Schon schräg. Da schrieb ich vor Jahr und Tag eine Warnung vor einem grassierenden Betrügertrick, und Anfang der Woche ruft mich eine Bekannte an, die wiederum einer anderen Bekannten bei der Wohnungssuche in Berlin hilft. Endlich sei sie fündig geworden. 50 Quadratmeter an der Konstanzer Straße, komplett und sehr schön eingerichtet, nur 500 Euro. Vermieterin sei eine sehr nette Schwedin, die von Berlin weggezogen sei. „Toll, oder?“ „Nee“, sagte ich. „Das ist garantiert Betrug.“ „Nee“, sagte meine Bekannte, „das ist garantiert kein Betrug“. Die Schwedin habe nämlich AirBNB als Treuhänder zwischengeschaltet und AirBNB habe eine Bestätigungsmail mit allen Daten geschickt.

„Sag nichts“, sagte ich. „Ich sage Dir, was passiert ist: Ihr habe nur Fotos von der Wohnung gesehen und konntet sie noch nicht besichtigen.“ „Stimmt“. „Die Schwedin hat irgendwas davon geschrieben, dass sie derzeit leider nicht nach Berlin kommen könne, aber sie habe irgendwo die Schlüssel hinterlegt“. „Stimmt auch“. „Und Ihr habt Geld an ein fremdes Bankkonto überwiesen“. „Äh… ja, haben wir.“ „Wie viel?“ „1500 Euro“. „Wann?“ „Heute früh“. 

Ich ließ mir dann die Mails der Schwedin schicken und auch die Mail, die angeblich AirBNB verschickt habe. Natürlich war es Betrug, Die AirBNB-Mail war eine dreiste Fälschung. Absender war nicht etwa eine Mailadresse der Domain @airbnb.com, sondern eine von der Domain @post.com (hätte auch eine beliebige andere Domain sein können).  AirBNB teilte auf Anfrage auch mit, dass sie keine Treuhanddienste anbieten. Das Konto war eines bei der Ing Bank in Spanien, und zwar eine Filiale in Las Rozas bei Madrid, wie sich anhand der Iban feststellen ließ. Kontoinhaber war ein gewisser Miklos Szikora. Und an den war also gerade ergaunertes Geld unterwegs.

„Es gibt Hoffnung“, sagte ich. „Das Geld ist zwar inzwischen von Deinem Konto weg, aber es ist gewiss dem Gaunerkonto noch nicht gutgeschrieben“. Also haben wir dann mit vereinten Kräften sofort folgendes unternommen:

  • Anruf bei der Hotline der Postbank, denn das Absenderkonto war ein Postbank-Konto. Die Mitarbeiterin im Callcenter reagierte prompt und professionell. Sie holte sich die Zahlung auf den Schirm, erkannte die Zusammenhänge und kündigte an, den Vorgang jetzt sofort an eine bankeigene Ermittlungsabteilung für Betrugsfälle weiterzuleiten.
  • Anruf bei der Ing-Bank in Spanien – auch die hat eine 24-Stunden-Hotline. Auch die dortige Mitarbeiterin nahm den gesamten Vogang auf – also Absender- und Empfängerkonto mitsamt dem mutmaßlichen Betrugsgehalt. Außerdem gab sie mir eine E-Mail-Adresse der Bank sowie den Hinweis, dass die spanische Polizei bei Twitter unter @policia ansprechbar sei.
  • E-Mail an die spanische Bank mit der Bitte, das Empfängerkonto zu sperren.
  • Tweet an @policia, die tatsächlich tweetwendend einen Link mit Telefonnummern schickten. Dort riefen wir an und schilderten den Fall noch einmal. 
  • Anzeige bei der Polizei in Teltow, Brandenburg (das örtlich zuständige Revier meiner Bekannten).

Eine oder mehrere dieser Maßnahmen war erfolgreich. Zwei Tage später war das Geld zurück. Bei einer Kontoabfrage tauchte eine Rückbuchung über die vollen 1500 Euro auf, mit dem Vermerk, das Konto von Miklos Szikora sei gesperrt worden. Die Sache ging also gut aus.

Wer aber ist Miklos Szikora? Warum ist er so blöd, seine Kontoverbindung für einen Betrug zu nutzen – der ja früher oder später auffliegen muss? 

Die Antwort dürfte die sein: Es handelt sich wohl um eine Art Strohmann, und die Methode dahinter ist in Gangsterkreisen als Bankdrop bekannt. 

Für einen Bankdrop benötigt man zunächst eine Person, die entweder wirklich zu blöd ist oder mit falscher Identität ein Konto eröffnet. In Gangster-Foren im Dark Web finden sich seit einiger Zeit Hinweise, dass organisierte Verbrecher solche Strohleute unter Migranten suchen. Hat jemand ein solches Konto eröffnen können, dann bekommt der Strohmann (mit Glück) etwas Geld als Lohn und gibt dafür alle Zugangsdaten heraus. Das Konto kann dann direkt für eine Betrugsmasche eingesetzt werden oder landet als Handelsware im Dark Web. Bankdrops werden gern meistbietend versteigert. Wer den Zuschlag erhält der bekommt die Kontodaten und kann dann auf das Konto zugreifen. Bezahlt wird meist anonym mit Bitcoin. Freilich ist auch hier Betrug an der Tagesordnung. Oft werden auch nur Fake-Bankdrops verkauft und potentielle Betrüger ihrerseits betrogen.

Die vermeintliche Schwedin mit der billigen Traumwohnung in Berlin (oder wer sich für sie ausgab) war also auf diese oder eine ähnliche Weise an das Konto in Las Rozas gekommen und schaltete bei Immobilienscout24 eine Anzeige mit imposanten Bildern ihrer angeblichen Wohnung, auf die dann meine Bekannte hereinfiel.

Vermutlich wird dieser Tage irgendein anderer Strohmann in Las Rozas zur Bank gehen und versuchen, das Guthaben in bar abzuheben. Er dürfte stattdessen Polizisten kennenlernen. Die Initiatoren des Betrugs dürften mal wieder ungeschoren davonkommen, denn von denen dürfte niemand so dumm sein, persönlich vorbeizuschauen. Möglich auch, dass sie beim Abruf ihres Kontos per Online-Banking schon bemerkten, dass die Masche in diesem Fall daneben ging.

Es bleibt dabei: Billige Traumwohnungen in begehrten Lagen gibt es nicht. Und wer sich doch über den Tisch ziehen lässt – die Chance, überwiesenes Geld zurückzubekommen, besteht. Man muss freilich schnell reagieren. Ist das Geld dem fremden Konto gutgeschrieben und von dort abgehoben oder weiterüberwiesen worden, ist es weg.

***AKTUALISIERUNG***

Wie es aussieht war es die E-Mail an die Bank in Spanien, das das Geld zurückbrachte.

Ein Mitarbeiter der Ing-Bank schrieb:

We have good news about your transfer. We´ve checked the account and there isn´t any amount of 1.500€. (We´ve suspicious that this client is a fraudster).

We ´ve blocked the client and frozen his account, and  don´t receipt any more transfer.  It´s possible that your transfer has a status “pending”, but don´t worry, the transfer return as soon as possible.

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