Das Wörtchen ABER hatte vergangenes Jahr folgende Bedeutung: Da wollten alle möglichen Leute mitteilen, sie seien zwar nicht rechtsradikal, ABER dies und jenes werde man doch wohl noch sagen dürfen. Heute lese ich ständig, die Übergriffe auf Frauen in der Silversternacht in drei Städten – Köln, Hamburg und Stuttgart – müssten zwar hart verfolgt werden, ABER mit der Zuwanderung hätten sie nichts zu tun. Dieses ständige ABER, egal, wer es benutzt, zeigt in beiden Kontexten etwas ähnliches an, nämlich Gedankenlosigkeit und Besessenheit derjenigen, die es verwenden.

Bei der Frage, ob die Mobs junger Männer nordafrikanischen oder arabischen Aussehens in Köln, Hamburg und Stuttgart etwas mit der jüngsten Zuwanderung zu tun haben, ist dieses ABER schon deshalb Unfug, weil das niemand wissen kann. Es soll zwar erste Festnahmen gegeben haben, aber ich habe bisher nirgendwo lesen können, dass die Festgenommen erst kürzlich nach Deutschland reisten. Das Gegenteil hat die Polizei freilich ebenfalls noch nicht bekanntgegeben. Vielleicht wäre es sinnvoll, wenn sie ihre diesbezüglichen Erkenntnisse nicht allzulange für sich behielte. Sollte die Polizei andererseits Leute in ihrem Gewahrsam haben, aber dennoch nicht in der Lage sein, zu sagen, woher die stammen, wäre auch das kritische Nachfragen wert.

Die heutigen Herumaberer sollten sich auch bewusst machen, dass sie es sind, die mit ihren Aber-Sätzen genau diesen Zusammenhang auf die Tagesordnung setzen. Es ist vorauseilende Kritik an tatsächlich oder vermeintlich rechtsradikalen Sumpfblüten, die den Sumpfblüten die Schlagkraft eines jedenfalls noch faktenfrei behaupteten Zusammenhangs zwischen den Jungmännern und den Flüchtlingen nahelegen, bevor die ihn selber aussprechen konnten.

Nachdenken scheint aber gerade nicht besonders populär zu sein. Unser Justizminister behauptet etwa, es handele sich um „organisiertes Verbrechen“. Das ist derart dumm, dass man kaum glauben mag, dass der Justizminister es tatsächlich so gesagt hat. Hat er aber.

Eilig gesprochene Sätze, derartiges dürfe sich „nie wieder“ ereignen, sind nicht schlauer, denn es wird sich in dieser oder jener Form ganz sicher wieder ereignen, sogar dann, wenn alle feuchten polizeistaatlichen Träume wahrwerden sollten, die in diesem Wust gleich mitgeträumt werden. Ich lese heute von Kameraüberwachung allüberall, von vorsorglichen Platzverweisen oder auch davon, die Polizei habe an den Tatorten deshalb versagt, weil die Bundespolizisten alle in Bayern unterwegs seien und deshalb in Köln gefehlt haben sollen.

Wer so argumentiert, der redet einen Polizeistaat herbei. In dem werden die Menschen zwar auch nicht besser, aber politisch unerwünschte Straftaten lassen sich leichter unter den Teppich kehren. Wir kennen das noch aus der DDR, wo es – wie wir heute wissen – auch schon Neonazis gab, nur, dass dem SED-Staat das derart peinlich war, dass er das Reden darüber schwerer bestrafte als das Schwadronieren der Neonazis.

Eine solche Argumentation ist außerdem der reinste Offenbarungseid, weil die Polizei das Versagen in Köln, Hamburg und Stuttgart mit dem Versagen an den Grenzen begründet, das Problem – jedenfalls in der inneren Argumentationslogik – also selber geschaffen hat. Der massenhafte Übergriff auf feiernde Frauen wird in einen kausalen Topf geworfen mit der rechtswidrigen Politik der neuen Grenzkontrollen – auch so ein ABER-Thema. Hier lautet der ABER-Satz: Wir halten an Europa und offenen Grenzen fest, aber…

Noch einen Tag vorher hörte und las ich alle mögliche Kritik an den Dänen, die jetzt die Grenze nach Deutschland kontrollieren, nachdem vorher die Schweden die Grenze zu Dänemark dichtmachten. Diese Kritik ist heuchlerisch, weil wir Deutschen mit den Grenzkontrollen angefangen haben, nämlich an der Grenze zu Österreich. Es ist völlig verrückt. Ich war in den letzten Wochen gelegentlich mit dem Zug in Salzburg. Dort ist auf dem Bahnhof nur noch eine Tür pro Zugeinheit geöffnet, und wer da durch will, der muss einem Sicherheitsmann seinen Ausweis zeigen. Von Salzburg nach Deutschland! Hey, das war sogar zu meiner Kindheit schon besser, und die ist ziemlich lange her.

Wenn man sich das alles anschaut, da kann einem etwas bang werden. Ohne wenn und aber.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.