Die BIG-Partei ist eine kuriose Truppe. Sie wirbt im Berliner Abgeordnetenhaus-Wahlkampf mit dem Slogan „Ja zur Vielfalt“, womit vermutlich die Spiegelung des aktuellen Modebegriffs aller deutschen Parteien beim Thema Einwanderungspolitik gemeint ist. Tatsächlich finden sich aber ausschließlich türkische Namen auf ihren Plakaten, was in diesem Sinne nicht gerade vielfältig aussieht. Verwunderlich ist das nicht, denn die BIG-Partei ist offensichtlich ein Ableger der türkischen Regierungspartei mit dem Auftrag, Ankara eine Machtbasis in Deutschland zu verschaffen.

Tatsächlich vertritt die BIG-Partei die Positionen der AKP und ihres Chefs Recip Tayyip Erdogan. Sie ist für die doppelte Staatsangehörigkeit und wendet sich strikt gegen die „uneingeschränkte Anpassung bei Aufgabe eigener Werte und Identitäten“. Erdogan nannte das Assimilierung. Da niemand so etwas verlangt, dürfte diese ins Leere zielende Forderung tatsächlich bedeuten, dass die BIG eine türkische Parallelgesellschaft wünscht. Das Bewusstsein soll türkisch bleiben. Die Lebensumgebung in Deutschland soll so türkisch wie möglich gestaltet sein. Im Fernsehen laufen türkische Sender, gelesen werden türkische Zeitungen, politisch fühlt man sich von Erdogan vertreten, nicht von Merkel.

Sollte die BIG-Partei an Relevanz gewinnen, wäre damit eine neue politische Front eröffnet, die vor allem die CDU zusätzlich bedrängen würde. Gesellschaftspolitisch ist sie nämlich eine konservative Partei. Die Familie gilt ihr als „Grundlage der Staatlichen Ordnung“. Anders als deutsche Parteien, für die Familie ein beliebiges Gebilde ist, Hauptsache, Kinder sind dabei, hat die BIG  eine sehr klare Vorstellung, was sie darunter versteht. Familie basiere auf dem „Zusammenschluss von Mann und Frau“. Sie verdiene „Förderung und Unterstützung in jeder Hinsicht“.

Das klingt für einen wesentlichen Teil der CDU-Basis bedeutend attraktiver als das, was CDU-Familienpolitikerin Ursula von der Leyen zu Genderpolitik, Schwulenehe oder Kinderkrippen sagt. Klickt man weiter durch das BIG-Programm, findet sich da zudem das Bekenntnis zur „freien Marktwirtschaft“ als Ordnungsrahmen. Hier wären dann auch noch enttäuschte FDP-Wähler verzückt. Glaubwürdig sind die Aussagen der BIG allemal. Das, was sie verlangt, setzt ihre türkische Mutterpartei in der Türkei um und ist damit ziemlich erfolgreich.

In Regionen mit hohem türkischen Bevölkerungsanteil hat die BIG-Partei offenbar erhebliches Potential. Ihr Auftreten wirft ein paar ziemlich spannende Fragen auf:

  • Wie hoch ist der Anteil unter den Deutschtürken, der seine Identität eher türkisch als deutsch sieht und seinen Wohnort eher als türkische Exklave denn als Bestandteil Deutschlands?
  • Wie attraktiv sind die gesellschaftspolitischen Positionen der BIG-Partei für konservative und liberale Deutsche, die in Einzelfragen wie der Griechenland-Hilfe zwar eine Mehrheit von 82 Prozent umfassen, parlamentarisch aber praktisch nicht mehr vertreten sind?
  • Wie werden Deutsche damit umgehen, dass die Türkei sich zur innenpolitischen Kraft in Deutschland aufschwingt und eine politische Partei ihre Zentrale tatsächlich in Ankara hat?
  • Könnte die schon lange in der Luft liegende neue bürgerlich-liberal-konservative Partei in Deutschland womöglich aus der türkischen Bevölkerung herauswachsen, auch deshalb, weil die sonst üblichen politischen Vernichtungskeulen Antieuropäer, Nazi, etc. hier nicht verfangen?

Als hochgradige Widersprüchlichkeit darf jedenfalls schon jetzt gelten, dass derzeit linke deutsche Parteien und türkische Gruppen fast jeder Couleur besser miteinander klarkommen als die sich ideologisch viel näher stehenden meisten türkischen Gruppen und CDU und CSU. Aber wie alle grundsätzlichen Widersprüche wird sich auch dieser früher oder später auflösen.

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