Beiträge

Kann man diesem Abgrund, der den Namen „Nationalsozialistischer Untergrund“ trägt, etwas Zuversichtliches abgewinnen? Man kann, so abwegig das auf den ersten Blick erscheinen mag. Und es ist ja ein wirklicher Abgrund, der sich um Uwe Böhnhardt und seinen Freundes-, Komplizen- und Helferkreis auftut: Mord, Fremdenhass, Kindesmissbrauch, Erpressung, Gewalt, Drogenhandel, Prostitution und Zuhälterei, Waffenhandel, Menschenhandel – es ist die ganze Palette professioneller Verbrecherei, eine Subkultur des Bösen, abgeschottet und nach außen strikt verschwiegen, im Innern straff und brutal geführt. Ein Paralleluniversum, eine Welt, die normale Menschen nie kennenlernen und in die kein Außenstehender ohne weiteres Einblick erhält.

Weiterlesen

Das aktualisierte Taschenbuch „Der Fall Peggy“ ist in den Läden. Hier eine Leseprobe: Das neue Vorwort und ein neues Kapitel über Peggys Mutter.

Fangen wir nicht so an, wie man ein solches Buch normalerweise anfangen würde. Reden wir zu Beginn nicht von diesem neun Jahre alten Mädchen und dem, was es in den letzten Stunden und Minuten seines Lebens erleben musste, bis es starb. Reden wir auch nicht davon, was die Mutter dieses kleinen Mädchens durchmachte, die erst 15 Jahre später erfährt, dass ihre Tochter jetzt bewiesenermaßen und unwiederbringlich tot ist. Deren letzter Hoffnungsfunke verlischt, das Mädchen könne vielleicht eines Tages aus einer Gefangenschaft nach Art der Natascha Kampusch heimkehren. Schweigen wir zunächst auch darüber, wie es dieser Mutter ergangen sein muss, die all diese 15 Jahre mit üblem öffentlichen Klatsch verfolgt wurde – der Vorwurf, eine „Rabenmutter“ gewesen zu sein, war noch das Harmloseste, was man ihr öffentlich nachsagte. Zuerst wurde Ihre Tochter ermordet, dann wurde sie gerufmordet.

Weiterlesen

++++ Update: Staatsanwaltschaft glaubt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheindlichkeit, dass Peggys Leiche tatsächlich gefunden wurde ++++

Das vielleicht Quälendste für die Familie und jeden, der sich zum Fall Peggy seine Gedanken macht, ist vielleicht dies: Man weiß einfach nicht, wie das Schicksal dieses Mädchens wirklich aussieht. Sie verschwand am 7. Mai 2001 spurlos. Einfach weg. Als hätte der Erdboden sie verschluckt. Mit Haut, Haar, Kleidung und Schulranzen. Dabei blieb es. Mangels Spur haben Polizei und Staatsanwaltschaft es nie geschafft, einen Täter dingfest zu machen. Es ist ja sogar offen, ob es überhaupt eine Tat gab und wenn, welche. Und jetzt könnte es vielleicht bald vorbei sein mit dieser Ungewissheit, wenigstens das.

Weiterlesen

Das Unangenehme im Fall Peggy ist für Politik, Polizei und Justiz, dass über die internen Abläufe und die Ermittlungen so viele Details bekannt sind. Journalisten schauen den Beteiligten viel schärfer über die Schulter als in den meisten anderen Fällen. Tiefere Kenntnis schärft auch den Blick für das Wesentliche, wenn am Ende Ergebnisse präsentiert werden. Besonders interessant war das Gutachten des Berliner Psychiaters Hans-Ludwig Kröber und was die Staatsanwaltschaft daraus machte (nicht das Gericht – anders als vor zehn Jahren).

Weiterlesen

Achter Tag im Peggy-Prozess.

Gedränge schon am Eingang zum Justizpalast in Bayreuth. Kamerateams haben sich postiert. Oben ist der Verhandlungssaal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Um Punkt zehn Uhr eröffnet der Vorsitzende Richter Michael Eckstein die Verhandlung, wie immer sehr formell. „Es kommt zum Aufruf das Verfahren gegen Ulvi Kulac“.

Dann spricht er das Urteil.

„Erstens: Das Urteil des Landgerichtes Hof vom 30.4.2004 wird insoweit […] aufgehoben, als der Angeklagte Ulvi Kulac wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Weiterlesen

Schon arg, was sich die Mutter der verschwundenen Peggy so anzuhören hatte. In diversen Internetforen war sie als Rabenmutter geschmäht worden, die an Peggys verschwinden die Schuld trage, womöglich gar Geld damit gescheffelt habe. Im Wiederaufnahmeprozess gegen Ulvi Kulac stellte sie sich jetzt den Fragen der Prozessbeteiligten. Die Vergteidigung stimmte in die Attacke gegen sie ein – und blamierte sich. Denn die Mutter versuchte erst gar nicht, auszuweichen oder irgendetwas zu beschönigen, sondern zerlegte alle Gerüchte mit Offenheit und Fakten.

Der nächste Hinweis, der auf Freispruch für den geistig minderbemittelten Ulvi Kulac deutet: Am fünften Prozesstag kam der psychiatrische Gutachter Hans-Ludwig Kröber aus Berlin zu Wort. Er hatte im ersten Prozess befunden, das Geständnis von Kulac, er habe Peggy ermordet, sei glaubhaft. Ohne sein damaliges Gutachten wäre der Angeklagte wohl nicht wegen Mordes verurteilt worden. Jetzt korrigierte seine Einschätzung nach einem langen Referat, das mal in die eine, mal in die andere Richtung tendierte. Am Ende sagte er, Ulvi habe zwar ein „gutes“, aber „mit hoher Wahrscheinlichkeit falsches Geständnis“ abgelegt.

Weiterlesen

Einer lügt, das dürfte feststehen. Nur wer?

Im Peggy-Prozess hat das Landgericht Bayreuth am fünften Verhandlungstag Wolfgang Schwemmer als Zeugen gehört. Schwemmer war beim ersten Mordprozess der Verteidiger von Ulvi Kulac. Jetzt, in der Wiederaufnahme, attackierte er die Polizei mit Wucht.

Die Ermittler, voran Soko-Chef Wolfgang Geier, hätten ihn ausgetrickst und jede Gelegenheit genutzt, um Ulvi ohne Anwalt in die Finger zu bekommen. Er habe Geier einmal gesagt, Ulvi Kulac werde ohne ihn jetzt gar nichts mehr sagen, erinnerte sich der Anwalt. Geier habe geantwortet: „Sie sind doch auch Vater“ und versucht, ihn emotional unter Druck zu setzen. Das habe ihn sehr geärgert, sagte Schwemmer.

Weiterlesen

Nachtrag zu Prozesstag 4: Rechtsanwalt Euler hielt dem Leiter der aktuellen Ermittlungen im Fall Peggy eine Passage aus einem Verhör mit der Ehefrau eines der derzeitigen Beschuldigen vor, Anke B. Süffisant merkte Euler an, dass hier eher die Zeugin die Beamtin vernehme. Es ging ums die Frage, warum Ulvi Kulac für Peggys Verschwinden überhaupt verurteilt werden konnte. Das Verhör führte eine Kriminalkommissarin (KOKin). Es erstaunliche Einblicke in die ansonsten verschlossene innere Gedankenwelt mancher Kripo-Ermittler. Ab hier: wörtlich, was der Verteidiger im Gerichtssaal verlesen hat. Weiterlesen

War das schon die Vorentscheidung im Bayreuther Peggy-Prozess? Zuerst lieferten sich der Verteidiger von Ulvi Kulac, Michael Euler, und Staatsanwältin Sandra Staade noch ein mildes Geplänkel. Es ging um die Frage, ob die Aussagen dreier Kinderzeugen, die eher unwichtige Details über die letzten Sichtungen der verschwundenen Peggy leicht unterschiedlich geschildert hatten, als widersprüchlich oder übereinstimmend zu interpretieren seien. Nach einer Weile schaute Anwalt Euler amüsiert zur Staatsanwältin und meinte: „Mir reicht es schon, wenn wir es es nicht ausschließen können.“ Gemeint war, dass die Kinder Peggy tatsächlich gesehen haben könnten. Staatsanwältin Staade lächelt fast schon kokett zurück: „Das wird vielleicht so sein“. Im Klartext: Auch die Staatsanwaltschaft glaubt offenbar nicht, dass Ulvi Peggy am Mittag des 7. Mai 2001 ermordet haben kann, weil Peggy nach dieser Zeit noch gelebt haben müsste. Ein Freispruch wäre demnach das einzige mögliche Urteil.

Weiterlesen