Die Deutsche Bahn schafft den Journalistenrabatt für die Bahncard ab – nach „eingehender Überlegung“, wie es auf der Spezial-Webseite heißt, die die Bahn einst eigens online stellte, damit Journalisten dort ihre ihnen zugedachte Bestechung bestellen konnten. Hintergrund ist die Affäre um die zahlreichen Vorteile für Ex-Bundespräsident Christian Wulff und der allgemein um sich greifende Schnäppchen-Trend vorgeblich privilegierter Gruppen. „Ja, das hat den Stein des Anstoßes zum Schluss noch mal ausgelöst“, formuliert Bahnchef Rüdiger Grube etwas umständlich.

In der Sache muss man Grube freilich beglückwünschen. Er stellt damit die journalistischen Standesvertretungen und die meisten Kollegen bloß, die bis heute nichts dabei finden, zwar Wulffs Mitnehmer-Gier (zurecht) anzuprangern, aber selber den Presseausweis zum verbilligten Einkauf von Autos, Reisen, Stereo-Anlagen oder zum vergünstigten Suchen nach einem Sexpartner auf einer Dating-Plattform zu nutzen. Es ist einfach skurril, dass mit der Bahn jetzt einer der bisher größten Journalistenbestecher Schluss macht mit dieser jahrelangen Übung, die Vorstände von DJV, Verdi und den anderen Vereinen, deren Pressekarten zum Schnorren taugen, dagegen schweigen und weitermachen wie bisher.

Dabei hätten sie längst tätig werden müssen. Ein Presseausweis gehört – wenn er denn irgendeinen tieferen Sinn haben soll – allein in die Hände von recherchierenden Reportern. Dazu mögen von mir aus auch Tischredakteure gehören, sofern sie wenigstens ab und zu recherchieren und dabei mit der Frage nach dem Presseausweis konfrontiert sein könnten. Und ein Presseausweis gehört allein für berufliche Zwecke eingesetzt. Jeder Missbrauch – und das verbilligte Einkaufen ist massenhafter Missbrauch – sollte den Entzug des Dokuments nach sich ziehen.

Freilich müssten die Berufsverbände so etwas überhaupt wollen. Wollen sie aber offensichtlich nicht. Die paar Euros für die Ausstellung eines Presseausweises scheinen ein derart gutes Geschäft zu sein, dass DJV, Verdi & Co. gar nicht genug davon bekommen. So stellen die Verbände den Presseausweis auch Leuten aus, die mit Journalismus wenig oder nichts zu tun haben. Etwa Musikmoderatoren oder Pressesprecher. Die einen machen Entertainment, die anderen sind im weiteren Sinn werbend tätig. Die Vergabe von Presseausweisen an diese Berufsgruppen ist eine Farce. Keiner von ihnen wird je einer Polizeikette gegenüberstehen, die er nach Vorzeigen des Presseausweises passieren müsste. Einziger Einsatzzweck des Dokuments: Einkauf auf Korruptionsbasis.

Die Bahn macht damit jetzt Schluss und begründet damit vielleicht einen Trend. Vielleicht folgen demnächst noch mehr Unternehmen und streichen die Presserabatte. Die Journalistenverbände wären dann gezwungen, zu reagieren, wollten sie sich nicht noch lächerlicher machen als so schon.

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