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Endlich Schluss mit der Schwierigkeit, dem Jahrzehnt einen Namen zu geben. Die Null-Nuller. Jetzt beginnen die Zehner. Gut so. Denn die Null-Nuller hießen nicht nur so, vieles war auch danach. Ein anstrengendes Jahrzehnt. Das wird jetzt anders. Hier zehn Dinge, die uns zum Glück bald nicht mehr oder nicht mehr so penetrant verfolgen werden.

  • Das Politiker-/Manager-Wort NACHHALTIGKEIT. Meist von Pfauen gebraucht, die so wichtig klingen wollten wie der Blick aussieht, den sie zu Hause vor dem Spiegel geübt haben. In der Regel gefolgt von nachhaltiger Tatenlosigkeit.
  • Irreführende Namen für Gesetze wie ÖKOSTEUERGESETZ oder WACHSTUMSFÖRDERUNGSGESETZ. Zehn Jahre (oder länger?) geben Politiker ihren Schöpfungen Namen, die gut klingen, aber nichts, wirklich gar nichts, mit dem zu tun haben, was man beim Hören vermutet. Oder käme jemand ohne nähere Erklärung darauf, dass Ökosteuer eine Extrasteuer auf Benzin zur Finanzierung der Rentenkasse ist? Oder dass das Wachstumsförderungesetz nur die Spesenrechnungen bei Dienstreisen wachsen lässt? Wohin die Reise geht, zeigt die ABWRACKPRÄMIE. So treffend werden in den Zehnern noch mehr Vorhaben klingen.
  • WAHLZWANG. Von Musterdemokraten in Berlin eingeführter Begriff, der aussagt, dass die Obrigkeit sich daran stört, dass das Volk die freie Wahl hat. Im konkreten Fall ging es um die Frage, ob der Staat Eltern die Entscheidung darüber überlassen dürfe, ihre Kinder in den kirchlichen Religionsunterricht oder in einen staatlichen Ethikunterricht zu schicken. Der oberste Berliner Volksvertreter, Ageordnetenhauspräsident Walter Momper (SPD), nannte so viel Freiheit Wahlzwang und stellte sich an die Spitze einer staatlichen Kampagne, die so viel Freiheit erfolgreich niederkämpfte. Oder besser: Niederkämpfen musste. Dass Gute daran war, dass das Volk einen Volksentscheid erzwang und ein knappes Resultat erreichte.
  • KUNDENSERVICE. Wo anfangen? Bei der Bahn, die glaubt, möglichst viele penetrante Lautsprecherdurchsagen würden ein wohliges Gefühl auslösen? Die im Zug oder auf den Bahnsteigen endlose Listen mit Verspätungen und nach hier oder dort fahrenden Anschlüssen verlesen lässt? Glauben die wirklich, jemand merkt sich das? Und was denken die sich bei ihrer Standardformulierung, „wir danken für Ihr Verständnis“? Was, wenn der Fahrgast erstmal um Verständnis gebeten werden will? Was, wenn er keines aufzubringen bereit ist? Oder Telekom, Alice und wie all die Kommunikations- (!) und Nicht-Kommunikationsfirmen heißen, bei deren Kundenhotlines (Hotlines! Was für ein Wort!) grundsätzlich erstmal ein Automat abhebt. Oder Vater Staat, der fürsorglicherweise jeden Aspirin-Käufer in die Apotheke zwingt, obwohl die in jedem Einkaufsviertel als erster Laden dichtmacht. Okay, ihr hattet für diesen Quatsch die Null-Nuller. Ich hoffe, Ihr habt daraus gelernt.
  • KLIMAWANDEL. Wie ist es eigentlich möglich, dass einzelne Worte oder gelegentliche Skepsis in geselliger Runde sofort und schlagartig einen Klimawandel Richtung konversationeller Eiszeit auslösen? Neulich wagte ich, zu bemerken, eine Klimaerwärmung habe neben negativen womöglich auch positive Folgen. Bumms – da war das Gespräch beendet. „Ich rede über sowas nicht mehr“, pfiff mich ein Teilnehmer an, der bis dahin sehr entspannt wirkte. Ich wollte noch sagen, dass Historiker das 16. und 17. Jahrhundert bisher als sogenanntes Klimaoptimum bezeichnet hatten, dass damals in mitteleuropäischen Breiten guter Wein wuchs und etliche Hügel hierzulande darum bis heute Weinberg heißen, wie auch Grönland seinen Namen nicht bekommen hat, weil die Wikinger farbenblind waren. Aber ich habe es für mich behalten. Sonst wäre das Klima noch frostiger geworden.
  • STAATSFERNE. Dieses Wort fällt immer im Zusammenhang mit den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die ja in Wahrheit Staatssender sind. Was sollten sie sonst sein, wenn ihre Budgets von den Landesparlamenten beschlossen werden, ebenso die Parlamente die Rundfunkräte bestimmen, wenn auf von Parlamenten beschlossener gesetzlicher Grundlage Rundfunk-Gerätesteuern erhoben werden (von manchen abschätzig GEZ-Gebühren genannt), wenn folglich in den Programmen schön nach Proporz Parteien und von den Parteien akzeptierte „gesellschaftlich relevante Gruppen“ zu Wort kommen? Das Wort Staatsferne ist also eher im Orwellschen Sinn zu verstehen. Neusprech für staatlich. Das Wort und die Konstruktion haben in den Null-Nullern enorm gelitten – weil inzwischen nicht zuletzt dank der Freiheit des Internets jeder Depp weiß, was wirklich dahinter steckt. Politiker, die gewählt werden wollen, werden das bedenken.
  • Das politische LINKS-RECHTS-SCHEMA. In den Null-Nullern musste man ja enorm vorsichtig sein mit dem Wort rechts. Nach meinem historischen Verständnis bedeutet es eigentlich, dass der Freiheit ein größerer Wert zugemessen wird als der Gleichheit, während es mit links genau umgekehrt ist. Schließlich stammt das Links-Rechts-Schema aus den ersten Tagen des Parlamentarismus, als die liberalen Bürger rechts im Plenum saßen und die Jakobiner links. Daran zu erinnern war in den Null-Nullern nicht empfehlenswert, weil die –> 68er so etwas nicht sehr gerne hören. Denn als rechts werden ja von Linken vor allem Nazis bezeichnet, wobei einerseits möglichst nicht daran erinnert wird, das Nazi das Kürzel für Nationalsozialist ist, andererseits eben auch Nazis eher für Gleichschritt als für Freiheit stehen. Mit abnehmender Dominanz der –> 68er könnte dieser Muff in den Zehnern verfliegen.
  • DIE 68ER. Sitzen überall. Beherrschen Politik, Justiz, den Beamtenapparat, die meisten Redaktionen, Verlagslektorate, Unis, Gewerkschaften, Gremien. Halten sich für ewig jung, werden aber zum Glück trotzdem alt. In den Null-Nullern wurden die ersten bereits pensioniert. In den Zehnern werden die meisten dann durch die Ruhestands-Ausgänge der Institutionen marschiert sein. Endlich. Aufatmen.
  • POLITICAL CORRECTNESS (PC). Um es kurz zu machen: Das Problem mit der Political Correctness besteht darin, dass der Normalbürger die Begriffe der PC-Priester, häufig identisch mit den –> 68ern,  relativ schnell übernimmt und mit neuem Sinn versieht. Insofern ist es egal, ob man Türke oder Mitbürger mit Migrationshintergrund sagt. Im Gegenteil. Letzteres kommt im Normalgespräch eh als ätzende Ironie rüber, die die PC-Priester gleich einschließt. Meine türkischen Nachbarn würden sich übrigens verarscht fühlen, wenn ich sie als Nachbarn mit Migrationshintergrund bezeichnen würde.
  • Der MICROSOFT INTERNET EXPLORER. Er ist der dümmste aller Webbrowser. Das wissen aber nur die, die mal einen anderen versucht haben. Zu Beginn der Null-Nuller waren das nur ganz wenige, weil jeder unbedingt alles von Microsoft haben musste, weil das ja jeder so hatte und weil das demnach ja nicht so verkehrt sein konnte. Ich hatte es eigentlich aufgegeben, mit den Microsoftlern über dieses Thema zu diskutieren. Aber dann kaufte sich mein Vater – 79 Jahre alt, an Microsoft gewöhnt und bis dahin der Meinung, er sehe keinen Grund, sich nochmal ein neues System anzutun – an einem der letzten Null-Nuller-Tage plötzlich einen iPod Touch. Wetten, dass wird in den Zehnern Konsequenzen haben?

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Wie unterschiedlich doch die Eindrücke sind, wenn man sich die im Web erhältlichen Quellen ansieht. Hier der Auszug aus dem Lettre-Gespräch, das den ganzen Wirbel über die neuesten Äußerungen des früheren Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin ausgelöst hat. Da beschreibt Sarrazin die tiefen Ursachen für die wirklichen und tiefgehenden Probleme Berlins. Das substanzlose Geschwätz von der Ost-West-Drehscheibe, während gleichzeitig Wien vormacht, wie man mit weit weniger Geschwätz die Drehscheibe macht. Die „Wolkenkuckucksheime“ der Planer nach 1989, als sie wahnwitzige Bauprojekte für angeblich zuziehende Massen zeichneten. Das Ausbluten der Stadt: Die Vernichtung der jüdischen Intellektuellenschicht, der Auszug der wirtschaftlichen Elite nach 1945 und 1961, die teuer subventionierten Werkbanktätigkeiten, für die nach der Wende niemand mehr Verwendung hatte, die Entzugserscheinungen der Stadt und ihres aufgeblähten öffentlichen Dienstes, als plötzlich Schluss war mit Berlin-Zulage und Steuersonderabschreibungen. Wort für Wort ist schlicht die Wahrheit. Weiterlesen