Vorab: Sofern sich der Kollege Stefan Fries vom WDR von mir beleidigt fühlt, entschuldige ich mich. Es spielt ja keine Rolle, ob ich ihn beleidigen wollte (nein), sondern wie er es wahrnahm. Ansonsten begrüße ich es sehr, dass einer derjenigen Kollegen sich der Debatte über Sinn und Grenzen des Journalismus stellt, der in vielem ganz andere Ansichten vertritt als ich das tue und der zur Mehrheitsfraktion gehört, deren Mitglieder sich in der Regel schon lange nur noch unter sich austauschen. 

Konkret also also zur Frage: Was sollen oder dürfen Journalisten berichten, wo liegen die Grenzen, welche Grenzen ziehen sie sich selber, wie begründen sie die und wo lassen sie sich instrumentalisieren und wo nicht. So verstehe ich zusammengefasst die Themen. Und der Anlass ist der Neonazi-Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch, bei dem die Terroristen wild um sich schossen, 49 Menschen töteten und Dutzende verletzten.

Bevor ich auf die Argumente von Stefan Fries eingehe eine Vorbemerkung: Wir wissen nur deshalb, wo wir die Täter verorten müssen, weil einer von ihnen ein längliches Manifest ins Netz stellte. In diesem Manifest finden sich an einer Stelle die sogenannten „Fourteen Words“, und zwar ohne ausdrückliche Kennzeichnung. Die „Fourteen Words“, eine Art Mantra weißer Rassisten in den USA, sind ein ziemlich eindeutiges Erkennungsmerkmal. Sie zählen zu den für Eingeweihte sofort erkennbaren Symbolen wie die 88. Auch im NSU-Umfeld werden die „Fourteen Word“ verwendet. Der im NSU-Prozess wegen Beihilfe mitverurteilte André Eminger etwa unterzeichnete manche seiner Pamphlet-Texte schlicht nur mit dem Signet „14 Words“. Der geneigte Leser wusste dann schon Bescheid. Die „Fourteen Words“ zeigen auch die Zugehörigkeit zu den internationalen Ausprägungen der heutigen Nazi-Derivate an, etwa, wie sie von William Pierce vertreten wurden, dem früheren Chef der „National Alliance“ in den USA, der wiederum mit deutschen Hammerskins Kontakt pflegte, der den Strippenzieher Tino Brandt kannte oder den rechtsextremen Satanisten und heidnischen Ideologen Hendrik Möbus.

Wie gesagt: All diese Bezüge ergeben sich schon aus dem Überfliegen des Manifests. Der Autor beschreibt dann auch seine Reisen durch die Welt, behauptet Kontakte zu Anders Breivik, was das Bild rundet.

Was schafft Aufmerksamkeit? Tat oder Medium?

Damit zu Stefan Fries. Er geht auf das Manifest inhaltlich nicht ein, sondern zäumt das Thema mit Blick auf die medialen Effekte auf. Er schreibt:

Hätten Journalisten darüber berichtet, wenn er es einfach so ins Netz gestellt hätte? Wohl nicht. Warum berichten Journalisten also darüber? Weil er Dutzende Menschen umgebracht hat. Was heißt das für andere Täter? Wenn sie ihre Ideen verbreiten wollen, sollten sie etwas tun, das ihnen entsprechende Aufmerksamkeit verschafft.

Das ist nicht falsch, aber es ist eindimensional. In der Tat wäre der Mann – wollen wir nicht doch mal seinen Namen nennen, weil das sonst unübersichtlich und sperrig werden könnte? – ohne die Morde nicht in die Schlagzeilen geraten. In der Tat hätte niemand sein Manifest zur Kenntnis genommen. Aber er hat nun mal gemordet. Damit stellt sich die Frage nach seiner Motivation und damit auch die nach seiner Identität. Warum hat er ausgerechnet in Moscheen um sich geschossen? Warum hat er das Prinzip der terroristischen Opfer-Zufallsauswahl angewendet, bei der die sorgfältige Auswahl des Kollektivs wichtig ist, das Individuum an sich aber völlig egal? Man mag das nicht mögen, aber wenn einer mal so eben 49 Menschen ermordet, dann wird das wichtig. Wenn er niemanden ermordet, dann eben nicht. Und wenn ein Islamist in einer Moschee um sich schießt (auch schon passiert) ist das eben in der Einordnung etwas anderes und die Aussage, da seien Opfer genauso tot, schlicht plump.

Wer jetzt allerdings meint, derartiges sei neu, der irrt. So funktionierte Terrorismus schon immer. So funktionierte das schon bei den Assasinen. So funktionierte das bei der RAF. So funktionierte das auch beim NSU. Die Taten waren Botschaften. Die Opfer waren nicht aus persönlichen Gründen ausgewählt worden, sondern weil die Täter mit ihnen bestimmte Kollektive oder Systeme treffen wollten. Das wissen wir durch die Bank daher, dass wir Täter, Opfer und die Verlautbarungen der Täter auswerten konnten.

Der NSU ist insofern ein besonders gutes Beispiel, um Stefen Fries zu widerlegen, weil der NSU sein Selbstbekenntnis als Langzeitprojekt anlegte. Erst das nach dem Auffliegen verschickte Video erklärte die Tat. Bis dahin hatten die Polizeibehörden keinen Schimmer über die Hintergründe des Ceska-Mordserie (und die Geheimdienste, dafür spricht einiges, behielten es für sich). Hier fehlte ein Manifest. Das hat alles nur schlimmer gemacht. Es hat am Ende auch die Ängste verstärkt. Ohnehin ist es jetzt nicht das Manifest oder die mediale Aufarbeitung, die die Angst schürt, sondern es ist die Tat. Weil es auch die Tat ist, die die Aufmerksamkeit schürt, nicht das Medium. 

Wer schert sich um kuratierte Traditionsmedien?

Stefan Fries zitiert dann einige Experten wie Georg Mascolo mit der Aussage, es gehe den Tätern ja weniger um die Morde als vielmehr um die Nutzung des Mordens zur Verbreitung ihrer Anliegen. Eine Tat, die keine Verbreitung finde, sei nutzlos. Fries folgert dann daraus:

Für Verbreitung aber sind die Täter immer noch auf die Massenmedien angewiesen. Klar, der offensichtliche Haupttäter von Christchurch hat seine Tat bei Facebook live gestreamt. Aber wenn ich ihm auf Facebook nicht folge und das niemand in meiner Facebook-Timeline teilt, bekomme ich es nicht mit. Wenn ich nicht auf Facebook bin, erst recht nicht. Die große Verbreitung erhält so etwas immer noch durch Massenmedien, also journalistische Medien. Denn sie berichten über die Taten.

Falsch. Genau so ist das eben nicht, und heute noch weniger als vor einigen Jahrzehnten. Die Verbreitung von Facebook, Twitter, Instagram und anderen ist inzwischen vielfach höher als die Verbreitung kuratierter Traditionsmedien, die Stefan Fries mit „Massenmedien“ meinen dürfte. Dominant im Mediengetümmel sind die Traditionsmedien schon lange nicht mehr. Dominant sind die Plattformen. Erfolgreich sind Traditionsmedien dann, wenn sie die Plattformen für sich zu nutzen wissen. Das Privileg exklusiver Verbreitungskanäle ist dagegen immer weniger wert. Es war bis vor ein paar Jahren das wichtigste Pfund der Traditionsmedien, aber diese Zeiten sind vorbei.

Es ist ja sogar so, dass auch die führenden Repräsentaten von Staat und Gesellschaft nicht mehr exklusiv über kuratierte Medien zum Publikum kommunizieren, sondern ebenfalls über ihre persönlichen oder korporativen Social-Media-Accounts. Das ist durchaus kurios: Einerseits predigen Politiker fast aller Parteien das Festhalten am traditionellen Mediensystem (oder der Fiktion davon, die noch übrig ist), sehen aber zugleich für sich die Notwendigkeit, an den traditionellen Medien vorbei direkt zu publizieren. 

Darin liegt eine Gefahr und eine Chance für die Traditionsmedien. Unabhängiger Journalismus könnte hier nämlich die Rolle übernehmen, die interessensgeleitete Kommunikation der Player auf ihren Gehalt abzuklopfen. Etwa: Nachricht von Meinung zu trennen, Verlautbarung von Geschehnis, Fakt von Fake oder das Entlarven von PR-Spins. Ehrlicherweise müssten sich Journalisten dann gleich auch eingestehen, dass es die eine Wahrheit nur in der Kirche (der Moschee, der Synagoge, etc.) gibt und die übergreifende Wahrheit nur als große Kontroverse existiert. So gedacht ergibt Journalismus dann einen Sinn, und zwar im traditionellen System wie auch im Kontext der digitalen Plattformen.

Zum Sortieren gehört freilich auch das Zugänglichmachen. „Einsortieren“ kann man auch als Aufräumen verstehen. Wer die analogen Bücher in seinem Regal alphabetisch nach dem Namen des Autors sortiert, findet den gewünschten Band schneller. Wer als Medium Informationen kuratiert, liefert damit einen Service. Wer über Christchurch berichtet und die Hintergründe beschreibt, der liefert am besten die Primärquellen gleich mit. Das erleichtert das Lesen und Nachschlagen. Das schafft Glaubwürdigkeit.

Wessen Wille zählt?

Stefan Fries geht dann auf meine Forderung ein, Journalisten mögen einfach berichten, ohne sich groß Gedanken über die Wünsche der Täter zu machen. Denn Nichtberichten, um dem Täter einen Gefallen zu verweigern, würde letztlich die eigene Entscheidung auch dem Täter überlassen. Dazu meint Fries:

Die Ironie dieser Aussage liegt ja darin, dass der Journalist hier eben nicht seinen eigenen Willen durchsetzt, sondern genau das tut, was der Attentäter beabsichtigt hat. Dieser erzwingt durch seine Tat Berichterstattung, weil sie den Nachrichtenkriterien entspricht, die wir alle gelernt haben und immer wieder anwenden.

In der Tat – auch das kann man als Dilemma darstellen, obwohl es das eigentlich nicht ist. Denn wenn ich handwerklich sauber berichte, dann beantworte ich das ganze W-Fragen-Sortiment und lege mein Raster an, also das journalistische. Das Manifest beantwortet manches davon, aber es genügt nicht. Seriöserweise sehe ich zu, dass ich meine Infos gegengecheckt bekommt. Heißt der Typ wirklich so, wie er vorgibt? Oder, ich finde darin Elemente, die ich aus anderen Kontexten schon kenne, wie die „Fourteen Words“, die ich in den Jahren des NSU-Prozesses fast auswendig hersagen konnte.

Dass der Täter die Mechanik von Medien beherrscht kann ich nicht ändern. Allerdings erlaubt auch das mir Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit und seine Planung – wie sie hier etwa die NZZ versucht. Freilich gehen die Kollegen hier vor allem auf das Video ein, das der mutmaßliche Haupttäter streamte. Beim Video halte ich den Erkenntnisgewinn für marginal. Was soll man darauf schon sehen? Sterbende Menschen in einer Moschee. Was lerne ich daraus? Nichts. Beim Manifest sieht die Sache anders aus. So sehe ich das jedenfalls.

Und Namen sind eben doch Nachrichten!

Immerhin konzediert Stefan Fries, dass Berichterstattung notwendig sei. Aber vorstellen will er den Täter trotzdem nicht. Derartiges möge im journalistischen Auswahlfilter hängenbleiben, wobei er einschlägige Empfehlungen des Presserats zitiert und dann meint:

Es geht also nicht darum, nicht zu berichten. Es geht um das Wie. Die Kriminologen Frank J. Robertz und Robert Kahr appellieren (im konkreten Fall bei Amokläufen, die ja auch nichts anderes als Anschläge sind) an Journalisten, möglichst keine Porträts der Täter zu zeichnen, die eine Identifikation mit ihnen erleichtern.

Darauf folgt ein Quellentext, in dem die teils showartigen Vorstellungen von Amoktätern an ihren Tatorten beschrieben werden. Ist ja alles schön und gut, aber ich empehle an dieser Stelle, das Medienverhalten der Täter einfach in die Berichterstattung einzubeziehen, weil es eben auch etwas über sie sagt und letztlich ihre Absicht durch Erklären und Verstehen am nachhaltigsten konterkariert werden kann.

Mehr noch – und hier komme ich noch einmal auf den Anschlag am Münchner OEZ zurück: Hier gab es einen Täter, den zu portraitieren unbedingt notwendig gewesen wäre. Ich glaube aber, ich bin bis heute der einzige, der das tatsächlich getan hat. Dieser Typ zog sein Motiv offensichtlich daraus, dass er als Kind iranischer Einwanderer unbedingt so deutsch wie möglich werden wollte und sich über-assimilierte. Das sagen mir z.B. seine Namenswechsel. Der Rest der Kollegenschaft stolpert nicht einmal darüber, dass der mit Vornamen mal Ali, mal David genannt wird. Da wird’s dann einfach schlampig. Da lässt sich dann gar nichts mehr sortieren. Da versteht man am Ende nichts. Und das spielt allein denen in die Hände, die keinen Bock darauf haben, dass alles zu dieser Zeit klipp und klar auf den Tisch kommt. Etwa auch zur Frage, ob das Zollfahndungsamt vorab im Darkweb von der Planung etwas mitbekam. Und das wollen übrigens gerade die Eltern der ermordeten Jugendliche unbedingt genauer wissen. Woher ich das weiß? Weil sie es mir gesagt haben. Woher ich den Hintergrund zu dem Fall kenne? Weil ich ziemlich mühselig in der Tiefenrecherche steckte und mich vor allem immer darum geschert habe, wie ich noch mehr und noch mehr an Info einsammeln kann – um mir irgendwann zu erlauben, das Thema einzuordnen.

Eben mit der glasklaren Folgerung: Hier ist der Name David tatsächlich sogar eine sehr wichtige Nachricht. Ihn zu potraitieren ist geradezu journalistische Pflicht. Das Potrait erklärt etwas. Hoffe ich wenigstens. 

Welche Verantwortung haben wir?

Verantwortung ist eine sehr kausale Sache. Ursache – Wirkung. Wenn ich über Christchurch berichte, dann bin ich für die Toten nicht verantwortlich. Das ist der Mörder. Das würde sicher auch Stefan Fries nicht anders sehen. Gleichwohl schreibt er: 

Ich finde aber, dass wir bestimmte Ergebnisse unserer Berichterstattung durchaus antizipieren müssen. In vielen Situationen tun wir das schon, etwa indem wir eben nicht mehr Geiselnehmer und Geiseln während der Tat interviewen, wie im Fall Gladbeck passiert (siehe Richtlinie 11.2 Pressekodex). Oder indem wir über Selbsttötungen zurückhaltend berichten (Richtlinie 8.7 Pressekodex). Das heißt, wir übernehmen Verantwortung für unsere Berichterstattung.

Verantwortung – klar. Aber ja wohl vor allem für Wahrhaftigkeit und Relevanz des Berichteten. Um mal krass abzuschweifen: Wie relevant ist es eigentlich, wenn gerade jede mittlere Redaktion in Deutschland Greta Thunberg interviewt und Woche für Woche mit einem anderen Medienlabel dieselben Greta-Sätze gestreut werden? Und wie verantwortlich ist es? Oder geht es allein um Klicks und Quote? Oder um Kampagne? Oder um was?

Also zurück: Ich halte es bei der Berichterstattung über ein konkretes Ereignis für praktisch unmöglich, „bestimmte“ (welche?) „Ergebnisse unserer Berichterstattung zu antizipieren“. Wie soll das gehen? Wie grenzen wir die Tat von der Berichterstattung ab? So gedacht machen wir uns selber zum Kurier, der dem König eine schlechte Nachricht überbringt und dem deshalb der Kopf abgeschlagen wird. Das kann’s doch nicht sein.

Eine Verantwortung in ganz eigener Sache haben wir freilich, wenn es um Medienfreiheit generell geht. In den letzten 20, 30 Jahren ist die ganz schön unter Druck geraten. Wörtliches Zitieren aus Akten – verboten. Beim Abwägen zwischen Recht auf Information einerseits und Persönlichkeits- und Datenschutz – Schlagseite zulasten der Information. 

Wenn diese Entwicklung uns von außen aufgedrückt worden wäre, dann wären wenigstens die Fronten klar. Wir Journalisten stünden dann auf den Barrikaden und würden für mehr Medienfreiheit kämpfen. Aber fatalerweise sind die Fronten eben nicht klar. Die Freunde der Einschränkung finden sich zuhauf in den eigenen Reihen. Gefühlt wahrgenommen würde ich sogar sagen: Die Mehrheit der Kollegen ist dafür, eigene Freiheiten einzuschränken. Wie kann das sein? 

Ich glaube, es liegt daran, dass zu viele Journalisten sich als Teil des offiziellen staatlichen und gesellschaftlichen Erklärbärsystems verstehen statt sich auf journalistischer Distanz dazu zu bewegen.

Und hier, lieber Stefan Fries, scheint mir der Kern unseres Dissenses zu liegen.

Photo by Daniil Kuželev on Unsplash
0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.