Unmenschlicher Tod

Aus Straßburg wie aus Bergamo wird berichtet, die Ärzte müssten Corona-Opfer sterben lassen. Zu wenige Kapazitäten. Triage. Entscheiden, wer leben darf und wer nicht. Zugleich kann man lesen, der Corona-Tod sei grausam und fühle sich wie Ertrinken an. Dazu sehen wir Fotos, auf denen Menschen auf Krankenhausfluren liegen. Alles zusammen ergibt ein fürchterliches und unmenschliches Bild. Falsch ist dieses Bild vermutlich nicht, aber wohl doch sehr zugespitzt. Aus dem Elsaß wird auch berichtet, dass die Sterbenden palliativ betreut werden. Sie erhalten Opiate oder vergleichbare Mittel. Aus Italien ist darüber nichts zu lesen. Ich unterstelle den Italienern aber nicht, dass sie ihre Sterbenden im Stich lassen.

Würdiger Tod

Ebenfalls aus dem Elsaß kommt die Nachricht, Schwerkranke über 80 Jahren würden nicht mehr in die Intensivstationen eingeliefert. Auch diese Nachricht verdüstert. Eine Sorte Mensch wird einfach ausgeschlossen vom Leben. Das kann keiner wollen. Aber eines gerät da aus dem Blick: Der Alterstod im Intensivbett, Schläuche an der Überlebensmaschine, gilt schon lange nicht mehr als erstrebenswert. Eher das sanfte Sterben zu Hause im Kreise der Familie. Nicht die verlängerte Minute zählt, sondern die Qualität des Moments. Auch in normalen Zeiten, auch in Deutschland, entscheiden Ärzte, alte Menschen nicht mehr an die Maschine zu hängen.

Starker Mann

Der stärkste Mann in Deutschland zur Zeit ist Markus Söder. Als er Ausgangsbeschränkungen für Bayern bekannt gibt, spricht er den denkbar stärksten Satz: „Es geht um Leben und Tod“ (siehe hier). Kein anderes Bundesland geht so weit wie Bayern. Söder fügte aber noch andere Sätze hinzu: Hoffnung auf baldige Rückkehr zur Normalität. Nur so ist seine rasant gestiegenen Popularität zu erklären. Sich schlau machen, einen Plan schmieden und den dann auf volles Risiko und konsequent in die Tat umsetzen. Die Einschränkungen der persönlichen Freiheit in Bayern sind gerade immens. Wenn es dem Zweck dient, Leben zu retten, sieht das jeder ein. Würde es aber den Einstieg in dauerhafte Unfreiheit bedeuten, würden die Leute rebellieren. Beides hat Söder offenbar bedacht.

Schwacher Mann

Söder braucht für seine Einschnitte kein einziges neues Gesetz. Deutschland hat Gesetze, die in Krisenzeiten außergewöhnliche Maßnahmen erlauben. Die wurden in normalen Zeiten debattiert und beschlossen – glücklicherweise. Einige davon sind Bundesgesetze, andere sind Landesgesetze. Söders Amtskollege in Düsseldorf, Armin Laschet, hat offenbar keinen vergleichbaren Plan. Heute verordnet er dies, morgen jenes. Und immer beruft er sich auf Experten. Es ist aber er, der verordnet. Er setzt seine Unterschrift unter die Dokumente. Er macht es sich einfach, wenn er eins zu eins den Experten folgt, statt die Experten so lange mit Fragen zu quälen, bis er verstanden hat, wie er entscheiden sollte. Und nur er, denn nur er ist als Ministerpräsident durch demokratische Wahl legitimiert. Wir leben in einer Demokratie, nicht in einer Technokratie.

Der Deputy des schwachen Mannes

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat sich mit Laschet als Ko-Chefkandidat der CDU verbündet, als die Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer kürzlich ihren Rückzug ankündigte. Erinnert sich noch jemand daran? Jetzt arbeitet Spahn während der Krise an einer Ermächtigung, die dem Bund in Krisenzeiten den Eingriff in Länderkompetenzen erlauben soll. Der Schwache, der sich keine Entscheidung traut, will den Starken, der planvolles Vorgehen wagt, stoppen. Den Pandemieplan, den Spahns Ministerium in Normalzeiten für eine Pandemiekrise erarbeitete, ließ er in der Schublade liegen, als die Krise kam.

Zahlen, Daten, keine Fakten

Die täglichen Corona-Statistiken sind vielleicht Indikatoren für die Entwicklung des Virus, vielleicht aber nicht einmal das. Das Robert-Koch-Institut verbreitet seine Zahlen mit amtlichem Siegel, obwohl offenbar nicht einmal zu klären ist, was die Gesundheitsämter wann melden und ob auch übers Wochenende oder nicht. In Italien ist die Sterberate absurd hoch, in Deutschland extrem niedrig und vermutlich näher an den Erwartungen der Virologen. Das erklärt man sich bisweilen mit der höheren Zahl an Tests in Deutschland. Zugleich häufen sich aber Berichte, dass es gerade beim Testen hapere. Von Italien heißt es, die Todesrate sei wegen Überalterung der Bevölkerung so hoch. Warum ist sie dann in Deutschland und Japan so niedrig, wo die Demographie nicht anders aussieht? Das alles passt nicht zusammen. Vermutlich gibt es noch gar keine belastbaren Zahlen. Vermutlich sind all die Tabellen, die täglich herumgereicht werden, nur symbolische Notanker.

Geld gegen Leben

In Ischgl war am ersten März-Wochenende noch viel los. Es war das letzte Ski-Wochenende dort. Tausende fuhren die Pisten herab und besuchten Bars und Restaurants. Dabei wussten die Verantwortlichen in Tirol längst, dass in Ischgl Corona umging. Sie haben es laufen lassen. Tirol lebt vom Tourismus. Der Tourismus bedeutet die Existenz für Tausende Menschen. Man könnte sagen, da habe Geld gegen Leben gezählt. Man könnte auch sagen, da habe nackte Existenz gegen Leben gezählt, was die Sache schon schwieriger macht. Man könnte sagen, kapitalistische Gier habe über dem Leben gestanden. Und was war in China? Die kommunistische Führung hat im Dezember, Monate vorher, offensichtlich Statistiken gefälscht. Das war den Teilnehmern eines Kongresses in Hongkong, unter ihnen Alexander Kekulé aus Deutschland, sonnenklar. Kekulé informierte die Bundesregierung. Niemand wollte mit einer Reaktion vorpreschen. Jeder hoffte, es werde gut gehen. Jeder hoffte, es werde die Kreisläufe von Geld, Waren und Leben nicht stoppen.

Die Gesichtsmaske

Textilunternehmen, die etwas auf sich halten, wechseln von T-Shirt- auf Maskenproduktion, gern auch aus Bio-Baumwolle. Helfen die gegen das Virus? Die einen sagen so, die anderen sagen so. Wir haben gelernt, dass es FFB2- und FFB3-Masken gibt, die das Virus aufhalten. Bei den Masken aus Biobaumwolle ist das Bild nicht eindeutig. Vielleicht taugen sie als Geste. Als Symbol dafür, dass wir in einer Ausnahmesituation zusammenstehen und Rücksicht nehmen.

Freiheit

Für die Freiheit sind seit Hunderten Jahren Menschen gestorben. Sie haben sich auf Barrikaden erschlagen oder an der DDR-Mauer erschießen lassen. Jetzt ist Corona-Ausnahmezustand. Die Freiheit ist eingeschränkt, teils drastisch. Um Leben und Tod geht es auch, wenn es nach Corona nicht normal weitergeht.

Schicksal

Es gibt Dinge, die haben Menschen nicht im Griff. Wir sind Teil der Natur, aber wir beherrschen sie nicht. Ein neues Virus entsteht, weil sich eine ökologische Nische findet. Manchmal sind wir Menschen die, die gefressen werden. Menschen werden geboren und sterben. Dagegen lässt sich nichts tun. Man muss es nehmen, wie es ist. Menschen haben aber Kulturen entwickelt. Forschung und Wissenschaft gehören dazu. Wir können das Leben verändern und verlängern. Wir können uns gegen Viren wehren. Manchmal dauert das lange. Das HI-Virus galt über Jahrzehnte als Todesurteil. Inzwischen gibt es erste Fälle von Geheilten. Zur menschlichen Kultur gehört auch die Ethik. Was können und was dürfen wir? Über vieles lässt sich streiten. Nicht aber über das Ende: Es gibt Situationen, die sind schicksalhaft. Gegen die kommt niemand an. Das gehört zum Leben dazu.

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