Zehn Mitarbeiter, die sich um einen einzelnen Podcast kümmern. Zehn Leute, die man in Zeiten von Corona auf die Schnelle mobilisieren kann. Solche Ressourcen muss man erstmal haben. Dazu natürlich auch das Näschen für den richtigen Moment: Auf die Welle steigen, wenn sie sich gerade am schönsten aufbaut. Das nötige Equipment auf Abruf bereit – neben den zehn Leuten auch annähernd unbeschränkte technische und finanzielle Ressourcen und gesetzlich abgesicherten Reichweitendruck – das gibt es in der deutschen Medienlandschaft nur bei ARD und ZDF.

1. Das Setting

Der ARD gehören neun Landesrundfunkanstalten und die Deutsche Welle als Anstalt des Bundesrechts an. Nach Auftrag haben die Landesrundfunkanstalten aus und über ihre Sendegebiete zu berichten, die Deutsche Welle hat Deutschland fürs Ausland zu präsentieren. Tatsächlich aber machen sich die ARD-Anstalten untereinander heftige Konkurrenz. Es wird um Posten bei ARD-weiten Angeboten gerangelt, etwa, wer Tagesschau-Chef werden darf, das nationale Jugendprogramm funk anführen, etc. Oder auch, wer am erfolgreichsten die digitalen Kanäle bespielt. Wer dieses Setting nicht kennt, wird nicht verstehen, warum ausgerechnet der Norddeutsche Rundfunk (NDR), zuständig für Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, einen bundesweit ausgerichteten Podcast zu Corona produziert. Mit dem Berliner Virologie-Professor Christian Drosten als Anchor. Wie geht das?

2. Die Genese

Die Idee für den Drosten-Podcast hatte der Chef der NDR-Jugendwelle Njoy, Norbert Grundei. Im Interview mit dem Onlinedienst meedia schildert Grundei das so:

Ich hatte Christian Drosten vor einigen Wochen als Gesprächspartner zum Thema Coronavirus in mehreren Sendungen gesehen und fand ihn als Gesprächspartner sehr interessant. Ich habe seine wissenschaftliche Vita recherchiert und herausgefunden, wie tief er tatsächlich in diesem Thema steckt.

Njoy-Chef Grundei über den Anfang des Corona-Podcasts mit Drosten

Nun ist Njoy alles andere als ein Infokanal. Grundei ist nebenbei allerdings auch Leiter der Experimentier-Schmiede für alles Digitale beim NDR. Jede ARD-Anstalt hat so eine Spezialabteiung. Beim NDR nennt sie sich „Think Radio“. Als deren Chef habe er Drosten eine Mail geschickt und ihm den Podcast vorgeschlagen, sagt Grundei. Drosten habe gleich zugesagt. Grundei habe sich sodann das Okay seines Chefredakteurs geholt. Damit hatte er, was er brauchte. Öffentlich-rechtliche Sender sind extrem hierarchisch geprägt. Wer mit dem Segen des Chefredakteurs ausgestattet ist, kann es sich leisten, ganz leise zu sprechen.

3. Gemeinwohl-orientiert?

Mit seinem Podcast bespielt der NDR alle verfügbaren Kanäle, auch kommerzielle. Grundei stellt das als weitgehend altruistischen Dienst an der Allgemeinheit dar.

Dem NDR ist es wichtig, seine Nutzerinnen und Nutzer möglichst direkt über eigene Plattformen zu erreichen. Dazu gehört die ARD Audiothek, aber auch die NDR Info App oder die Webseiten des NDR. Im Fall des Coronavirus-Update war uns daran gelegen, dass möglichst viele Menschen diese wichtigen Informationen von Prof. Drosten erhalten – egal, über welchen Verbreitungsweg.

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Das klingt so, als habe der NDR so etwas wie die amtliche Verlautbarung zu Corona in die Welt gesetzt. Und so soll es auch klingen. Als systemrelevante, überlebensnotwendige Zweckveröffentlichung, deren Konsum als unverzichtbar anzusehen sei. Grundei lobt zugleich aber auch den durchschlagenden Erfolg seines Angebots in sämtlichen Podcast-Charts.

Inzwischen liegen wir bei mehr als 15 Millionen Abrufen insgesamt – über alle Plattformen hinweg. In der ARD Audiothek belegen die Folgen immer Top-Platzierungen. Bei Apple Podcasts sind wir seit dem 28. Februar nonstop auf Platz 1. Allein in den Top 10 der Folgen sind dort 6 Folgen aus unserem Podcast. Bei Spotify liegen wir aktuell mit einem Wissenschaftspodcast auf Platz 2 hinter Fest und Flauschig.  Bei YouTube hat die reichweitenstärkste Folge mehr als 900.000 Abrufe.

ebd.

4. Markt verstopfen

Mit 15 Millionen Downloads ließe sich bereits mit heutigen Marktangeboten viel Geld mit einem Podcast verdienen. Die ARD bietet selber eine Podcast-Vermarktung an, wie auch die auf Privatradios ausgerichtete RMS. Der Corona-Podcast des NDR dient aber einem anderen Zweck. Er muss kein Geld verdienen, weil die Gebührenzahler ihn längst finanziert haben. Er macht aber den Markt dicht. Der NDR konkurriert mit allen anderen Medienanbietern um die Zeit der Konsumenten. Wer als unabhängiger Medienmacher etwas Vergleichbares auf die Beine stellen wollte, müsste es mit Werbung finanzieren. Das ist aussichtslos, wenn der Gebührenpodcast werbefrei laufen kann.

5. Kein Journalismus

Ein unabhängiges, journalistisches Angebot ist der NDR-Corona-Podcast nicht. Er transportiert vielmehr eine einzelne Expertenmeinung, der aber andere gegenüber- und teils entgegenstehen. Drostens Expertise ist natürlich unstrittig, die des ihn teils scharf kritisierenden Alexander Kekulé aber auch. Andere haben dank des Vorgehens des NDR und seiner massiven Marktmacht keine Chance auf angemessen relevante Reichweite. Drosten und der NDR verabreichen Regierungs-Flankierung. NDR- Podcast-Star Drosten sitzt etwa bei Pressekonferenzen gemeinsam mit dem Chef des staatlichen Robert-Koch-Instituts und dem Bundesgesundheitsminister auf dem Podium. Sehr treffend, was ein Fragesteller auf einer dieser PKs formulierte: Es sei vergleichsweise so, als säße da der Innenminister zusammen mit den Chefs von Bundeskriminalamt und Bundespolizei. Der NDR-Podcast ist somit kein unabhängiger Journalismus, sondern clever verpackte Amtsverkündung.

6. Verdrängen der Unabhängigen

Kein privates Medienunternehmen denkt auch nur daran, dem NDR eine ernstzunehmende Konkurrenz zu präsentieren. Kein privater Radiosender hat mal eben so zehn Leute bei der Hand, die ein solches Projekt stemmen könnten:

  • Inhaltliche Vorbereitung
  • Strukturieren des Stoffes
  • Themen recherchieren, produzieren
  • Sämtliche gesprochenen Worte verschriftlichen (was das Suchmaschinenranking stark erhöht, extrem nervig ist, lange dauert, Kapazitäten frisst – aber beim NDR natürlich problemlos möglich ist)
  • Ein Geschäftsmodell entwickeln (was noch einmal viel Arbeit macht, die sich der NDR aber schenken kann, weil das Geld von allein herabregnet).

Medienunternehmen, die so etwas wagen wollten, müssten über eine gesund Moonshot-Mentalität verfügen. Sie müssten genügend Geld gebunkert haben und bereit sein, es für so ein Projekt zu riskieren. Solche Unternehmen gibt es nicht. Es kann sie auch nicht geben, weil sie alle wissen, gegen wen sie antreten und dass sie gegen einen aggressiven Konkurrenten mit 8 Milliarden Gebühren-Euro keine Chance haben. Für die ARD sind die Moonshots dagegen risikofrei. Sie starten ständig neue und breiten sich mit immer derselben Methode in jedes Segment und jede Nische aus.

7. Die ARD bedroht die Demokratie

Der Corona-Podcast des NDR könnte für das Podcast-Medium in Deutschland den Durchbruch bedeuten – nur leider als Antithese zur Medienfreiheit. Der NDR schafft mit seiner Methode Zugangshürden, die nur noch von staatlich eingesetzten und staatlich abgesicherten Institutionen genommen werden können. Der NDR hätte der ARD damit dank der Corona-Krise einen strategischen Vorteil verschafft, der nie wieder einzuholen wäre. Wer mit einer Podcast-Idee groß werden möchte, wird in Zukunft zur ARD laufen und versuchen, dort zu reüssieren. Die ARD ist im Begriff, sich mit Gebührengeld den Netzwerkeffekt und das „The Winner Takes it All“ zu kaufen. Das ist im Sinne der Parteien, die im Corona-Jahr zweifellos die Zwangsgebühren für das Parteien-kontrollierte Mediensystem erhöhen werden. Es ist die nächste Evolutionsstufe auf dem Weg zur zentralen Wahrheitsverkündung ohne offene Debatte. Die von den Parteien betriebene Monopolisierung der Medien könnte als zweiter massiver Kollateralschaden aus der Corona-Krise folgen – neben dem schon jetzt wohl unabwendbaren wirtschaftlichen Schaden.

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