Zum deutschen Nationalfeiertag (dem wirklichen, nicht dem bürokratischen am 3. Oktober) hat Wolf Biermann mal wieder gezeigt, dass er ein gerader Typ ist. Hat sich in der DDR nicht den Mund verbieten lassen, lässt sich auch im Westen nicht den Mund verbieten. Wird vom Bundestag als Vereinigungs-Maskottchen zum Vorsingen eingeladen, macht aber, was er will und redet nach kurzem Vorspiel erstmal so klar wie vermutlich niemand vor ihm in diesem Parlament, hockt dabei neben diesem grauen, dürren Rednergestell, das sonst als Bühne der Politiker dient.

Er sollte auf Bundestagspräsident Norbert Lammert hören, der ihm empfahl, doch besser für ein Mandat zu kandidieren, bevor er eine Rede halten dürfe. Bundestagsdebatten würden plötzlich Einschaltquoten im Fernsehen erzielen, so wie seine schlichte Wahrheit über die Linkspartei jetzt Klicks bei Youtube holt. Der „elende Rest“ dessen, „was zum Glück überwunden ist“; die „Drachenbrut“; „Ich habe Euch zersungen mit den Liedern, als Ihr noch an der Macht wart“; die Partei, die „nicht links, nicht rechts, sondern reaktionär“ sei – die Wahrheit.

Und dann die Replik auf den Einwand, die seien schließlich gewählt – da zählt nicht das, was Bierman sagte – „kein Gottesurteil“ –, sondern das, was er nur andeutete, dass nämlich dieser Einwand „gefährlich“ sei und damit wohl meinte, dass immer wieder mal Undemokraten demokratisch gewählt wurden, bekanntlich einst auch die Abgeordneten der NSDAP im Reichstag. Was schon wieder so perfekt zu diesem wirklichen deutschen Nationalfeiertag passt, weil der 9. November nicht allein der Tag des Mauerfalls ist, sondern auch der Tag der Reichspogromnacht, also eines Schlüsseldatums der Nazi-Herrschaft, deren Grauen zum Krieg führte, der Krieg zur Teilung und die Teilung zur Wiedervereinigung, dieser Tag also für einen Tiefpunkt und für einen Höhepunkt steht (für was steht nochmal der 3. Oktober?).

Was mögen sie da gedacht haben, die Abgeordneten der Linken? Wie peinlich berührt müssen sie sich gefühlt haben? Biermann, dem ihre Vorväter einst die Heimat wegnahmen, genoss es sichtlich. Sie hätten es verdient, sich das anzuhören. Da trieb er den Triumph auf die Spitze, als er sein Lied „Ermutigung“ anmoderierte: „Ich finde es wunderbar, dass dieses Lied aus den Gefängnissen der DDR heute im Parlament der Deutschen Demokratie (sic!) gesungen werden kann“. Und dann singt er’s, und er meint wieder die Linke, wenn er singt: „…und die Herrschenden erzittern, sitzt Du erst hinter Gittern…“

Und die ewig gestrigen mögen sich einfach nur gewünscht haben, dass dieser Moment schnellstens vorübergehe.

1 Antwort
  1. photona sagte:

    Opportunisten laden Opportunisten in den Bundestag, um sich zu beweihräuchern. Angela hätte diesen peinlichen und schleimtriefenden Auftritt als Chorussängerin bereichern sollen und die Sache wäre rund geworden ;)

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