US-Senator Alben Barkley inspiziert das KZ Buchenwald am 24. April 1945 | Foto: arcweb.archives.gov/

US-Senator Alben Barkley inspiziert das KZ Buchenwald am 24. April 1945 | Foto: arcweb.archives.gov/

Die Landesregierung von Thüringen will das ehemalige KZ Buchenwald bei der Unesco als Welterbe schützen lassen. Der Vorstoß, vorangetrieben durch Kultusminister Christoph Matschie (SPD), wirkt wie ein missglückter Versuch, das Versagen beim Kampf gegen die NSU-Terroristen mittels einer historischen Selbstgeißelung wieder gutzumachen. Anders ist nicht zu erklären, wie die Thüringer auf diese Idee kommen konnten.

Wer unvoreingenommen in ein paar Jahrzehnten davon hört, dass eine deutsche Landesregierung ein deutsches Vernichtungslager als kulturelles Erbe anerkannt wissen wollte, der wird erstmal denken, die Deutschen seien da auf irgendetwas stolz. Die Definitionen der Unesco legen solche Folgerungen schließlich nahe. In der entsprechenden Richtlinie sind zehn Kriterien aufgelistet, von denen das Denkmal mindestes eines erfüllen muss:

  1. Exemplarisch das menschliche kreative Genie repräsentieren
  2. Wichtigen Wandel menschlicher Werte in historischer Dimension oder während einer kulturellen Welt-Epoche zeigen, und zwar anhand von Architektur, Technologie, künstlerischen Denkmälern, Stadtplanung oder Landschafts-Design
  3. Einmaliges oder zumindest außergewöhnliches Zeugnis für eine kulturelle Tradition oder Zivilisation, sowohl noch existierend als auch ausgestorben
  4. Außergewöhnliches Beispiel für einen Gebäudetyp, eine Architektur oder ein technologisches Ensemble oder eine Landschaft, das signifikante Abschnitte der Menschheitsgeschichte zeigt
  5. Herausragendes Beispiel für eine menschliche Ansiedlung, den Gebrauch von Land oder See, der typisch ist für eine oder mehrere Kulturen oder für den Umgang von Menschen mit der Umwelt, vor allem dann, wenn sie verletzt oder unwiederbringlich verändert wird
  6. Direkt oder dicht angebunden an Ereignisse oder gelebte Traditionen, verbunden mit Ideen oder Glauben, mit künstlerischer oder literarischer Arbeit von herausragender und universeller Relevanz (Das Unesco-Komitee erklärt, dass dieses Kriterium nur zusammen mit anderen Kriterien angewendet werden soll)
  7. Enthält einmalige natürliche Phänomene oder Gebiete von außergewöhnlicher natürlicher Schönheit und ästhetischer Bedeutung
  8. Außergewöhnlcihe Beispiele für wichtige Phasen der Erdgeschichte, eingeschlossen die Entwicklung des Lebens, signifikante und andauernde geologische Prozesse bei der Entwicklung von Landschaften oder signifikante geomorphe oder physiografische Vorgäng
  9. Außergewöhnliche Beispiele für andauernde ökologische und biologische Prozesse bei der Evolution und der Entwicklung der Erde, des Süßwassers und des maritimen Ökosystems und dem Zusammenleben von Pflanzen und Tieren
  10. Enthält die wichtigsten und signifikanten natürlichen Lebensräume für die Erhaltung biologischer Vielfalt, eingeschlossen bedrohte Arten von herausragender universeller Bedeutung aus Sicht der Wissenschaft oder der Bewahrung der Schöpfung

Welches Kriterium zum KZ Buchenwald passen könnte bleibt unklar. Klar ist allerdings, dass die Unesco bereits das KZ Auschwitz als Welterbe auf die Liste nahm, und zwar mit der Begründung, es handele sich um eine Stätte von menschheitsgeschichtlicher Bedeutung.

Das ist eine gewagte These, für die man sich besser noch ein paar Generationen Zeit gelassen hätte. Bisher würde es genügen, die Nazi-Zeit als Zeit einer verbrecherischen Diktatur zu werten, die nach zwölf Jahren in dem von ihr ausgelösten Krieg vernichtet wurde. „Menschheitsgeschichtliche Bedeutung“ hätte dem Anführer des „Tausendjährigen Reiches“ vermutlich gefallen. Aber dazu fehlten nicht nur 988 weitere Jahre, sondern auch eine tiefere und originäre Idee. Die Nazi-Zeit ist weder mit der Ära der griechischen Antike, des römischen Reiches, des Mittelalters oder der barocken Klassik zu vergleichen.

Auf eine solche Großlage der Menschheitsgeschichte zielt der Antrag aber ab. Matschie behauptet, Weimar und Buchenwald, Klassik und Nationalsozialismus, seien untrennbar miteinander verbunden. Das sind sie gewiss nicht. Richtig ist, dass der Ettersberg für Weimar schon wichtig war, bevor die Nazis das KZ darauf errichteten. Goethe schrieb: „Ich war sehr oft an dieser Stelle. Hier fühlt man sich groß und frei“. Und richtig ist auch, dass diese Stelle heute eher beklemmend wirkt statt groß und frei. Aber daraus eine schicksalhafte Verknüpfung zwischen Klassik und NS-Reich zu knüpfen ist absurd. Sie würde den Nazis nachträglich kulturelle Legitimation verschaffen – ausgerechnet denen, die jede Kultur und jede deutsche Tradition, die ihnen nicht passte, grob zertraten oder verbrannten.

Eher dürfte es so sein, dass der Thüringer Landesregierung immer noch die Peinlichkeit um die gescheiterte Bekämpfung der NSU-Terrorzelle in den Knochen steckt. Die Devise scheint zu lauten: Wenn wir schon mit heutigen Nazi-Verbrechern nicht fertigwerden, dann lasst uns wenigstens in Sachen historischer Sühne alles in den Schatten stellen – um den dummen Preis, den Nazis einen Rang einzuräumen, den sie nicht verdienen. Gutgemacht wird damit nichts – im besten Fall.

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