Eine Grabstelle im oberfränkischen Nordhalben, sehr idyllisch gelegen im Tal, gleich hinter der evangelischen Kirche des Ortes. Kindergräber sind immer etwas unheimlich. Man liest Geburts- und Todesdaten und errechnet mit einem gewissen Schauder das Alter des Menschen, der hier begraben liegt. Im Fall des Mädchens, um dessen Grab es hier geht, lautet das Geburtsdatum auf den 6.4.1992 und das Todesdatum auf den 7.5.2001. Das Grab der Peggy Knobloch ist aber kein normales Kindergrab. Denn es ist leer.

Der Fall Peggy ist lange bekannt und inzwischen auch in einem Roman und einem Film verarbeitet. Ob Peggy am 7. Mai 2001 starb, ist bis heute ungeklärt. Klar ist nur, dass sie an diesem Tag spurlos verschwand. Klar ist auch, dass die Ermittler trotz jahrelanger Arbeit keine einzige handfeste Spur gefunden haben. Auch die Leiche fehlt bis heute. Zwar wurde ein geistig Behinderter als Mörder des kleinen Mädchens verurteilt, aber dieses Urteil darf man nach genauer Betrachtung als ziemlich wacklig bezeichnen. Ich habe den Fall fast drei Monate lang für Antenne Bayern recherchiert, und dabei fanden sich Zeugen, die genau beschrieben haben, wie die Polizei ihnen ihre Aussagen ausgeredet hat – sofern sie nicht zur Hypothese der Ermittler passten, dass nämlich jener geistig Behinderte der Täter gewesen sein sollte. Und das Geständnis dieses Mannes kam auf höchst dubiose Weise zustande. Der Anwalt hatte sich gerade in den Feierabend verabschiedet, das Bandgerät ging kaputt, und da verspürte der Beschuldigte auf einmal den Drang, sein Gewissen zu erleichtern. Das mag man glauben oder nicht.

Aber zurück zum Grab der kleinen Peggy. Ihre Mutter nennt es einen „Gedenkstein“. Damals, als die Ermittlungen kurz vor dem Abschluss standen, war sie davon überzeugt, der verurteilte Mann sei tatsächlich der Mörder ihrer Tochter, jedenfalls sagte sie das in allen Fernsehsendungen, in denen sie auftrat. Sie hatte offenbar keine Hoffnung mehr, dass ihre Tochter noch leben könne. Dem Nordhalbener Ortspfarrer schwätzte sie das Einverständnis ab, auf dem Kirchhof eine Gedenkstätte errichten zu dürfen. Der Pfarrer sagt, sie habe dann mit dem Steinmetz ein Grab eingerichtet, ohne sein Wissen, und hätte er gewusst, was sie da treibe, hätte er es untersagt. Der Gemeindevorstand habe später beraten, was mit der makaberen Gedenkstätte geschehen solle, und man habe sich am Ende nicht dazu durchringen können, alles wieder einzureißen, erinnert sich Pfarrer Rückert.

Also steht es bis heute, das leere Grab der Peggy Knobloch. Es dürfte das einzige Grab in Deutschland sein, das für einen Menschen eingerichtet wurde, der bis heute mit Behörden- und Versicherungsschreiben aller Art traktiert wird. Peggys Mutter erzählt, sie sei ermahnt worden, ihre Tochter regelmäßig in die Schule zu schicken. Kürzlich sei ein Brief des Einwohneramtes gekommen, mit den Unterlagen für die nächsten Wahlen, denn Peggy sei ja schon 18 – falls sie noch leben sollte. Die Krankenversicherung habe sich erkundigt, ob sie eine Ausbildung absolvieren oder studieren wolle.

Und schließlich: Die Gewissheit, dass das Urteil gegen den geistig Behinderten damals richtig war – die hat sie verloren. Peggys Mutter sagt heute, sie freue sich auf ein Wiederaufnahmeverfahren. Denn das biete eine Chance: Die Behörden könnten gezwungen werden, das wirkliche Schicksal ihrer Tochter aufzuklären. Und womöglich könne sie Peggy dann eines Tages wieder in die Arme schließen. Immerhin ist schon geregelt, was dann mit dem Grab auf dem Friedhof von Nordhalben passieren würde: Es würde sofort wieder eingeebnet, so sei es vorsichtshalber mit der Mutter vereinbart, sagt Pfarrer Rückert.

4 Kommentare
  1. Pete Denker sagte:

    So ergreifend das ungewisse Schicksal der Peggy Knobloch auch ist, mache ich die Daseinsberechtigung dieser „Grabstätte“ nicht am Eifer der deutschen Behörden und Versicherungen fest.

    Es ist wohl für uns nicht nachvollziehbar, was in einem solchen Fall eine Mutter veranlasst, zu glauben, ihre Tochter sei tot. Aus diesem Grund sollte man entsprechende Fragen an Frau Knobloch vermeiden.

    Doch eine Zentrale Frage sollte mit aller Deutlichkeit gestellt werden:

    Was haben die Behörden und Versicherungen unternommen, das Schicksal der Peggy Knobloch aufzuklären?

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  2. Celine (16) sagte:

    Nun wird das Grab wohl bald geöffnet und gefüllt wieder geschlossen. Peggy wurde am 02.07.2016 in einem Wald bei Rodacherbrunn gefunden. R.I.P Peggy. Mitgefühl gilt der Familie.

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