Nachtrag zu Prozesstag 4: Rechtsanwalt Euler hielt dem Leiter der aktuellen Ermittlungen im Fall Peggy eine Passage aus einem Verhör mit der Ehefrau eines der derzeitigen Beschuldigen vor, Anke B. Süffisant merkte Euler an, dass hier eher die Zeugin die Beamtin vernehme. Es ging ums die Frage, warum Ulvi Kulac für Peggys Verschwinden überhaupt verurteilt werden konnte. Das Verhör führte eine Kriminalkommissarin (KOKin). Es erstaunliche Einblicke in die ansonsten verschlossene innere Gedankenwelt mancher Kripo-Ermittler. Ab hier: wörtlich, was der Verteidiger im Gerichtssaal verlesen hat. Weiterlesen

War das schon die Vorentscheidung im Bayreuther Peggy-Prozess? Zuerst lieferten sich der Verteidiger von Ulvi Kulac, Michael Euler, und Staatsanwältin Sandra Staade noch ein mildes Geplänkel. Es ging um die Frage, ob die Aussagen dreier Kinderzeugen, die eher unwichtige Details über die letzten Sichtungen der verschwundenen Peggy leicht unterschiedlich geschildert hatten, als widersprüchlich oder übereinstimmend zu interpretieren seien. Nach einer Weile schaute Anwalt Euler amüsiert zur Staatsanwältin und meinte: „Mir reicht es schon, wenn wir es es nicht ausschließen können.“ Gemeint war, dass die Kinder Peggy tatsächlich gesehen haben könnten. Staatsanwältin Staade lächelt fast schon kokett zurück: „Das wird vielleicht so sein“. Im Klartext: Auch die Staatsanwaltschaft glaubt offenbar nicht, dass Ulvi Peggy am Mittag des 7. Mai 2001 ermordet haben kann, weil Peggy nach dieser Zeit noch gelebt haben müsste. Ein Freispruch wäre demnach das einzige mögliche Urteil.

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Holger E: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Mordverdachts an Peggy

Aus den zahlreichen Polizeivernehmungen im Fall Peggy in den letzten Monaten sickern weitere Details durch. Sie verdichten den Verdacht gegen Holger E. aus Sachsen-Anhalt. Zwar bestreitet er weiterhin, das Mädchen missbraucht zu haben, räumt aber eine sexuell aufgeladene Begegnung mit der damals acht Jahre alten Peggy ein. Nach seiner Schilderung soll sie sich in der Nachbarwohnung in Lichtenberg ereignet haben, wo sein Stiefbruder Jens B. mit seiner Familie lebte.

Er sei dort zu Besuch gewesen und habe sich in ein Zimmer zurückgezogen, um sich auszuruhen, sagte er den Kripofahndern ausweislich der Vernehmungsprotokolle. Plötzlich sei die Tür aufgesprungen. Peggy sei hereingekommen, auf ihn gehüpft und habe sich auf seinen Bauch gesetzt. Mit der Hand habe sie nach hinten über seine Hose an sein Geschlechtsteil gegriffen. Von ihm sei das nicht ausgegangen, im Gegenteil. Er sei erschrocken und habe das Mädchen zur Rede gestellt. Peggy habe geantwortet, er solle sich nicht so haben, das mache seine Mama mit ihrem Freund auch.

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Nachtrag zum Prozesstermin am Dienstag: Zwei Zeugen sind besonders erwähnenswert, zwei Polizeibeamte. Einer der beiden führte den V-Mann Peter Hoffmann, der gemeinsam mit Ulvi Kulac in der Psychiatrie in Bayreuth einsaß. Hoffmann hatte Ulvi verdeckt ausgehorcht und den Ermittlern berichtet, er habe den Mord an Peggy zugegeben. Der andere Polizist lebt in Lichtenberg und sollte bei den Vernehmungen den väterlichen Freund spielen.

Die Zeugenbefragung des „väterlichen Freundes“ Walter H. (67) begann mit einer Überraschung: Er brachte einen Anwalt als Zeugenbeistand mit und kündigte an, seine Aussage unter Berufung auf den Paragrafen 55 zu verweigern – also mit Hinweis darauf, dass er sich selber belasten könne. Der Anwalt begründete das mit einem laufenden Strafverfahren der Staatsanwaltschaft Hof wegen Falschaussage. Hintergrund ist ein Verfahren, das vor zweieinhalb Jahren geführt wurde. Polizist H. hatte sich von einem Mann beleidigt gefühlt, der damals zur Bürgerinitiative für Ulvi Kulac gehörte. Während des Verfahrens hatte ihn Kulacs Anwalt Michael Euler gefragt, ob er bei dem Verhör dabei war, in dem Ulvi Kulac den Mord an Peggy gestand. Der Polizist habe geantwortet: „Nein, er habe andere Aufgaben gehabt.“ Daraufhin zeigte in der Ulvi-Aktivist an und die Staatsanwaltschaft eröffnete das Ermittlungsverfahren.

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So erbarmungslos hat ein Gericht wohl selten einen Kriminalermittler zerlegt. Es ging um das Geständnis des Ulvi Kulac, er habe Peggy ermordet. Offensichtlich ist das Gericht davon überzeugt, dass die Vernehmer ihrem Beschuldigten mehr oder weniger alles eingeredet haben, was er sagte.  Die Fragen stellte in der Regel der über alle Prozesstage bestens vorbereitete Beisitzer Jochen Goetz. Mit seinen Vorhalten brachte der den Kriminalermittler im Zeugenstand mehrmals in Verlegenheit.

Es ging schon mit der Frage los, warum Ulvi Kulac bei einer Autofahrt von Beamten befragt wurde, obwohl sein damaliger Anwalt genau so etwas untersagt hatte. Er wisse es leider nicht, sagt der Beamte.

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Zwei entscheidende Polizeizeugen haben am zweiten Tag im Peggy-Wiederaufnahmeverfahren bisher berichtet, wie sie damals auf den geistig minderbemittelten Ulvi Kulac als möglichen Täter kamen – der Chef der zweiten Sonderkommission, Wolfgang Geier und der Münchner Profiler Alexander Horn. Vor allem Horn hatte im Zeugenstand zu kämpfen – das Gericht nahm ihn regelrecht auseinander.

Horn schilderte, wie er zehn Tage nach Peggys Verschwinden noch von der ersten Sonderkommission zu einem Treffen eingeladen wurde. „Es ging um die Frage: Was könnte vorgefallen sein?“, erklärte er dem Richter. Alsdann berichtete er, nach welcher Methode er vorging – nämlich empirisch-statistisch. Peggy war bereits zehn Tage verschwunden, was ein simples Weglaufen unwahrscheinlich mache. Nächste Überlegung: Ein Unfall mit oder ohne Beteiligung Dritter – auch der wäre nach zehn Tagen wohl zu klären gewesen. Dritte Überlegung: Eine Erpressung – aber die war nach zehn Tagen ohne Lösegeldforderung oder ähnliches auch unwahrscheinlich. Also sei nur Variante vier infrage gekommen: Ein Tötungsdelikt, wiederum unterschieden in „persönliche Motivation“ und „sexuelle Motivation“. Horn sprach von „Entscheidungsraum aufmachen“ und „Hypothese verifizieren oder falsifizieren“.

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Beim ersten Prozessdurchgang im Peggy-Prozess vor zehn Jahren urteilte das Landgericht Hof, Ulvi Kulac habe Peggy zwischen 13.15  und 13.45 Uhr an jenem 7. Mai 2001 ermordet. Vorher und nachher konnte die Tat nicht geschehen sein, das wäre mit anderweitigen Tätigkeiten und Beobachtungen kollidiert. Darum waren die Zeugen, die am Nachmittag des ersten Prozesstages auftraten, von einiger Brisanz. Sie hatten damals schon berichtet, Peggy teils deutlich nach 13.45 Uhr noch lebendig gesehen zu haben. Ermittler und Gericht glaubten Ihnen damals aber nicht.

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Susanne Knobloch, Peggys Mutter, reicht Ulvi Kulac im Gericht die Hand

Es ging gleich bemerkenswert los beim Wiederaufnahmeverfahren im Fall Peggy. Susanne Knobloch, die Mutter des verschwundenen Mädchens, ging vor Verhandlungsbeginn auf Ulvi Kulac zu und reichte ihm die Hand. Er erwiderte die Geste. Ihre Anwältin sagte später zu Reportern, Susanne Knobloch sei dankbar dafür, dass der Prozess noch einmal neu aufgerollt werde, denn sie wolle endlich wissen, was wirklich mit ihrer Tochter passierte.

Dann eröffnete Richter Michael Eckstein die Verhandlung. Nach den Formalien und der Verlesung der Anklage hatte Ulvis Verteidiger Michael Euler das Wort. Dabei war nicht nur bemerkenswert, was er sagte, sondern auch, wie er das tat und welche Frontstellung da deutlich wurde. Frontal vor ihm, auf der anderen Seite der U-förmigen Tischanordnung, saß Gutachter Hans-Ludwig Kröber, der Mann, der Ulvis Geständnis damals für glaubhaft erklärte und auch diesmal an seiner Meinung festhält. Kröber fixierte Anwalt Euler mit Blicken, als wolle er ihn von Anbeginn niederringen. Euler erwiderte die Blicke und unterstrich manche Sätze, indem er von seinem Manuskript aufschaute, Kröber ins Visier nahm und Wort für Wort mit besonderem Nachdruck formulierte. Euler zitierte einen der Polizisten, der laut Akten damals zu Ulvi sagte: „Wenn Du uns jetzt nicht die Wahrheit sagst, bin ich nicht mehr Dein Freund“. Scharfer Blick auf Kröber. Vom Geständnis habe es nur ein Gedächtnisprotokoll der Vernehmer gegeben. „Man muss sich fragen, ob es bei der Polizei keine Schreibkraft gab oder ob wenigstens einer der Beamten mitschreiben konnte“. Erneuter scharfer Blick auf Kröber.

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Das Landgericht Bayreuth hat soeben in einer Pressemitteilung den Vorwurf zurückgewiesen, der Vorsitzende Richter im Peggy-Wiederaufnahmeprozess habe mit Gutachter Hans-Ludwig Kröber im Vorhinein das Ergebnis seines Gutachtens besprochen. „Dieser Vorwurf trifft nicht zu“, schreibt Justizsprecher Thomas Goger. Allerdings folgt danach eine recht detaillierte Beschreibung des Prozedere zwischen Richter und Gutachter, das dem Dementi die Klarheit nimmt.

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Das Wiederaufnahmeverfahren im Fall Peggy hätte eine schöne Gelegenheit bieten können, den angekratzten Ruf der bayerischen Justiz ein bisschen zu polieren. Und über eine längere Strecke haben Staatsanwaltschaft und Landgericht in Bayreuth auch eine gute Figur abgegeben. Die Staatsanwaltschaft war so mutig, alle verwertbaren Spuren noch einmal neu zu untersuchen und formelle Ermittlungsverfahren wegen Mordverdachts gegen neue Verdächtige einzuleiten, obwohl das Urteil gegen den verurteilten Ulvi Kulac nach wie vor gültig ist. Aber der Hang zum Mauscheln und Kungeln ist in der Justiz  offenbar derart tief  verwurzelt, dass der Prozess schon vor dem ersten Verhandlungstag am 10. April von neuen Affären überschattet wird.

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