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Zwei entscheidende Polizeizeugen haben am zweiten Tag im Peggy-Wiederaufnahmeverfahren bisher berichtet, wie sie damals auf den geistig minderbemittelten Ulvi Kulac als möglichen Täter kamen – der Chef der zweiten Sonderkommission, Wolfgang Geier und der Münchner Profiler Alexander Horn. Vor allem Horn hatte im Zeugenstand zu kämpfen – das Gericht nahm ihn regelrecht auseinander.

Horn schilderte, wie er zehn Tage nach Peggys Verschwinden noch von der ersten Sonderkommission zu einem Treffen eingeladen wurde. „Es ging um die Frage: Was könnte vorgefallen sein?“, erklärte er dem Richter. Alsdann berichtete er, nach welcher Methode er vorging – nämlich empirisch-statistisch. Peggy war bereits zehn Tage verschwunden, was ein simples Weglaufen unwahrscheinlich mache. Nächste Überlegung: Ein Unfall mit oder ohne Beteiligung Dritter – auch der wäre nach zehn Tagen wohl zu klären gewesen. Dritte Überlegung: Eine Erpressung – aber die war nach zehn Tagen ohne Lösegeldforderung oder ähnliches auch unwahrscheinlich. Also sei nur Variante vier infrage gekommen: Ein Tötungsdelikt, wiederum unterschieden in „persönliche Motivation“ und „sexuelle Motivation“. Horn sprach von „Entscheidungsraum aufmachen“ und „Hypothese verifizieren oder falsifizieren“.

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Beim ersten Prozessdurchgang im Peggy-Prozess vor zehn Jahren urteilte das Landgericht Hof, Ulvi Kulac habe Peggy zwischen 13.15  und 13.45 Uhr an jenem 7. Mai 2001 ermordet. Vorher und nachher konnte die Tat nicht geschehen sein, das wäre mit anderweitigen Tätigkeiten und Beobachtungen kollidiert. Darum waren die Zeugen, die am Nachmittag des ersten Prozesstages auftraten, von einiger Brisanz. Sie hatten damals schon berichtet, Peggy teils deutlich nach 13.45 Uhr noch lebendig gesehen zu haben. Ermittler und Gericht glaubten Ihnen damals aber nicht.

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Susanne Knobloch, Peggys Mutter, reicht Ulvi Kulac im Gericht die Hand

Es ging gleich bemerkenswert los beim Wiederaufnahmeverfahren im Fall Peggy. Susanne Knobloch, die Mutter des verschwundenen Mädchens, ging vor Verhandlungsbeginn auf Ulvi Kulac zu und reichte ihm die Hand. Er erwiderte die Geste. Ihre Anwältin sagte später zu Reportern, Susanne Knobloch sei dankbar dafür, dass der Prozess noch einmal neu aufgerollt werde, denn sie wolle endlich wissen, was wirklich mit ihrer Tochter passierte.

Dann eröffnete Richter Michael Eckstein die Verhandlung. Nach den Formalien und der Verlesung der Anklage hatte Ulvis Verteidiger Michael Euler das Wort. Dabei war nicht nur bemerkenswert, was er sagte, sondern auch, wie er das tat und welche Frontstellung da deutlich wurde. Frontal vor ihm, auf der anderen Seite der U-förmigen Tischanordnung, saß Gutachter Hans-Ludwig Kröber, der Mann, der Ulvis Geständnis damals für glaubhaft erklärte und auch diesmal an seiner Meinung festhält. Kröber fixierte Anwalt Euler mit Blicken, als wolle er ihn von Anbeginn niederringen. Euler erwiderte die Blicke und unterstrich manche Sätze, indem er von seinem Manuskript aufschaute, Kröber ins Visier nahm und Wort für Wort mit besonderem Nachdruck formulierte. Euler zitierte einen der Polizisten, der laut Akten damals zu Ulvi sagte: „Wenn Du uns jetzt nicht die Wahrheit sagst, bin ich nicht mehr Dein Freund“. Scharfer Blick auf Kröber. Vom Geständnis habe es nur ein Gedächtnisprotokoll der Vernehmer gegeben. „Man muss sich fragen, ob es bei der Polizei keine Schreibkraft gab oder ob wenigstens einer der Beamten mitschreiben konnte“. Erneuter scharfer Blick auf Kröber.

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Das Wiederaufnahmeverfahren im Fall Peggy hätte eine schöne Gelegenheit bieten können, den angekratzten Ruf der bayerischen Justiz ein bisschen zu polieren. Und über eine längere Strecke haben Staatsanwaltschaft und Landgericht in Bayreuth auch eine gute Figur abgegeben. Die Staatsanwaltschaft war so mutig, alle verwertbaren Spuren noch einmal neu zu untersuchen und formelle Ermittlungsverfahren wegen Mordverdachts gegen neue Verdächtige einzuleiten, obwohl das Urteil gegen den verurteilten Ulvi Kulac nach wie vor gültig ist. Aber der Hang zum Mauscheln und Kungeln ist in der Justiz  offenbar derart tief  verwurzelt, dass der Prozess schon vor dem ersten Verhandlungstag am 10. April von neuen Affären überschattet wird.

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Da nimmt man sich ein paar Tage frei und kehrt von einer Reise zurück, und dann klingelt auf dem Flughafen das Handy und jemand erzählt mir, dass jetzt im Fall Peggy die Wiederaufnahme beschlossen ist. Zurück zu hause lese ich die Pressemitteilung des Bayreuther Justizsprechers zu dieser wirklich sensationellen Nachricht und staune: Darin sind zwei Wiederaufnahmegründe genannt, von denen einer bisher nur im Buch zu finden ist, das Ina Jung und ich über den Fall Peggy geschrieben haben. Dass das Bayreuther Gericht sich ausgerechnet diesen Grund herausgesucht hat und höchst passend kombiniert, ist ein Knaller. Das Bayreuther Gericht verteilt damit außerdem – sicher nicht versehentlich – reihenweise Tadel, und zwar an das Landgericht Hof, an die damalige Staatsanwaltschaft Hof, an die Polizei und an die Politik.

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Razzia der Bayreuther Kripo in der sachsen-anhaltinischen Gemeinde Kabelsketal: Im Fall Peggy haben bayerische Polizisten mit Unterstützung ostdeutscher Beamter nach Spuren gesucht. In Kabelsketal lebte bis zu seiner Festnahme Holger E., der Mann, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Mordverdachts in Sahen Peggy ermittelt. Es war eine größere Aktion mit großem Personalaufwand. Die Polizei Sachsen-Anhalt baute eigens in der Umgebung beheizte Zelte auf.

Holger E. war schon kurz nach Peggys Verschwinden in Verdacht geraten, er könne mit Peggys Verschwinden zu tun haben. Ina Jung und ich haben diese Spur in unserem Buch aufgedeckt. Daraufhin hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen Holger E. aufgenommen.

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Am Dienstag, 8. Oktober, lesen Ina Jung und ich aus unserem Buch Der Fall Peggy. Unterstützt werden wir von Friedrich Ani als Moderator – was die Sache ungewöhnlich macht: Anis Krimi Totsein verjährt nicht stützt sich auf den Fall Peggy und verarbeitet ihn zum Roman. Folglich planen wir für den Abend, nicht nur ausgewählte Passagen zu lesen, sondern außerdem darüber zu sprechen, was den Fall Peggy so außergewöhnlich macht. Und außergewöhnlich ist er ja in mehrfacher Hinsicht – als Kriminalfall, aber mehr noch als Justiz- und Politik-Skandal. Lebenslange Haft allein wegen eines Geständnisses, die absurden Umstände beim Zustandekommen des Geständnisses, das Fehlen der Leiche und jedweder Spur, die Einmischungen der Politik in die Ermittlungen, das leichtfertige Übersehen einer viel plausibleren Spur, der die Staatsanwaltschaft erst jetzt, nach Erscheinen des Sachbuchs, wieder nachgeht – man müsste einen Roman drüber schreiben, wenn es den nicht schon gäbe. Und das wird das Ungewöhnliche sein – wir erzählen, wie wir aus unseren unterschiedlichen Perspektiven an den Fall Peggy herangegangen sind. Wie daraus ein Roman, ein Spielfilm (Das unsichtbare Mädchen von Dominik Graf, Drehbuch ebenfalls Friedrich Ani und Ina Jung) und schließlich das Sachbuch wurde, das den Fall jetzt zu neuen Ermittlungen geführt hat.

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jensB

Diesen Text veröffentlichte Jens B. wenige Tage nach der Festnahme seines Bruders Holger E. auf seinem Facebook-Profil

 

Die Staatsanwaltschaft Bayreuth hat die Anklage gegen Holger E. wegen Missbrauchs seiner Cousine Desirée K.* fertig. In wenigen Tagen wird die Anklageschrift zugestellt. Holger E. ist der Mann, gegen den die Anklagebehörde auch wegen Mordes im Fall Peggy ermittelt. Für die Familie von Holger E. dürfte die Anklage eine Überraschung sein – denn sie geht offenbar fälschlich davon aus, dass die Tat verjährt sei. Derweil schlägt der Fall in einer Facebook-Gruppe Wellen, in der Angehörige von Holger E. mit Mädchen aufeinander prallen, die eigene Erfahrungen mit Holger gesammelt haben.

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Das Mord-Ermittlungsverfahren gegen Thorsten Engelhardt im Fall Peggy ist heute Nachrichtenthema. Die dpa hat die Meldung an die Redaktionen geschickt. Gerade eben hat RTL für die Nachrichten gedreht. Die Kollegen haben sich natürlich in Bayreuth selber die Bestätigung bei der Staatsanwaltschaft geholt. Darum weiß ich, dass sie dort hörten, das sei ja gar nicht wirklich neu. Das ist natürlich Unfug, denn die Nachricht über das Verfahren war bis heute unbekannt. Die Staatsanwaltschaft möchte das Thema einfach möglichst klein halten – kann ich aus ihrer Sicht auch verstehen. Unklar ist bisher freilich auch, warum die Staatsanwaltschaft Thorsten Engelhardt überhaupt ins Visier nahm. Diese Unklarheit kann ich ausräumen.

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Bahnt sich jetzt eine Wende im Fall Peggy an? Die Bayreuther Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes gegen Thorsten Engelhardt* (29) aus Halle eingeleitet. Das berichten wir heute bei Antenne Bayern. Der Chef der Bayreuther Staatsanwaltschaft, Herbert Potzel, bestätigte unsere Information.

Engelhardt ist der Mann, den Ina Jung und ich schon in unserem Buch als Verdächtigen beschreiben. Er hat Peggy im Sommer 2000, also rund ein dreiviertel Jahr vor ihrem Verschwinden, kennengelernt. Er gehört zur Familie der damaligen Nachbarn, die in Lichtenberg in demselben Haus wohnten wie Peggy mit ihrer Familie. Für die Polizei war er schon damals einer der Hauptverdächtigen. Die Ermittler haben die Spur aber fallenlassen, nachdem sie das Geständnis des geistig minderbemittelten Ulvi Kulac hatten.

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