Rechtsmediziner Michael Tsokos (rechts) und sein schärfster Kritiker, der Autor Klaus Gietinger

Mit dem Timing ist das immer so eine Sache. Die Fernsehdoku „Leichensache Luxemburg“ ist nicht schlecht gemacht, kommt aber viel zu spät (kommender Mittwoch, 17.3., 23.30 im Ersten), denn zum Thema ist schon lange alles gesagt. Daran krankte auch die heutige Pressevorführung im Berliner RBB-Gebäude. Der Sender hatte die beiden schärfsten Kontrahenten in der Causa dazugeladen, wohl in der Hoffnung, den Journalisten noch einmal gutes Futter zu liefern. Die Debatte war dann aber eher niedlich als kontrovers. Vor allem Rechtsmediziner Michael Tsokos, der den Fall ins Rollen gebracht hatte, räumte entwaffnend offen einige historische Bildungslücken ein.

Der Film beschreibt anschaulich, wie Tsokos eine alte Wasserleiche als angeblichen Korpus der KPD-Gründerin Rosa Luxemburg in die öffentliche Debatte brachte. Die Leiche hatte jahrzehntelang im Ost-Berliner Rechtsmedizin-Institut herumgelegen. Der Film rekonstruiert die letzten Tage im Leben der Revolutionärin, teilweise in nachgespielten Szenen. Akten und Befunde werden präsentiert. Den Vermutungen Tsokos‘ stellen die Autorinnen die Entgegnungen seines schärfsten Kritikers, dem Autor Klaus Gietinger gegenüber. Der Film lässt Kritiker wie Befürworter Tsokos‘ zu Wort kommen, unter ihnen seinen Amtsvorgänger Volkmar Schneider, der Zweifel an der wissenschaftlichen Sauberkeit seiner Arbeit äußert, und den Haushistoriker der Linkspartei, Jörn Schütrumpf, der Tsokos beispringt.

Gegen Ende geht den Autorinnen ein bisschen die Puste aus, da werden einige Details nur unvollständig benannt. Etwa ein Gutachten, das zu dem Ergebnis kommt, die Wasserleiche aus der Charité habe zu Lebzeiten eine Hungerphase mitgemacht, möglicherweise während eines Gefängnisauftenthalts. Das passe auf Rosa Luxemburg, meinen die Filmemacherinnen, verschweigen aber den von der Historikerin Annelies Laschitza aufgearbeiteten Briefwechsel Luxemburgs, in dem sie unmissverständlich schreibt, von Freunden stets großzügig mit Fresspaketen bedacht worden zu sein.

Nach der Vorführung stellen sich Tsokos und Gietinger den Journalisten. Sehr schnell wird aber klar: Die Luft ist raus aus dem Thema, der Streit um ihre angebliche Leiche zu Ende gestritten. Tsokos kämpft um einen Rest von Deutungshoheit, als er fast trotzig wiederholte, was er vor Monaten schon sagte: Dass nämlich noch kein Gegenbeweis erbracht sei, seine Leiche sei nicht die von Rosa Luxemburg, gleichzeitig aber einräumt, dass er damit seine These noch lange nicht belegt habe. Dass er einen Fehler beging, dennoch vor einem knappen Jahr massiv die Presse mobilisiert zu haben, scheint ihm inzwischen selber aufgegangen zu sein. Er meinte, da habe er wohl selber ein Problem mit dem „Timing“ gehabt.

Überdies habe er nie damit gerechnet, dass der Fall derartige Emotionen wecken könne. Er habe Rosa Luxemburg nie in der Schule durchgenommen. Da habe er in den letzten Monaten einiges dazugelernt.

Diese Äußerung ist bemerkenswert, denn immerhin leitet Tsokos ein Institut, das aus zwei legendären Vorgängern zusammengefügt wurde und in dem vor allem auf der Ost-Seite eher politisch als zweckfrei naturwissenschaftlich gedacht wurde. Die Ost-Berliner Rechtsmedizin war Staatsorgan und stärker mit der Stasi verwoben, als bisher öffentlich bekannt. An diesem Thema arbeite ich gerade. Möglicherweise tut sich dann manche Bildungslücke zur DDR-Historie auf.

1 Antwort
  1. Prof. em. Dr. G. Bundschuh sagte:

    Peinlich! Herr Tsokos bestand darauf, dass zu dieser Vorführung keine Fachvertreter anwesend sein durften, so wurde ich nach meinem Erscheinen gebeten, wieder zu gehen, obwohl ich mit einem Interview-Beitrag am Film beteiligt war. Der Beweis, dass er sich irrt, wurde im Film nicht gezeigt: das ist die CT-Aufbahme der intakten Hüftgelenke der Fettwachsleiche, die er selbst gemacht hat. Hier hat die Regie versagt. Herr Prof. T. belügt nicht nur uns, sondern auch sich selbst. Ein derartiges Vorgehen ist eines Lehramtsinhabers unwürdig!

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