Alexa: Gutenachtgeschichte! Wer zu Hause eine Alexa hat und ihr eine Gutenachtgeschichte abverlangt, der bekommt eine tĂ€glich frische Produktion fĂŒr Kinder. Die hat nicht der Amazon-Konzern in Auftrag gegeben – schreiben, sprechen und produzieren lassen –, sondern der Bayerische Rundfunk. Den Nutzer kostet sie nichts. Bzw: Jeder Amazon-Nutzer in Deutschland ist zwangslĂ€ufig natĂŒrlich auch GebĂŒhrenzahler. Insofern darf man die Kindergeschichte von Alexa prinzipiell als mitgezahlt ansehen, jedenfalls in Bayern. Dass bayerische GebĂŒhrenzahler die Kindergeschichten fĂŒr norddeutsche Kinder mitfinanzieren sei jetzt außen vorgelassen. Interessanter ist schon die Frage, warum Nichtbesitzer einer Alexa die tĂ€gliche Gutenachtgeschichtenproduktion fĂŒr solche Alexa-Besitzer mitfinanzieren mĂŒssen, die am Abend zu mĂŒde sind, um ihrem Nachwuchs selber ein MĂ€rchen vorzulesen. 

Was der Bayerische Rundfunk hier auffĂŒhrt ist darum weniger ein freundlicher Service fĂŒr abgearbeitete Eltern als vielmehr eine Demonstration entgrenzter Marktmacht. Die Anstalt ist derart groß, derart finanzstark und derart abgesichert, dass sie ausnahmslos jedes Segment im MediengeschĂ€ft zu bedienen vermag und es genau darum auch tut. Weil sie es kann. Wie groß dieses Segment gerade ist, spielt keine Rolle. Eine Rolle spielt allein, dass ja jemand anders kommen könnte, um in ferner Zukunft ein GeschĂ€ftsmodell aus Gutenachtgeschichten fĂŒr Alexa zu stricken. Das will die Anstalt verhindern und besetzt die Nische darum schnellstens selber. Andere sind dazu gar nicht in der Lage.

Denn dafĂŒr braucht es genĂŒgend brachliegende Ressourcen. Die hat der Bayerische Rundfunk und widmet Alexa gleich ein „Pilotprojekt“ mit einem Projektleiter. Der heißt Jonas Bedford-Strohm. Er ist eigentlich Mitarbeiter der Pressestelle des Bayerischen Rundfunks. Angesichts des markanten Nachnamens dĂŒrfte jeder von sich aus auf die Frage kommen, ob er etwas mit dem evangelischen Bischof und EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm zu tun hat. Spart Euch das Googeln: Ja, er ist sein Sohn.

Es geht um Expansion

Auf der Webseite seines Senders bekennt er, dass Alexa den Programmen seines Hauses vielfach nĂŒtzen könnte. Beispielsweise könne das auf jĂŒngere Hörer zielende kommerzielle BR-Format Bayern 3 „mit kreativer Interaktion […] die Zuschauerbindung weiter erhöhen und nach und nach FĂ€higkeiten hinzufĂŒgen“.

FĂŒr den Onlineauftritt BR24 hĂ€lt Bedford-Strohm Amazons Alexa fĂŒr einen „idealen Distributionskanal“. „Man muss also nicht erst Verkehr, Wetter und anderes abwarten, sondern bekommt gezielt die Nachrichten.“

Dass das Engagement fĂŒr den GebĂŒhrensender strategisch ist folgt aus diesem Satz: „Besonders dann, wenn wir jetzt proaktiv in innovative Skills auf Alexa investieren, werden sich die Verbreitungsmöglichkeiten fĂŒr uns dadurch nur erweitern.“

Es geht – ganz klar – um Expansion. Da verhĂ€lt sich der Bayerische Rundfunk wie ein ganz normales Unternehmen. Genau das aber ist er nicht. Der Bayerische Rundfunk erhĂ€lt sein Geld vom GebĂŒhrenzahler, der von seinem zustĂ€ndigen Landtag zur Zahlung gezwungen wird. Er besitzt behördengleiche Befugnisse, um das ihm politisch zugesprochene Geld einzuziehen. Wie alle ARD-Stationen kann er seine Forderungen selber titulieren und darum vollstrecken, ohne zuvor ein Gericht bemĂŒhen zu mĂŒssen. Ein derartiges Privileg haben sonst nur Behörden, vor allem FinanzĂ€mter. Also nochmal: Ein normales Unternehmen in einem normalen Markt mit fairer Konkurrenz ist der Bayerische Rundfunk nicht, ebenso nicht wie seine ARD-Mitanstalten.

Unfaire Marktordnung

Solche normalen Konkurrenten sind die privaten Medienunternehmen, die ĂŒber derartige finanzielle Sicherheit nicht verfĂŒgen. Die stehen vor ganz anderen Herausforderungen. ZeitungshĂ€user verlieren seit Jahren massiv zahlende Leser. Der tagesaktuelle Nachrichtenkonsum von Papier hat sich praktisch erledigt. Das ist alles lang wie breit bekannt. Die Verlagslandschaft ist in den letzten Jahren geschrumpft und bis in die KerngeschĂ€fte hinein verĂ€ndert. EigenstĂ€ndige Titel sind verschwunden. Springer hat seine Lokalzeitungen allesamt verkauft (bis auf die BZ, die bei der Bild gelandet ist). Einige Verlage haben massiv hinzugekauft und versuchen ihr Heil in Synergien. Die wirtschaftliche Lage mancher Betriebe oder freier Mitarbeiter ist desolat. Das betrifft auch Teile der privaten Radiobranche. 

Auf so etwas wie die Gutenachtgeschichte fĂŒr Alexa kommt da niemand, und wenn, dann fĂ€nde sich kein Manager, der dafĂŒr das nötige Geld und Personal auftriebe. Der Bayerische Rundfunk tut es, weil er kann, und am Anfang und am Ende jeder Gutenachtgeschichte wird das Betthupferl als Service gleich zweier UKW-Wellen des Bayerischen Rundfunks beworben. Also zwei Stationsnennungen, die subkutan durch die Alexa-Nische in die Ohren von Kindern und Eltern gefunkt werden, was insofern die Marktlage weiter zu verzerren taugt, als es die fiktive Reichweite der betreffenden Programme steigern kann. Radioreichweiten werden nĂ€mlich nur empirisch gemessen, mit Umfragen. Es wird gefragt, welche Sender jemand gehört hat. Die Antworten sind nicht frei von subjektiven Effekten. Wer tĂ€glich den Namen einer UKW-Station von Alexa vorgesagt bekommt, neigt statistisch und messbar dazu, dem Interviewer diese Station zu nennen. Mit Alexa dĂŒrfte dieser  Effekt noch minimal sein. Aber man denkt ja langfristig und strategisch.

Man kann die Konkurrenz zwischen den ARD-Anstalten und privaten Medienunternehmen also nur unfair nennen. Die einen kÀmpfen um ihre Zukunft. Die anderen besetzen die Zukunft, weil der Staat das so will.

Die Politik versagt seit Jahrzehnten

Und langfristig zeigt sich seit langer Zeit, dass die Entwicklung der öffentlich-rechtlichen Medien und ihre Durchdringung aller Lebensbereiche immer stĂ€rker wird, wĂ€hrend private Medien VerdrĂ€ngungskĂ€mpfe fĂŒhren und von der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz zusĂ€tzlich unter Druck gesetzt werden. Seit einigen Jahrzehnten (!) flammt immer mal wieder die Forderung nach einer Reform des öffentlich-rechtlichen Systems auf. Immer wieder ist dann davon die Rede, der öffentlich-rechtliche Auftrag mĂŒsse auf ein vernĂŒnftiges Maß beschrĂ€nkt werden. Bisher sind alle diese Debatten ins Leere gelaufen. Inzwischen sind – zuletzt jetzt mit der Entscheidung des EuGH – auch alle juristischen Versuche gescheitert, den öffentlich-rechtlichen Mediensektor zu bĂ€ndigen. 

Dass das nicht juristisch ausgefochten werden kann liegt auch auf der Hand: Gerichte entscheiden nach Gesetzeslage. Gesetze werden aber politisch gemacht. Es mĂŒssten also die Parteien sein, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf eine gesunde GrĂ¶ĂŸe stutzen. Aber das tun sie nicht, und zwar sĂ€mtlich nicht.

In Bayern gab es im Landtag nur eine Fraktion, die sich gegen den ungeliebten Rundfunkbeitrag wandte und mit nein stimmte: Die Freien WĂ€hler. Die freilich sind jetzt mit der CSU in der Koalitionsregierung des Freistaats und haben im Koalitionsvertrag ihre bisherige Linie gekippt.

Dann gibt es die AfD, die grundsĂ€tzlich gegen die RundfunkgebĂŒhr ist und vermutlich jedenfalls vorlĂ€ufig in jedem Bundesland gegen GebĂŒhrenerhöhungen oder andere Fortschreibungen des Rundfunkstaatsvertrags stimmen wird. Das ist verschmerzbar. Dem öffentlich-rechtlichen Kartell nĂŒtzt es sogar. Wer das öffentlich-rechtliche System kritisiert, kann dank der AfD-Gegnerschaft leicht als „rechts“ in die Ecke gestellt und damit marginalisiert werden. 

Die AfD bestimmt bald mit ĂŒber die Meinungsmacht in Deutschland

Andererseits reagieren die ARD-Anstalten auch mal flexibel, weil sie eben langfristig denken und ihre Machtstellung auf Dauer halten möchten. Dieser Tage fuhr ich durch Baden-WĂŒrttemberg und hörte in einem SWR-Programm einen Beitrag ĂŒber die BerateraffĂ€re im Bundesverteidigungsministerium. Nach einem redaktionellen Vorspiel wurde ein Politiker-Statement eingespielt, nur eines. Dann war der Beitrag zu Ende. Der Politiker, der sich da Ă€ußern durfte, war einer von der AfD. Einfach so. Ohne bissigen Seitenhieb, ohne Ironisierung oder sonst eine ĂŒbliche AfD-Anmoderation. Der AfD-Mann wurde als ganz normaler Verteidigungspolitiker anmoderiert. Es hĂ€tte auch einer von der FDP sein können oder einer von den GrĂŒnen, die in diesem Fall dasselbe sagen wie die von der AfD. Beim Bayerischen Rundfunk habe ich so etwas noch nie gehört. Da gibt es die AfD wohl grundsĂ€tzlich nur zu AfD-Themen in eigener Sache. Aber die SWR-Redaktion entschied sich dafĂŒr, einen AfD-Mann als Muster-Kritiker der Bundesverteidigungsministerin aufzurufen.

Liegt vielleicht daran, dass die AfD eben auch im Stuttgarter Landtag sitzt. Da  könnte es sich vielleicht mal auszahlen, die ganz nĂŒchtern als normalgĂ€ngige Opposition zu fahren – sei es, um der AfD zu zeigen, dass der SWR auch fĂŒr sie was tun könnte, zu versuchen, auch die AfD zur SWR-Partei zu machen, sei es, um den Vorwurf der AfD zu kontern, sie werde nicht genĂŒgend im Programm berĂŒcksichtigt. Vielleicht macht der Bayerische Rundfunk das demnĂ€chst auch so. Denn auch hier ist die AfD ja neuerdings im Landtag.

Die hehre Idee hinter dem „ZweisĂ€ulen-Modell“ lautete einmal, mit dem privaten und dem öffentlich-rechtlichen System zwei wenigstens annĂ€hernd gleich starke MediensĂ€ulen zu errichten. Das hat noch nie gepasst. Die Öffentlich-Rechtlichen waren immer die stĂ€rkeren. Nicht nur finanziell, sondern auch in punkto Meinungsmacht. Die KampagnenfĂ€higkeit der Bild-Zeitung ist ein Witz gegen die KampagnenfĂ€higkeit von ARD und ZDF, wie Jahr fĂŒr Jahr die (öffentlich-rechtliche) Bayerische Medienanstalt BLM ermitteln lĂ€sst. ARD und ZDF kommen im aktuellen Medien-Vielfaltsmonitor auf einen Anteil von 29,9 Prozent. Der meinungsstĂ€rkste private Medienkonzern Bertelsmann folgt mit 11,3 Prozent, Springer mit 7,7 und ProSiebenSat.1 mit 6,4 Prozent. Die drei stĂ€rksten privaten Medienkonzerne sind sogar zusammengerechnet schwĂ€cher als ARD und ZDF. Dabei bilden sie ein breiteres und pluraleres Meinungsspektrum ab, was in dieser Betrachtung entscheidend ist.

Das schmale Band öffentlich-rechtlicher BinnenpluralitĂ€t im Sinne kleinster gemeinsamer Landtagsnenner und der von den Landtagen in die RundfunkrĂ€te entsandten Lobbies steht fĂŒr die dominierende Medien-Meinungsmacht in Deutschland. Das ist kein Beitrag fĂŒr Demokratie, sondern das Gegenteil davon. Und demnĂ€chst möglicherweise unter reger Mitwirkung von AfD-Medienpolitikern und -RundfunkrĂ€ten. Das kĂ€me dann eben davon, dass man solche Strukturen uferlos wachsen lĂ€sst. Sind sie erstmal da, können sie in falsche HĂ€nde fallen. Oder noch falschere als bisher schon.

Jetzt neu: Auch in innovativen Kinderzimmern mit Alexa.

Photo by davide ragusa on Unsplash
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