Es ist späte Nacht, wie ich das jetzt schreibe, aber ich bin wütend, und da verzichte ich gern auf eine Stunde Schlaf, um mir Luft zu verschaffen. Ich habe leider nicht alle Webseiten, die ich betreue, rechtzeitig sicher genug verunstalten können, um wenigstens mit gewisser Wahrscheinlichkeit ausschließen zu können, dass einer dieser furchtbaren Abmahngeier einen Lücke findet, um einen womöglich horrenden Geldbetrag wegen Nichterfüllung aller geschätzt Tausend Einzelbestimmungen der DSGVO von mir zu erpressen. Ausgerechnet die Seite, an der ich als ehrenamtliches Vorstandsmitglieds eines lokalen Trägervereins der Jugend- und Familienhilfe arbeite, habe ich nicht sicher genug hinbekommen – diese hier. Bei meinem Blog hoffe ich mal, dass es da kein Problem geben wird. Und dann betreue ich noch die Seite eines Hotels. Da hat die Eigentümerin für viel Geld einen professionellen Datenschutzbeauftragten engagiert. Aber bei uns im Verein haben wir dazu leider keine Mittel. Das ist dem Gesetzgeber egal. Nach den Bestimmungen brauchen wir einen. Ehrenamtliche, Hauptamtliche, Buftis und gering Beschäfte zusammengerechnet haben wir zu viele Leute, die an Datenbeständen arbeiten. Laut DSGVO ist der Status der betreffenden Mitarbeiter egal. Es zählt nur, wie viele Köpfe das sind. Vielleicht finden wir mit anderen Vereinen noch eine Lösung. Mal sehen.

Liebe Frau Jourova…

Und damit, liebe Frau Jourova, zu Ihnen. Wir kennen uns zwar nicht, aber wir hatten schon persönliche Kommunikation miteinander. Sie waren ja so frei, in einem Interview mit Zeit Online Ihre Hilfe anzubieten, sollte jemand mit dem wohl von Ihnen verzapften Recht nicht klarkommen. Sie hatten sogar Ihre E-Mail-Adresse öffentlich bekanntgegeben. Es dürfte darum wohl auch nach Ihrem Gesetz erlaubt sein, sie hier noch einmal zu spiegeln: vera-jourova-contact@ec.europa.eu. Kurz gesagt haben Sie in dem Interview erklärt, dass die DSGVO ganz einfach sei, dass jeder das leicht verstehen könne und dass es letztlich irgendwie immer nach dem gesunden Menschenverstand gehe. Kein Ding also. Ich hatte beim Lesen der 99 Artikel Ihres Gesetzes ein anderes Gefühl. Mir kam es mehr und mehr unverstehbar vor. Schlimmerweise wimmelt es in den Einzelabsätzen nur so von Referenzen auf andere Gesetze oder Ihre „Erwägungsgründe“, die man allesamt mitlesen müsste, wollte man Ihr Opus Magnum wirklich durchdringen. Die Rechtsabteilungen von Google, Amazon oder Facebook schaffen das ganz bestimmt auch höchst vorzüglich. Ich bin mir sicher, dass auch die Rotte der deutschen Abmahnbranche dazu in der Lage ist, die dank hübscher Lobby-Tätigkeit vom Gesetzgeber feinste Privilegien geschenkt bekam, die sie zu gebührenpflichtigen Privatsheriffs ernennen. Vielleicht haben Sie diese spezielle deutsche Schrottgesetzgebung nicht bedacht. Aber Sie haben immerhin persönliche Hilfe angeboten, und ich fing schon an, davon zu träumen, ich könne meine Vereinsseite mit einem ganz besonderen Siegel verzieren: Data protection personally approved by EU commissioner Vera. Das wäre doch mal richtig cool. 

Ich nahm Sie also einfach ernst. Das wollen Sie doch auch, oder? Dass man Sie ernst nimmt? Ich schrieb Ihnen also eine E-Mail. Diese:

Sehr geehrte Frau Jourova,

ich arbeite ehrenamtlich für einen Trägerverein in Bad Aibling, der einen Kindergarten, eine Krippe, eine Mittagsbetreuung für Grundschüler, ein Jugendzentrum und das Ferienprogramm der Stadt Aibling organisiert. Die Verwaltung machen wir ehrenamtlich und mit einer Halbtagskraft. Außerdem arbeiten bei uns Pädagogen, eine Sozialpädagogin, Kinderpfleger und weitere hauptamtliche Kräfte. Wir verwalten die Daten unseres Personals, unserer Kinder, unserer Kommunikation mit der Stadt, aus Elterngesprächen, Gesprächen mit Jugendlichen. Außerdem betreiben wir die Webseite http://fokus-bad-aibling.de, auf der Formulare enthalten sind. Zusätzliche Webseiten gibt es von unseren Einrichtungen.
 
Sie hatten bei Zeitonline dankenswerterweise angeboten, Sie würden sich persönlich darum kümmern, Vereine bei Bedarf rechtssicher zu machen. Auf dieses Angebot möchte ich zu sprechen kommen und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie das für uns erledigen. Wie wollen wir da vorgehen?
 
Vielen Dank und freundliche Grüße
Christoph Lemmer
Ich wartete dann ein paar Tage, weil ich mir schon dachte, dass Sie vermutlich nicht sofort antworten könnten. Ich dachte mir, dass ich sicher nicht der einzige bin, der Ihr freundliches Angebot ernst nehmen würde. Ich hatte eh genug damit zu tun, meine anderen DSGVO-Baustellen zu bearbeiten. Glauben Sie mir: Andere Leute fahren über die Pfingstfeiertage irgendwohin zum Ausspannen. Hatten Sie übrigens erholsame Feiertage? Ich hatte mir vorgenommen, Dinge zu erledigen, die sonst einfach zu kurz kommen. Meine Buchhaltung (ich bin Freiberufler) ist mal wieder arg bedürftig. Ich wollte für meinen Hauptberuf eine etwas umfangreichere Recherche anpacken. Aber diese DSGVO-Nummer drängte jetzt, und es war tagelang so, dass die Lektüre diverser DSGVO-Ratgeber, Checklisten und Mustertexte nie zum endgültigen Ziel führte, sondern immer neue und immer krassere Detailfragen aufwarf. So ein bisschen wie in der Sisyphos-Sage. Ich kenne privat auch ein paar Rechtsanwälte, die ich im Hilfe bat. Sie halfen auch, meinten aber stets, garantieren könnten sie für nichts. Mit einem Wort: All meine Pläne fielen über den Haufen. Mein Pfingsten bestand aus Dienst am DSGVO.
 
Als ich nach ein paar Tagen noch nichts von Ihnen hörte, war ich dann so frei, Sie auf Twitter anzusprechen und nachzufragen.

Noch einmal ein paar Tage später hakte ich nach. Ich dachte mir, es würde nicht schaden, dazu noch einen Artikel von Spiegel-Online zu verlinken, der einige DSGVO-Opfer zu Wort kommen ließ, darunter mich.

Und tatsächlich – Sie antworteten jetzt und bestätigten auch, dass Sie meine E-Mail erhalten hätten.

Ich bot Ihnen also an, meine Anfrage noch einmal auf Englisch zu schicken, um das Sprachverständnisproblem zu lösen, aber das, gaben Sie mir zu verstehen, sei gar nicht nötig.

„We will reply“! Eine Frau, ein Wort? Ich bin mir gerade nicht so sicher. Der DSVGO-Tag ist angebrochen. Die Frist ist vorbei. Bisher habe ich nichts gehört. Unser Problem mit dem Datenschutzbeauftragten haben wir leider nicht lösen können. Das Miteinander der vielfachen Datenvorfälle – Mitglieder, betreute Kinder mitsamt Elterndaten, betreute Jugendliche, Personal – sprengt bisher die Möglichkeiten unseres Vereins. Das ist schade. Wir haben es bisher immer ganz gut hinbekommen, unseren Betrieb mit minimalem Verwaltungsaufwand zu stemmen. Ich mag diesen kleinen Trägerverein. Es macht Spaß, einfach das Richtige zu tun. Wir haben kurze Wege. Jede/r übernimmt Verwantwortung und weiß, wofür er oder sie gebraucht wird. Über die Bürokratie haben wir natürlich immer mal gestöhnt, und ich persönlich bin auch davon überzeugt, dass wir schon immer viel zu sehr mit Bürokratie belastet werden. Aber bisher haben wir das immer hinbekommen. 

Jetzt nicht mehr, jedenfalls fürs erste. Ich habe unsere Vereinsseite zum DSGVO-Stichtag leider erstmal schließen müssen. Liebe Frau Jourova, wenn es Sie wirklich interessiert, dann schauen Sie doch gern mal bei uns vorbei. Ich habe das jetzt nicht mit meinen Vorstandskollegen absprechen können, ob die auch damit einverstanden sind, dass ich Ihnen einen Streifzug durch unsere Einrichtungen anbiete und Ihnen auch gern zeige, wie unsere Verwaltung funktioniert und welche Möglichkeiten wir haben. Das kriegen wir aber sicher hin, wenn Sie daran interessiert sind.

Ich für meinen Teil finde, dass es komplett verkehrt ist, wenn der Datenschutz den Rest der Arbeit zur Nebensache macht. Wir sind nicht für Daten da. Wir sind für Familien da. Ihre Verordnung macht es uns schwer, und nicht nur uns. Viele Vereine stöhnen. Klicken Sie mal hier. Da finden Sie eine Petition, die Sie direkt angeht. Oder die deutsche Bundesregierung. Oder wen auch immer. Ist im Ergebnis auch egal. Es geht um die Verordnung aus Ihrem Haus. Schauen Sie sich mal die Karte auf der Petitionsseite an. Sie werden sehen, dass vor allem in Bayern Tausende unterschrieben haben. Da braut sich ein Gewitter zusammen. In Bayern ist das mit den Vereinen viel wichtiger als anderswo. Das musste ich auch erst verstehen. Ich bin selber erst vor ein paar Jahren zugezogen. Aber jetzt habe ich’s verstanden. Es ist Zusammenhalt, was die Vereine hier schaffen. Und Ihre Verordnung bedroht das. Jedenfalls so, wie sie jetzt aussieht.

Wär nett, wenn Sie sich bald mal melden.

Herzlichst,
Christoph Lemmer

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