Der Chef der zentralen Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks, Marco Bertolaso, wartete vor einiger Zeit mit einer trendigen Idee auf – nĂ€mlich den „Faktencheck“ schon in der Überschrift oder im Leadsatz einzubauen, „wenn nötig“.

Bertolaso brachte auch ein fiktives Beispiel, natĂŒrlich eines mit US-PrĂ€sident Trump: „US-PrĂ€sident Trump hat wahrheitswidrig behauptet, dass…“. Bertolasos „Faktencheck“ besteht hier konkret in der EinfĂŒgung des Attributs „wahrheitswidrig“ und vermutlich auch in der Wahl des Verbs „behaupten“ (statt sagen, meinen, vermuten, etc.).

Bertolaso tat diese Idee wohl in einem Workshop mit Kollegen kund. Getwittert wurde er von der Journalistin Sandra MĂŒller, die nach eigenem Profil ĂŒberwiegend fĂŒr den SĂŒdwestrundfunk arbeitet und vom Deutschlandfunk als Coach beschĂ€ftigt wurde. Sie lobte Bertolasos Idee und twitterte: „LeadsĂ€tze mit eingebautem Faktencheck“. 

Dann schaltete sich auch noch der reichweitenstarke Journalist, Medienkritiker und Blogger Udo Stiehl in die Debatte ein und meinte auf eine Kritik von mir, das Attribut „wahrheitswidrig“ habe nichts mit einer Kommentierung zu tun, „wenn die falsche Aussage belegt ist“. Denn dann sei der Inhalt der Meldung ja, dass jemand eine falsche Aussage mache.

 

Das ist Unsinn. Handwerklich ist dazu eigentlich nicht viel zu sagen. Attribute sind grundsĂ€tzlich Wertungen. Wer glaubt, er könne mit einer Bewertung eine Falsch-Tatsache kennzeichnen, wĂ€hlt das sprachlich und handwerklich falsche Mittel. Eine Bewertung bleibt auch dann eine Bewertung und „Kommentar“, wenn die „falsche Aussage belegt ist“. Denn der Inhalt der Meldung ist auch dann nicht, dass „jemand eine falsche Aussage mache“. Der Inhalt der Meldung ist vielmehr die Aussage an sich, nur eben mit der Bewertung „wahrheitswidrig“. Stiehl und Bertolaso verwechseln Form und Inhalt.

WĂŒrde ein Nachrichtenredakteur – warum auch immer – beabsichtigen, eine falsche Behauptung von US-PrĂ€sident Donald Trump zu widerlegen, so kĂ€me er nicht darum herum, eine zitable Quelle fĂŒr die Gegenbehauptung zu finden. Das könnte ein anderer Politiker sein, aber auch ein Bericht eines Untersuchungsausschusses, eine Anklageschrift, ein Regierungsdokument, ein plausibler Pressebericht – was auch immer. Ohne eine solche Quelle und deren Nennung in einer Meldung ginge es so oder so nicht. WĂ€re das Widerlegen einer Falschbehauptung von Trump das Thema und damit der AufhĂ€nger der Meldung, mĂŒsste sie also etwa so beginnen: „Politiker XY hat US-PrĂ€sident Trump vorgeworfen, ĂŒber Vorgang A die Unwahrheit gesagt zu haben“.

Offenbar genĂŒgt das dem Kollegen Bertolaso nicht mehr. Offenbar fĂŒrchtet er, die Meldung könne nicht genĂŒgend abgeschlossen sein und durch das GegenĂŒberstellen der Aussagen von Trump und Politiker XY dem Hörer Deutungen offenlassen. Das aber scheint Bertolaso nicht zu mögen. Sein Vorstoß bedeutet nichts anderes als die SelbstermĂ€chtigung, kĂŒnftig nicht mehr nur zur berichten, sondern als Zentralinstanz ĂŒber richtig und falsch zu urteilen. Damit stellt er keine handwerkliche Frage, sondern erhöht eine handwerkliche Frage zur politischen Machtfrage.

Bertolaso ist mit seiner Sicht auch nicht allein. Er hat bei ARD und ZDF zahlreiche Mitstreiter. Einer von ihnen ist Georg Restle, der Chef des WDR-Magazins Monitor. Der wetterte vor Kurzem gegen „NeutralitĂ€tswahn“ von Journalisten und nennt es eine „LebenslĂŒge“, zu glauben, dass Journalismus ĂŒberhaupt neutral sein könne. Restle bekam fĂŒr seinen Vorstoß viel Zuspruch, vor allem von Kollegen der angeschlossenen FunkhĂ€user.

Restle unterschlĂ€gt, dass das Streben nach NeutralitĂ€t sehr wohl möglich und auch sinnvolle journalistische Praxis ist. Dass NeutralitĂ€t in einem absoluten Sinne eine Fiktion ist, stimmt natĂŒrlich. Aber um die geht es auch nicht. Es geht danach, sie anzustreben, wissend, dass man ihr nur nĂ€herkommen, sie aber nicht erreichen kann. Diesen Unterschied dĂŒrfte Georg Restle kennen. Gleichwohl pflĂŒgt er ihn mit grober Wortwahl nieder. Anders formuliert lautet seine Aussage: Da absolute NeutralitĂ€t eh nicht vorstellbar ist, vergessen wir einfach das Streben danach und verkĂŒnden unsere ganz private Wahrheit, als sei sie göttlich.

Da passt ins Bild, dass weder Georg Restle noch Marco Bertolaso je durch journalistische Glanzleistungen aufgefallen wĂ€ren. Restle ist vor allem ein radikaler Altlinker, der auf seinem Wikipedia-Eintrag als erste Medienstation das linke „Radio Dreyeckland“ in Freiburg nennt.

Ansonsten kennt er nicht viel mehr als den WDR, bei dem er auch volontierte. Aus Erfahrung weiß ich, dass Funk- und Fernsehleute immer gewisse Komplexe gegenĂŒber Print-Leuten haben (umgekehrt auch, aber das ist hier unwichtig). Auch Restle scheint sich davor zu fĂŒrchten, man könne ihn nur fĂŒr einen Fernsehansager halten.

Jedenfalls kategorisiert er seine Polemik gegen journalistische NeutralitĂ€t in einem internen HausblĂ€ttchen des WDR hochtrabend als „Essay“.

Bertolaso ist mit seinem Werdegang zurĂŒckhaltender – so zurĂŒckhaltend, dass er zwar in seiner Kurzbio erwĂ€hnt, er habe mal fĂŒr einen Bundestagsabgeordneten gearbeitet, aber nicht, fĂŒr welchen oder welcher Partei. Gleichwohl möchte er aber wohl gern eines Tages in den GeschichtsbĂŒchern erwĂ€hnt werden. Die Buchautorin Claudia Grimmer fragte ihn, wie es denn sei, die Nachrichten nur zu schreiben und nicht auch am Mikrofon zu prĂ€sentieren. Und dann zitiert sie ihn mit der Aussage:

„FĂŒr etwaigen Moderatoren- oder Medienruhm hat mich wohl das Geschichtsstudium verdorben: ob in 100 Jahren noch jemand weiß, wer heute die ‘Tagesthemen’ prĂ€sentiert“?

Eine drollige Sicht, die Bertolaso da von sich gibt. Er willl damit doch nicht etwa sagen, dass diejenigen, die im Hintergrund Meldungen und Moderationen in den Computer tippen, bessere Chancen auf einen Geschichtsbucheintrag haben? PrĂ€sentiert er deshalb seine fast neurotisch wirkende handwerkliche Pseudo-Innovation des im Leadsatz „eingebauten Faktenchecks“? HĂŒbsch opportunistisch ausgerichtet auf das in der ARD offenbar nach wie vor hochgefeierte Projekt Faktencheck?

Was da gerade in den Anstalten ausgebrĂŒtet wird, ist absurd und gefĂ€hrlich. Man kann sich ja mal andere fiktive Beispiele fĂŒr diesen neuen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenjournalismus ĂŒberlegen:

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat wahrheitswidrig behauptet, wer gegen den Euro sei, sei auch gegen Europa.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat wahrheitswidrig behauptet, der deutsche Staat tue alles fĂŒr die AufklĂ€rung der NSU-Mordserie.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat wahrheitswidrig behauptet, die Regierung treibe die Digitalisierung voran.

Was ist noch Fakt, was Wertung? Wenn die Medienwelt  von ARD und Deutschlandfunk je wahr werden sollte, dann zĂ€hlen Regeln und Handwerk nichts mehr. Dann zĂ€hlt nur noch Macht. Dann wĂŒrden nur noch Sprachregelungen derjenigen gelten, ĂŒber die man – bei naiver Anwendung der eigenen Regeln – texten mĂŒsste:

Der ARD-Vorsitzende hat wahrheitswidrig behauptet, der Rundfunkbeitrag sei keine ZwangsgebĂŒhr.

Foto Damien Checoury on Unsplash
0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darĂŒber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.