Morgens auf dem Bahnsteig des Görlitzer Bahnhof

Berlin gilt nicht ohne Grund als Metropole des Nachtlebens. Wenn morgens die Sonne aufgeht, leidet der optische Eindruck der Stadt sehr. Es kommt dann alles mögliche zum Vorschein, was das Dunkel verbirgt. Ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt des nächtlichen Berlin ist der Görlitzer Bahnhof. Letztens torkelte mir dort am Morgen kurz nach acht ein junger Mann entgegen, in dessen Mund ein unangezündeter Joint steckte und dessen Arm um eine etwas pummelige junge Dame griff. Er torkelte direkt auf mich zu, glotzte mit seinen glasigen Augen durch mich hindurch, und als er wackelnd, sich an der Dame festhaltend, vor mir stand, fragte er mich, ob ich Feuer für ihn habe. Er fragte das in diesem neuartigen  Kreuzberger Idiom, das aus einigen wenigen englischen Worten besteht und eine Mindeskommunikation zwischen den aus allen Wohlstandsländern der Welt angereisten Freaks ermöglicht. Der junge Mann stammte, Aussprache und Aussehen berücksichtigend, vermutlich aus Frankreich, Spanien oder Finnland.

Die Freaks aller Länder gesellen sich in Berlin zu den eingeborenen Freaks. Heute früh stand ein solcher vor mir, als ich am U-Bahn-Kiosk einen Kaffee holen wollte. Er stand vor mir und bestellte zwei Curry-Bouletten. Das tat er, in dem er ganz langsam nur diese Worte sagte: „Curry. Bouletten. Zwee.“ Er war sehr klein, und auf dem dunklen Haar glitzerten Konfettipartikel. Der Mann hinter dem Tresen, sich mit türkisch gefärbtem Deutsch verständigend, verstand den Freak erst nach paar Anläufen. Bevor er die Curry-Bouletten zubereitete, füllte er meinen Café Latte ab. Als ich bezahlte, drehte sich der Freak zu mir und hüllte mich mit seinem Zigarettenrauch ein. Ich sah in glänzende Glotzaugen, einen zahnlosen Mund und weitere Flitterpartikel auf dem Gesicht. Er lallte, er wolle nur keinen Ärger und entschuldigte sich. Keine Ahnung, wofür.

Oben auf dem Bahnsteig schlief derweil ein weiterer Freak auf einer Bank. Ob er zur angereisten oder eingeborenen Art gehört, ließ sich mangels gewechselter Worte nicht feststellen. Auf jeden Fall schaffte er es nicht mehr rechtzeitig aus dem Nachtleben nach Hause. Die Sonne hatte ihn überfallen wie einen verirrten Vampir. Er lag auf der Seite. Unter ihm, auf dem Steinboden, hatte sich ein See von seinem Sabber gesammelt. Die Nichtfreaks, die auf die U-Bahn warteten, verzogen sich in den hinteren Teil, während der vordere Teil des Bahnsteigs, wo der Freak ruhte, ansonsten menschenleer war. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die Zahl der Freaks in Berlin gerade rasant wächst. Nichtfreaks fühlen sich immer unbehaglich, wenn Freaks auftauchen. Ein einziger Freak reicht aus, um einen ganzen U-Bahn-Waggon zu leeren und die Nichtfreaks dazu zu bringen, sich einen Wagen weiter zu drängeln. Nichtfreaks halten auch immer den Mund, während Freaks gern laut werden. Außer, sie schlafen und sabbern gerade. Auf jeden Fall überlassen Nichtfreaks den Freaks immer kampflos den größeren Anteil an Platz im öffentlichen Raum.

Nur selten müssen Freaks mit Ärger rechnen, aber scheinbar gibt es doch noch irgendwelche Grenzen, deren Überschreiten sogar die Polizei mobilisiert. Einmal sah ich, wie zwei Beamte einen wütend schreienden Nackten vom Bahnsteig zerrten. Schwer vorstellbar, dass nur seine fehlenden Kleider den Einsatz auslösten. Da muss noch etwas anderes im Spiel gewesen sein.

Dass die Freks die Nichtfreaks immer mehr verdrängen, muss mit einer neuartigen Form von Zeitnot zu tun zu haben. Freaks verrichten vermutlich deshalb private Dinge in der Öffentlichkeit, weil ihnen die Zeit für den Heimweg fehlt und die privaten Dinge dringend erledigt werden müssen. Joint jetzt. Schlafen jetzt. Saufen jetzt. Auch die allgegenwärtigen offenen Bierflaschen in der Berliner U-Bahn sind ja letztlich freakhafte Symptome. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit behauptet zwar heute im BamS-Interview, „99 Prozent“ aller U-Bahn-Nutzer in Berlin seien ohne offene Bierflasche unterwegs, aber das ist nur eine hohle Behauptung eines Dienstwagenpassagiers. Und der Reporter fragte natürlich nicht nach, wie Herr Wowereit auf diese Zahl kommt.

Tatsächlich sind die Freaks schon viel weiter und kacken neuerdings wie die Hunde auf den Bürgersteig. Ein Kollege erzählte mir, kürzlich habe er beim Verlassen des Hauses in Kreuzberg ein Freak-Trümmerl umschiffen müssen. Und heute früh entdeckte ich sogar in der alten City West einen Haufen Scheiße, mit Klopapier. Jemand hatte ihn vor den Personaleingang von Karstadt Sport am Zoo geschissen. Meine These, dass Freakheit mit Zeitnot zu tun hat, sehe und rieche ich damit bestätigt.

Scheißhaufen eines menschlichen Freaks vor dem Personaleingang von Karstadt Sport am Zoo. Immerhin hat er sich den Arsch abgewischt

1 Antwort
  1. Jörg Reinhardt sagte:

    …und die komken alle nur nach Berlin um Dich zu ärgern…genau wie die ganzen Freaks die in einem mit der Flaschensammelei nerven, verlieren Ihre Jobs um Dich zu ärgern. Und die immer mehr werdenden Freaks die in der Psychiatrie aufschlagen nur um mich zu ärgern…
    Oder vielleicht ist es auch ein Zeichen der Verwahrlosung in einer zunehmend unsozialer werdenden Gesellschaft. Das bedeutet nicht, das jedes einzelne besoffene Arschloch nicht selber schuld ist, ändert aber nichts daran das diese Leute unter den gegebenen Bedingungen massenhaft nachwachsende.
    Und hier her kommen Sie alle, weil Sie in München, Frankfurt und Stuttgard von den privaten Sicherheitsdiensten der Geschäftsunhaber von den Strassen vertrieben werden. Also im wesentlichen aus genau den selben Gründen aus denen wir arbeitenden steuerzahlenden Provinzmigranten auch kommen.
    Hat eben immer alles vor und Nachteile. Verschwinden diese Freaks, verschwindet als nächstes deine uhrgemütliche Lieblingsbar, weil Sie die gesetzlich vorgeschriebenen Lärmschutz-/Feuer-/Toiletenmindestgrössen-/etc… Auflagen nicht erfüllen kann.

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