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Über Jahrzehnte war das Kleine Politische Wörterbuch das Standardwerk für parteiamtlich vorgeschriebene Sprachreglungen in der DDR. Ab sofort in loser Folge: Einträge aus dem Kleinen Politischen Wörterbuch zu Themen, die uns gerade bewegen.

Heute: „Familie“

sozial-biologische Lebensgemeinschaft von Menschen, die auf Geschlechtsbeziehungen zwischen Mann und Frau sowie auf Verwandschaftsbeziehungen zwischen Eltern und Kindern beruht; […] Mit dem Entstehen des Privateigentums an Produktionsmitteln wurde die F. zur Institution, deren wichtigste Funktion darin bestand, den Verbleib des Privateigentums in der F. und damit in der besitzenden Klasse zu sichern und so der Aufrechterhaltung und Festigung des Ausbeutersystems zu dienen.

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Zum deutschen Nationalfeiertag (dem wirklichen, nicht dem bürokratischen am 3. Oktober) hat Wolf Biermann mal wieder gezeigt, dass er ein gerader Typ ist. Hat sich in der DDR nicht den Mund verbieten lassen, lässt sich auch im Westen nicht den Mund verbieten. Wird vom Bundestag als Vereinigungs-Maskottchen zum Vorsingen eingeladen, macht aber, was er will und redet nach kurzem Vorspiel erstmal so klar wie vermutlich niemand vor ihm in diesem Parlament, hockt dabei neben diesem grauen, dürren Rednergestell, das sonst als Bühne der Politiker dient.

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Beate Klarsfeld beim Einchecken nach Paris. Der Herr rechts in dunkler Kleidung, der uns den Rücken zuwendet, gehört zur Aufpassertruppe der Linkspartei und ist u.a. zur Verhinderung von Interviews da

Es ist gar nicht einfach, Beate Klarsfeld zu fragen, ob es stimmt, was die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung über ihre DDR-Kontakte schreibt. Dass nämlich der Ost-Berliner Staatsapparat auf Weisung Ulbrichts ihre Kiesinger-Ohrfeige und manch anderes zumindest propagandistisch unterstützt habe. Im April 1968 soll sie nach Ost-Berlin gereist sein, um dort Verbündete zu finden. Um es vorweg zu nehmen: Sie dementiert das nicht. Sie hat meine Frage schlicht nicht beantwortet, bzw. mir eine Antwort aufgetischt, die mit der Frage nichts zu tun hatte, und das war sicher kein Versehen, denn Frau Klarsfeld ist ausgesprochen wach und schlagfertig, und ich habe drei Mal insistiert. Am Ende, als alles Ausweichen nicht half, lachte sie nur, drehte sich weg und ging zum Checkin-Schalter auf dem Flughafen Berlin-Tegel.

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Jetzt ist das christliche Abendland für Spiegel Online schon "eine andere Welt" – immerhin flog der Satz nach kurzer Zeit raus

„Die Verschwulung der Welt“ ist ein Buch des libanesischen Autors Raschid al-Daif. Er beschreibt darin seine Begegnung mit dem schwulen deutschen Schriftsteller Joachim Helfer. Der lebt in einer schicken Wohnung mit einem wohlhabenden Freund in Berlin und habe, so al-Daif, den Hang, sein Schwulsein zum alles überwölbenden Lebensthema zu machen. Die beiden sind Teilnehmer eines öffentlich geförderten Begegnungsprogramms, das Dichter aus beiden Kulturkreisen zusammenbringen soll. Die Schilderung al-Daifs über diese Zeit wird in der deutschen Ausgabe immer wieder mit Erwiderungen Helfers gegengeschnitten. Die Doppelerzählung artet in eine Rivalität der beiden aus, die al-Daif gewinnt – mit der Feststellung, Helfer habe sich in Beirut in eine Frau verliebt und ein Kind mit ihr gezeugt.

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|Heute passieren in Berlin coole Sachen, die neuerlich zeigen, dass die Partei, die Partei, eben doch nicht recht hatte. Den Überblick über die offiziellen Feiern gibt es hier. Die Mauer, symbolisch aus riesigen Dominosteinen neu errichtet, wird noch einmal eingerissen. Es gibt ein Fest um das Brandenburger Tor, das treffend Fest der Freiheit heißt. Gegen 20 Uhr beginnt ein Flashmob entlang des alten Mauerverlaufs. Eine hübsche Idee: Mit Taschenlampen wollen die Teilnehmer die Spaltung noch einmal sichtbar machen.

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Eigentlich hatte ich heute vor, über eine Rede von Hans Modrow zu berichten, dem früheren Dresdner SED-Bezirkschef, quasi Honeckers Gouverneur in einem Teil des von Ulbricht zerschlagenen Sachsen, das heute wieder als komplettes Land existiert. Eingeladen hatte ihn ein Verein namens Rotfuchs. Modrow wollte seine Sicht auf die „Vorkommnisse der Jahre 1989/90“ schildern, wie es in der inzwischen aus dem Netz gelöschten Veranstaltungsankündigung hieß. Die Räume dafür stellte die Volkssolidarität, ein gemeinnützig anerkannter Verein, der das Ende der DDR überlebte, heute Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband ist und nicht zuletzt von Steuergeldern lebt. Weiterlesen