierer, denen alles neue irgendwie gefährlich scheint und für die Google erstmal eine Datenkrake ist (grauenhafte Metapher, nebenbei…). Schulz liefert Einblicke, die hierzulande ziemlich selten zu bekommen sind, und bei allem spürbaren Respekt für seine Protagonisten wahrt er hübsch die nötige Distanz.

Außerdem hat er ein paar gute Anekdoten drauf. Wie die: Als die Gründer Page und Brin einen gestandenen Industriemanager suchten, um sich für den Börsengang zu rüsten, da quälten sie sich lange, den richtigen zu finden. Es sollte einer sein, der Erfahrung hatte, aber er musste auch cool genug sein und zum Team passen. Am Ende wurde es bekanntlich Eric Schmidt, was nur daran gelegen habe, dass Schmidt jedes Jahr zum Hippie-Festival Burning Man in die Wüste von Nevada pilgere – wie auch Page, Brin und wohl der halbe Google-Campus.

Lesen! Und wenn Ihr ausgelesen habt gibt’s den Tipp fürs nächste Buch. ;-)

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