Bundespräsident Christian Wulff, das klingt noch ungewohnt. Weil Wulff seit Jahr und Tag zur Nomenklatura der deutschen Politik-Klasse gehört. Als Vorsitzender der Schüler-Union in den 80er Jahren, als Herausforderer von Gerhard Schröder in Niedersachsen, als Ministerpräsident. Dass er jetzt Bundespräsident geworden ist, erscheint im Nachhinein logisch, so knapp und ungewiss die Sache zwischendurch ausgesehen haben mag. Am Ende gab es für alles eine natürliche Erklärung, nur für eines nicht: Warum es nämlich überhaupt zu dieser Präsidenentkür kam. Parlamentspräsident Norbert Lammert kam darauf ja noch einmal zurück, als er sagte, so ganz habe wohl niemand die Beweggründe Köhlers verstanden. Und die unbeantwortete Fragen des Abgeordneten Peter Gauweiler, ob Köhler womöglich deshalb abdankte, weil die Kanzlerin ihn hinter den Kulissen nötigte, im Schnellverfahren die 140 Milliarden Euro Griechenland-Hilfe durchzuwinken, spricht auch nicht dafür, dass da einer einfach nur beleidigt oder verletzt war.

Dass Union und FDP mit Wulff einen Kandidaten hatten, der linkere Positionen vertritt als der Kandidat von SPD und Grünen, ist nur scheinbar kurios. Gauck steht für Freiheit, das ist sein Lieblingsbegriff, und er meint damit die klassische Sorte Freiheit, nämlich die von staatlichem Zwang und staatlicher Bevormundung. Das ist nach allgemeingültiger Definition eine rechte Position. Wulff steht für Gleichheit. Es gibt kein Thema, bei dem er nicht das Soziale ins Spiel bringt. Er schreckt auch vor Staatsbewirtschaftung nicht zurück, wie sein Eintreten für das VW-Gesetz gezeigt hat. Ich kann mich nicht erinnern, von Wulff je ein Plädoyer auf die Freiheit gehört zu haben. Er steht damit nach klassischer Definition auf der linken Seite.

Dass die angeblich rechteren bürgerlichen Parteien jetzt den linkeren Kandidaten hatten und durchsetzten und die eindeutig linkeren Parteien mit dem rechteren Kandidaten scheiterten, ist kein Unfall, sondern passt zum Zustand der politischen Landschaft. Die CDU hat sich, beschleunigt seit der Kohl-Zeit, der klassischen SPD-Themen angenommen. Das Kalkül dahinter ist leicht durchschaubar. Die Union hatte es auf die Wählerschicht der SPD abgesehen. Die eigene Klientel hat sie als derart selbstverständlich und pflegeleicht angesehen, dass sie meinte, sie vernachlässigen zu können. Nehmen wir Ursula von der Leyen, die mit Kita für alle, Elterngeld, Gender Mainstreaming bis hin zur Medienzensur jedes SPD-Thema schnappte, das ihr über den Weg lief. Nebenbei: Von der Leyen verdanken wir unserem neuen Bundespräsidenten. Es war Wulff, der die Tochter seines Amtsvorgängers Ernst Albrecht entdeckte.

Es war dann auch nur logisch, dass am Ende sogar die Linkspartei dazu beitrug, den linkeren Kandidaten zu küren. Ihre Stimmenthaltung verschaffte Wulff das Polster, das den dritten Wahlgang komfortabel ausgehen ließ. Für die politische Mitte war die Präsidentenkür ein Desaster. Das politische Berlin hat deutlich demonstriert, dass die Mitte keine Vertretung mehr besitzt und auch absehbar keine erhalten wird. Die Mehrheit der Bevölkerung, ausgerechnet der Teil, der bis ins Mark demokratisch gesinnt ist, muss erkennen, dass er in den Gremien marginalisiert ist und dass keine Partei seine Interessen vertritt. Die Demokratie ist zur Farce verkommen, weil die Mehrheit sich nur noch zwischen verschiedenen Übeln entscheiden darf, aber nicht mehr für ein Angebot ihrer Überzeugung.

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