Seit einigen Jahren ist Entschleunigung ja groß in Mode. Moderne Technik und ständige Online-Präsenz seien wider die Natur. Oberster Trendsetter war vielleicht Sten Nadolny mit seinem Roman über den Seefahrer John Franklin, „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Mit Entschleunigung werden Tempo-30-Zonen begründet (früher gab es da handfestere Begründungen wie Kinderschutz und oder Lärm). Natürlich gehört auch das Tempolimit auf den Autobahnen zum Forderungskatalog der Entschleuniger. „Ausweitung der Langsamkeit“ nennt die linke taz den Trend, wie überhaupt die taz eine Art Fanzine der neuen Betulichkeit ist. Sogar mein Vater ließ sich anstecken und meinte, nur, damit ein paar Pendler 20 Minuten Zeit sparen, sei der Ausbau der Bahnstrecke Stuttgart-Ulm viel zu teuer.

Dass die Pendler das anders sehen dürften, liegt auf der Hand. 20 Minuten schnellere Fahrt bedeuten morgens 20 Minuten länger schlafen. Oder den Wecker klingeln lassen wie gewohnt, dafür entschleunigt frühstücken. Dasselbe gilt für Tempo 30, schleichende ICE-Züge oder langsam startende Computer. Und John Franklin hätte die Welt nicht erkundet, wenn er nicht die zu seiner Zeit modernsten Verkehrsmittel (Segelschiff) und Hightech-Gadgets (Sextant) genutzt hätte.

Tatsächlich verwechseln die Entschleuniger da was. Entspannend ist nicht das Warten an der roten Ampel, sondern die grüne Welle. Nicht die lahme Computerkrücke, sondern der superbeschleunigte Superrechner. Nicht der Bummelzug, sondern der pünktliche Flieger. Je schneller und besser unsere kleinen Helfer funktionieren, desto entspannter läuft das Leben. Und umso besser stehen die Chancen, nach dem entschleunigten Frühstück am Abend noch ein entschleunigtes Dinner zu genießen.

Vielleicht bleibe dann sogar Zeit, zu bemerken, wie grauenvoll hässlich dieses Wort Entschleunigung klingt. Man sollte es aus ästhetischen Gründen aus dem Wortschatz streichen. Und dass die Entschleuniger in Wahrheit etwas ganz anderes meinen, nämlich eine Ent-Modernisierung.

7 Kommentare
  1. Falcon Hechtenberg sagte:

    kann man es besser sagen? Ich glaube nicht…
    Jeder Satz trifft die Gedanken die wir morgens im Auto, in der Bahn, oder am Flughafen haben! Wie ganz früher mal nen gutes Album vom Westernhagen das man „durchhören“ und mitsingen konnte/wollte.

    ps. Das Wort „Maßnahme“ ist ein ekeliges!

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  2. B-like-Berlin sagte:

    Auch die Entschleunigung hat unterschiedliche Einsatzgebiete. Sie ist z.B. schon seit Jahrzehnten Bestandteil jedes Supermarktkonzeptes. Durch entsprechenden Aufbau soll der Kunde gleich hinter dem Eingang – man nennt es dort auch Bremsstecke – sein Straßentempo reduzieren, damit er nicht zu schnell durch den Laden rennt und zu wenig kauft.

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