Vor einigen Jahren zogen Fremde nach Ballstädt, das zwischen Gotha und Bad Langensalza liegt. Bis die Fremden kamen, sagt ein Ballstädter als Zeuge vor vor dem Landgericht Erfurt, „hatten wir in Ballstädt immer ein freundliches Verhältnis“. Die Fremden, wer genau die waren, bleibt unscharf, hätten sich ein Haus gekauft, die frühere Bäckerei, wegen ihrer Fassadenfarbe „gelbes Haus“ genannt. „Aufgefallen sind die nicht“, sagt der Zeuge. Er wisse auch nur „vom Hörensagen, dass das rechtsorientierte Menschen sind“. Der junge Mann ist ein guter Zeuge. Er denkt präzise, ist offensichtlich ehrlich und findet auch politisch korrekte Worte für Leute, die andere schlicht als Neonazis bezeichnen würden.

Wo jetzt genau das Problem beginnt, das dann eines Tages übel eskaliert, zuerst ein rundes Dutzend Menschen mit teils schweren Verletzungen ins Krankenhaus und dann ein gutes Dutzend Neonazis auf die Anklagebank bringt, ist wohl nicht ganz eindeutig zu klären. Möglicherweise geht es damit los, dass manche Aktivisten die Neuzuzügler schnellstens wieder aus Ballstädt vertreiben wollten – allein wegen ihrer „vom Hörensagen“ bekannten Gesinnung. „Ist denn mit dem Haus was gewesen?“, fragt der Richter den Zeugen. Er antwortet: „In dem Sinn, dass die im Dorf was gemacht haben eigentlich nicht“.

Gemacht haben aber andere etwas, was dem Zeugen auch selber missfiel. Er studiere in Jena und sei darum nicht immer zu Haus, aber einmal sei er von der Uni zurückgekommen und sah „das Haus beschmiert. Das fand ich nicht in Ordnung.“ Es waren Schmähschmiereien an der Hauswand, die ein orthografisch eher unterbelichteter Mensch dort hingesprüht hatte. „NO NAIZ“, konnte man da lesen. Der Zeuge wusste auch von einer Ballstädter Bürgerinitiative gegen die Nazis, von einer Demo und einem Solidaritätskonzert gegen rechts.

Zur Bürgerinitiative habe er zwar nicht dazugehört, aber als der Ballstädter Kirmesverein am 8. Februar 2014 eine Party für die freiwilligen Kirmeshelfer im Gemeidehaus schmiss, da bekam jeder einen Button gegen rechts, den auch er sich angeheftet habe.

An diesem 8. Februar flog dann wohl auch ein Stein durch ein Fenster des „gelben Hauses“, eingewickelt in eine rote Serviette, weshalb der Richter jeden der Zeugen fragt, ob es auf der Feier Servietten gab und ob die rot gewesen seien. An Servietten konnten sich die Zeugen auch erinnern, aber nicht mehr an die Farbe.

Und dann, als die Feier schon sehr fortgeschritten war, so gegen 2 Uhr am Morgen, da folgte dann ein höchst brutaler Überfall, dessentwegen die Angeklagten sich in Erfurt verantworten müssen. Einige sehen tatsächlich zum Fürchten aus, bullig, kahler Schädel vollständig mit wilden Ornamenten volltätowiert, einer trägt auf dem Rücken seines Sweatshirts die Aufschrift „Nationalist Fight Club“ zur Schau.

Die Musik habe wohl noch laut gespielt, weiß einer der Zeugen. 15 bis 20 späte Restgäste seien noch da gewesen. Man habe fröhlich gefeiert und einiges getrunken, er sei „mehr als angeheitert“ gewesen, sagt einer von ihnen. Dieser zweite Zeuge habe zusammen mit dem ersten Zeugen an der Bar gehockt, wie beide sich erinnern. Da sei dann ein dunkel gekleideter, großer, kräftiger Mann stracks auf sie zugegangen, das Gesicht mit einer Maske verhüllt, darauf ein aufgedrucktes Skelett. Er habe gebrüllt: „Wer von Euch Arschlöchern hat unsere Scheibe eingeschlagen?“

Die Antwort habe er nicht groß abgewartet, sondern einem der beiden Männer sofort die Faust ins Gesicht geschlagen, jedenfalls sagten das alle Zeugen übereinstimmend, auch, wenn im Attest von zwei Schnittverletzungen die Rede ist, außerdem von einem Schädel-Hirn-Trauma und weiteren Verletzungen. Der Niedergeschlagene verlor möglicherweise das Bewusstsein. Es muss rabiat gekracht haben. Einer will Handschuhe gesehen haben, möglicherweise solche, die mit Quarzsand gefüllt gewesen sein könnten, um die Wirkung von Schlägen zu verstärken. Die Brille des Verprügelten sei durch die Luft geflogen, erinnert sich Zeuge 1, er habe sich danach gebückt.

Als er sie gefunden hatte und wieder hochkam, da habe er eine ganze Horde dieser großen starken Männer in den Saal stürmen sehen, die dann wildwütig drauflos geprügelt haben müssen. Mehr oder weniger alle Partygäste waren hinterher behandlungsreif, einige mussten stationär in der Klinik bleiben. Auch Zeuge 1 lag wohl vorübergehend bewusstlos auf dem Boden, der nach dem Abzug der Horde wüst ausgesehen haben soll – Glasscherben, Blutpfützen, demolierte Möbel.

Es ist ein ziemlich klares Bild, das die Zeugen dank der Frage-Regie des Vorsitzenden Richters Holger Grübler zeichnen. Es ist aber auch vielschichtig. Der Gewaltexzess ist das eine. Das andere könnte man als Willkommenskultur der anderen Art bezeichnen. Der Richter fragt hartnäckig auch nach der Vorgeschichte. Sie dürfte für sein Urteil wohl auch eine Rolle spielen, jedenfalls bei der Festlegung des Strafmaßes.

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