Es ist schon erstaunlich, wie die Debatte um Thilo Sarrazin gerade verläuft. Und mancher, gerade im politischen und publizistischen Betrieb, dürfte in den nächsten Tagen zwischen Wut und Verzweiflung schwanken, wenn der Protagonist jetzt die Talkshowbühnen besteigt. Seine Kontrahenten werden nicht viel anderes tun können als ihn entweder niederzubrüllen oder zu einer zivilisieren Form der Auseinandersetzung zurückzukehren. Die würde vereinfacht gesagt aus drei Schritten bestehen: 1., feststellen, was faktisch los ist, 2., bewerten, ob das gut oder schlecht ist, 3., schlussfolgern, was zu tun ist.

Den Vogel schoss Spiegel Online ab. Unser täglich Leitmedium berichtete mit einem Liveticker von der Vorstellung seines Buches, als handele es sich um ein Fußballspiel. Darin outen sich die Autoren als Ankläger einer Art Inquisition, die eben zwischen Schritt 1, 2 und 3 partout nicht unterscheiden will. Sarrazin „gibt ein paar Thesen zum besten“, schreiben sie, als er tatsächlich eben keine Thesen verkündet, sondern Befunde äußert: „Bildungsbeteiligung und Arbeitsmarktbeteiligung seien vor allem bei muslimischen Migranten unterdurchschnittlich, der Sozialstaat überfordert, die Debatte über Migration sei „hektisch“, viele Migranten würden das Land volkswirtschaftlich mehr kosten, als sie Mehrwert brächten“. Darüber kann man schwer diskutieren, man kann höchstens überprüfen, ob es stimmt oder nicht.

Auch der altbekannte journalistische Trick, anonyme „Kritiker“ die „Stirn runzeln“ zu lassen, wenn einem selber etwas nicht passt, findet sich in dem Ticker. An der Stelle nämlich, an der Sarrazin vom „deutschen Volk“, vom „Staatsvolk“, auch von „autochthonen Deutschen“ redet. Wo ist da das Problem? Müsste dann die Nationalhymne vielleicht auch umgetextet werden, in der vom „deutschen Vaterland“ die Rede ist? Müssten Nationalhymne und Nationalmannschaft umetikettiert werden, weil das Idiom „Nation“ darin vorkommt?

Diese Debatte ist einfach absurd. Aber es ist gut, dass sie endlich da ist. Sie legt offen, wie abgehoben die politische Klasse in Deutschland inzwischen ist. Sie verhält sich wie frühere Päpste, die per Befehl und Gehorsam die Welt zur Scheibe erklärten oder wie die – übrigens maßlos überschätzten – Kreationisten, die das Alter der Erde auf 6000 Jahre schätzen. Sarrazin ist gerade der, der das kleine Mädchen spielt, das ausruft: „Der Kaiser ist nackt“. Oder wie wäre sonst die Flut der Leserbriefe zu deuten, die seit ein paar Tagen in den Redaktionen einläuft?

7 Kommentare
  1. Ulrich Huppenbauer sagte:

    Sehr geehrter Herr Lemmer,
    Mit meiner Großmutter hatte ich in den 70er-Jahren einmal eine heftige Diskussion, weil sie meinte, daß die Juden eine andere Rasse seien. Meine Großeltern waren eigentlich keine Antisemiten – und das, was Hitler getan hatte, war auch für sie ein schreckliches Verbrechen -, und ich kann ihnen von heute aus gesehen ihre Meinung nicht verübeln, weil sie darin aufgewachsen sind und es nicht anders gekannt haben.
    In dem Nachlaß meines Großvaters fand ich in den 80er-Jahren eine Weihnachts-Gemeindehandreichung aus den 30er-Jahren des bekannten württembergischen Theologen Adolf Schlatter mit dem Titel: „Wird der Jude über uns siegen?“ – ein übles anti-judaistisches und antisemitisches Pamphlet. Dieser Mann war in evangelischen Kreisen eine, wenn nicht gar d i e Autorität. Und mit seiner Schrift trug er zur mentalen Vergiftung vieler Pfarrer und einfacher Gemeindeglieder bei. Auch von meinem heutigen Bewußtsein kann ich ihn nur als geistigen Brandstifter ansehen. Solche Leute sind nie bestraft worden, sondern im Gegenteil: bis zu ihrem Lebensende bekamen sie großen Professorengehalt und wurden dann mit großem Pomp und vielen Gedenkreden zu Grabe getragen.
    Nun kommt ein ehemaliger Finanzsenator und Bundesbankvorstandsmitglied daher, hat einen riesigen Propaganda-Erfolg mit seinem Buch und redet davon, daß Juden extra Gene hätten. Da brauche ich doch nicht erst sein crudes Buch gelesen haben, um festzustellen, daß er Rassist ist, daß er Brandstifter ist, daß er Stammtische anheizt, daß er der NPD einen großen Propagandaerfolg beschert. Die rote Linie ist überschritten. Ein solcher Mann hat sich meiner Ansicht nach vom demokratischen Diskurs verabschiedet. Das traurige ist, daß mit jeder berechtigter Strafanzeige wegen Volksverhetzung sein Propagandaerfolg und damit auch sein Einkommen nur noch größer wird.
    Einen sehr schönen und treffenden Kommentar über Sarrazin hat übrigens Robert Leicht in Zeit-online geschrieben. Ein Grundirrtum ist seine Totalüberschätzung der Intelligenz. Leute wie Albert Speer, Wernher von Braun, Joseph Mengele u.v.a. waren hoch intelligent. Sollen solche Leute etwa unsere Vorbilder sein?
    Mit freundlichen Grüßen
    Ulrich Huppenbauer

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    • bitterlemmer sagte:

      Hallo Herr Huppenbauer, hallo Fischmütze,
      meinten Sie diesen Kommentar von Robert Leicht? Dem kann ich nur teilweise folgen. Recht hat er, wenn er feststellt, dass auch grün-alternative Eltern ihren Kindern keine Kreuzberger Schule zumuten, weshalb hier (ich wohne da ja mittendrin) deutsche Kinder in nennenswerter Zahl nur bis zum schulpflichtigen Alter vorkommen. Nicht recht hat er, wenn er Intelligenz als Ursache des Übels benennt. Intelligente gab es auch unter Nazi-Gegnern, seien es Einstein, die Manns, Kästner, Tucholsky oder die Gründer der Bekennenden Kirche (und sehr viele mehr). Die Frage von Gesinnung und Mut oder Feigheit halte ich nicht für eine Frage von Intelligenz, sondern von Charakter. Ungewollt bestärkt Leicht damit sogar die Aussage, um die es Sarrazin ja in seinem Buch geht. Und wenn Leicht schreibt, dass die Männer unter den Migranten ihren Frauen und Kindern dieselbe Menschenwürde zugestehen müssen, die sie für sich in Anspruch nehmen, bestätigt er ihn sogar an einem heiklen Punkt. Nur, dass Sarrazin unter den verschiedenen Gruppen von Migranten unterscheidet, nicht als Ressentiment, sondern statistisch belegt. Asiatische Zuwanderer sind eben gerade keine Problemgruppe, die sich in Sachen Bildung, Beruf und Weiterkommen schwertut. Ich finde, es ist zu einfach, die Klappe fallenzulassen, weil er sich in einem Interview nach einer Provokation zu seiner Äußerung über das „jüdische Gen“ hinreißen ließ. Die ist natürlich Schwachsinn. Ich möchte sie auch auf einen Widerspruch aufmerksam machen, jedenfalls empfinde ich es als Widerspruch, wenn Sie der NPD einen Propagandaerfolg attestieren und gleichwohl die Überschätzung von Intelligenz als Grundirrtum bezeichnen. Nach meinem Geschmack hat keine politische Bewegung eine dümmere und bildungsfeindlichere Klientel als die NPD. Die aufgeklärte, westliche, zivilisierte Gesellschaft, die ich mir vorstelle, regelt so etwas mit Argumenten und Offenheit, aber sicher nicht mit Diskursverweigerung.
      Freundliche Grüße
      Christoph Lemmer

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  2. Fischmuetze sagte:

    Hallo Herr Lemmer,
    Was für ein rechter Schwachsinn! Herr Sarazin gehört ja nicht zur „politische Klasse in Deutschland“ neeeeeeeeeein, nein überhaupt nicht…. er ist der Messias selbst für all jene, die nicht aufhören können und wollen schwarz und weiß, gelb und rot, Türke, Somalier, Armenier und sonst wen nach Rassendünkel zu unterscheiden… Intelligenz und Vernunft haben of wenig gemein…

    Rechtsradikalpopulistischer Unsinn wird nicht davon erträglicher, dass Ihn der Vorstand der Bundesbank verbreitet… und ich kann nur Herrn Huppenbauer beipflichten: in solcher Mann hat sich meiner Ansicht nach vom demokratischen Diskurs verabschiedet. So ist es!

    Aber wier schön zeigt doch die Diskussion wohin bei einigen Leuten die Reise hingeht… ich werd mich nicht wundern, wenn wir demnächst bezüglich des 3. Reichs künftig wieder alt bekannt relativierende Sätze hören wie: “ Na ja, aber die haben die Autobahn gebaut“

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  3. Ulrich Huppenbauer sagte:

    Hallo Herr Lemmer,
    Ich unterscheide zwischen einem, der die Menschen liebt, auch wenn er Schwächen und Probleme u.a. auch Integrationsprobleme sieht, und zwischen einem, der die Menschen verachtet. Alle beide können Statistiken gebrauchen, vielleicht sogar zu ähnlichen Ergebnissen kommen und politischen Handlungsbedarf sehen. Der, der die Menschen liebt, wird versuchen, an den Problemen zu arbeiten, wird nach Ursachen suchen (z.B. der treffende Ausspruch: „sie holten sich Gastarbeiter, und siehe da, es waren Menschen!“), wird nicht für alles eine Lösung finden, wird auch oft in seinem Engagement scheitern. Er wird sich dann vielleicht auch mit den Problemen der Menschen, mit denen er zu tun hat, beschäftigen, wird sich mit deren Heimatland auseinandersetzen, wird vielleicht auch über fehlende Chancengleichheit nachdenken. Solche Menschen, die das ihnen mögliche tun, das zwischenmenschliche Klima auch zwischen verschiedenen Volksgruppen zu verbessern, werden von einem Herrn Sarrazin mit Verachtung übergossen: es sind die sogenannten „Gutmenschen“. Und damit entlarvt sich dieser Herr Sarrazin eben in Wirklichkeit als arroganter Menschenverächter. „Der Ton macht die Musik“ – das ist in diesem Fall ein zutreffendes Sprichwort.
    Menschenverächter, die hoch intelligent sind, und Statistiken lesen können, haben es ziemlich einfach. Sie machen Aussagen, die in manchem stimmen, und deshalb für so manchen auch diskussionswürdig sind. Wo andere sich mühsam in den Niederungen quälen und manchmal auch daran scheitern, braucht einer wie er nur von seinem Sessel im schönen Eigenheim aus seine Zeitungen und Statistiken zu lesen, seine Thesen in die Welt hinauszuposaunen und sein Buch zu schreiben, und kann sich seines Erfolges sicher sein: es wird über ihn diskutiert und sein Buch wird verkauft. Und die Leute diskutieren eifrig: wo hat er recht? – wo hat er nicht recht? – und mancher sagt sich: „das habe ich doch schon immer so gesagt, aber mir nicht zu sagen getraut.“ – und all die Leute merken nicht, daß die menschliche Grundhaltung hinter seinen ganzen Thesen nicht stimmt: daß er nämlich zu der zweiten Sorte von Menschen gehört, den zynischen Menschenverächtern. Dann entlarven sich nämlich seine Interview-Äußerungen: wenn er von Intelligenz-Genen und extra jüdischen Genen spricht, nicht, wie Sie meinen, als eben so ein bisschen dummes Zeugs, was einer mal, wenn er im Interview nicht aufpasst, einfach mal so daherredet, sondern als Ausdruck seiner wirklichen Geisteshaltung. Für einen solchen Mann würde es dann auch ein leichtes sein, Schulaufgaben zu erfinden, die z.B. meine Mutter ganz real in ihren Mathebüchern vorfand und zu lösen hatte: „Wieviel Volksvermögen kostet es, 500.000 Geisteskranke zu versorgen und zu verpflegen, und wie viel billiger wäre es und wie viel Geld käme den Gesunden zugute, wenn man sich dieser Geisteskranken entsorgen würde.“ Dass sich damals hierzu viel zu viele „intelligente“ Menschen hingaben und diese Sache nicht nur rechneten, sondern aus ihren Rechnungen auch Taten folgen ließen, das wissen Sie genau so gut wie ich.
    Das erschütternde an der ganzen Diskussion ist: dass die Leute es nicht merken oder nicht merken wollen, wessen Geistes Kind dieser Herr Sarrazin ist. Wenn sie ihm heute Beifall klatschen, dann machen sie etwas deutlich, was ich schon immer vermutet habe: dass nämlich der Bodensatz, auf dem die nationalsozialistische Ideologie sich ausbreiten konnte, längst nicht ausgerottet ist. Es braucht ein paar Tabubrecher wie Herr Sarrazin und noch ein paar neue Bedrohungsszenarien, die die Medien dann ausschlachten, auf die die Politiker hören, und auf die schließlich die Juristen mit ihren Urteilen reagieren – und schon sind wir wieder da angekommen, wovon wir meinten, uns längst verabschiedet zu haben. Das ist meine Befürchtung.
    Da ich Christ bin, versuche ich mich nicht von dieser Befürchtung leiten zu lassen, sondern von der Hoffnung, dass es doch noch genügend solcher „Gutmenschen“ gibt. Und da gebe ich Ihnen vollkommen recht: Wir brauchen nicht nur einfache und einfältige Gutmenschen, sondern auch intelligente!
    Mit freundlichen Grüßen
    Ulrich Huppenbauer

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    • bitterlemmer sagte:

      Ich komme da jetzt wirklich nicht mehr mit, und ich verwahre mich entschieden gegen den impliziten Vorwurf, ich würde Sympathien für nationalsozialistischen Schwachsinn hegen. Was soll dieses Rechenbeispiel um irgendwelches Volksvermögen? Was wollen Sie damit ausdrücken? Dass Herr Sarrazin und die, die sein Buch überhaupt erstmal zur Kenntnis nehmen wollen, ihm im Kern womöglich zustimmen und es unerhört finden, dass ihre Regierung neuerdings die Kategorie „nicht hilfreich“ für Bücher erfindet, sich damit in der Nähe von Nazis befinden? Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass dieser Vorwurf bei mir nicht im Geringsten passt. Im übrigen möchte ich noch antworten, dass mir ein gut gemeint zu billig ist und ich ein gut gemacht meistens sinnvoller finde.

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  4. Ulrich Huppenbauer sagte:

    Wir reden aneinander vorbei.
    1) Einer der Ausgangspunkte ist unsere unterschiedliche Beurteilung des Artikels von Robert Leicht. Ich finde dieser hat recht, es bei Herrn Sarrazin falsch zu finden, wie er die Intelligenz überschätzt. Er scheibt in seinem Artikel nicht, wie Sie meinen, daß er die Intelligenz als Ursache des Übels ansieht und Intelligenz ablehnt, sondern er stellt bei Herr Sarrazin die einseitige Betonung der Intelligenz fest.
    2) Ich bin tief beunruhigt über die Äußerungen von Herrn Sarrazin über die anderen Gene der Juden. Sie sagen natürlich mit Recht, daß das Schwachsinn ist. Ich sehe darín aber nicht nur Schwachsinn, sondern System. Er erweist sich in diesen Aussagen m.E. als Rassist, und ich bin beunruhigt, daß er dafür auch noch von verschiedener Seite Beifall bekommt.
    3) Daß ich Herrn Sarrazin als „Menschenverächter“ ansehe, ist nicht erst seit er das neueste Buch geschrieben hat, sondern es sind seine Äußerungen von der Produktion von immer mehr Kopftuchmädchen. Ich erlebe hier eine Respektlosigkeit vor anderen Menschen, die ich unerträglich finde.
    4) Ich will nicht einmal behaupten, daß Herr Sarrazin ein verkappter Nazi ist. Er würde das sicherlich von sich weisen. Ich habe aber auf den Bodensatz hingewiesen, in dem solche Äußerungen gemacht werden und in dem solche Äußerungen ihren Beifall finden. Und diesen Bodensatz halte ich für gefährlich. Und ich komme zu der Frage: wie war es damals? Aus welchem Bodensatz heraus konnte sich all die Unmenschlichkeit mitten in einem an sich zivilisierten Volk entwickeln. Ich halte viel von den Untersuchungen von Harald Welzer. Er beschreibt, daß sich nur der Referenzrahmen ändern muß, und dann fangen Menschen an, Dinge zu rechtfertigen und zu tun, die zu rechtfertigen und zu tun sie früher nie darauf gekommen wären.
    5) Schon gar nicht rücke ich Sie in irgendeine rechte Nähe. Das liegt mir wirklich absolut fern. Es ist Ihr gutes Recht, in Bezug auf Sarrazin auf die Hohlheit der Antworten der Politiker hinzuweisen. Mein Ansatz war anders herum: Ich frage nach den Grundeinstellungen des Herrn Sarrazin. Aus welchen Grundeinstellungen heraus macht er seine Äußerungen? Und ich sehe seine problematische Grundeinstellung auch dann noch , wenn manche Analysen richtig sind. Und da habe ich – vielleicht mit zu scharfen Worten – mein tiefes Mißtrauen gegen ihn ausgedrückt. UH

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  5. bitterlemmer sagte:

    OK, ich entspanne mich und weise nur auf zweierlei hin:

    1. Sarrazin verknüpft die Themen Integration und Demographie und entwickelt daraus eine ziemlich pessimistische Prognose. Beim Thema Integration unterscheidet er zwischen unterschiedlichen Gruppen, die sich unterschiedlich gut in unserer Gesellschaft zurechtfinden, und damit hat er offensichtlich recht. Er ist eigentlich eigentlich der erste, der Zuwanderer aus Asien, Osteuropa und einen Teil der türkischen Zuwanderer in öffentlich wirksamer Weise aus der pauschalen Kritik herausnimmt, die sich aufdrängt, wenn man die gängigen Daten zu Bildung, Eheschließung, etc. für alle Zuwanderer subsummiert. Das ist gegenüber denen, die hier angekommen sind (auch, wenn es sich nur um eine Minderheit handelt), unfair (und wird von der Politik so betrieben, weil die Politiker sich vor den Konsequenzen fürchten, die eine dann viel komplexere Debatte nach sich ziehen würde). Aus den Daten leitet er dann ab, was sich jeder eh schon dachte: Dass die Ursache offenbar kulturell bedingt ist, nämlich mit der muslimischen Religionszugehörigkeit zusammenhängen könnte. Das ist eben gerade keine Frage der Ethnie, was übrigens schon daran ersichtlich ist, dass sich einige deutschstämmige Konvertiten geradezu abenteuerlich desintegrieren.

    2. Zu dieser Erkenntnis dringt freilich niemand vor, der sich in die Dummheiten verbeißt, die Sarrazin in seinen Interviews verbreitet (ob sie auch im Buch stehen, kann ich noch nicht sagen, weil das Buch derzeit nicht zu bekommen ist und ich den Sekundärquellen nur bedingt traue. Herr Schirrmacher und Frau Kelek scheinen zwei verschiedene Bücher gelesen zu haben). Den Bodensatz, den Sie beschreiben, sehe ich auch. Ich sehe ihn allerdings nicht als spezifisch rechtes Problem, sondern als Problem von Dummheit. Die Klientel, von der wir hier reden, wechselt auch mal locker zwischen NPD und Linkspartei, was anhand der Forderungen der beiden Parteien auch nachvollziehbar ist. Beide appellieren an Ängste und Neidinstinkte und geben vor, Patentrezepte für die Lösung aller Probleme der Welt zu besitzen. Gänzlich unterschiedlicher Meinung sind wir offenbar bei der Frage, welche Vorgänge Diktaturen ihre Machtbasis verschaffen, ganz gleich, ob es sich um Nazis, Kommunisten, Militärs oder sonstige Diktaturen handelt. In Nazideutschland wie in der DDR konnte man sehen, dass es Unterstützer in allen gesellschaftlichen Schichten gab. Demnach müssen wir es hier mit einer menschlichen Schwäche zu tun haben, die nicht damit zu tun hat, ob jemand zu diesem „Bodensatz“ zählt. Diese Schwäche zeigt sich etwa, wenn Leute dazu neigen, ihr sprichwörtliches Fähnchen gern nach dem Wind zu hängen. Solange die Verhältnisse erträglich sind (und das sind sie ja bei uns), kann man damit leben. Unter anderen Verhältnissen sind solche Leute gefährlich, wie etwa der von Ihnen erwähnte Theologe Adolf Schlatter. Ich möchte hinzufügen, dass es mich nicht stört, wenn verschiedene Menschen verschiedene Meinungen vertreten und sich darüber streiten (wie Sie bemerkt haben, streite ich ja selber durchaus gern). Genau daran erkennt man eine funktionierende und wenigstens leidlich freie Gesellschaft. Und deshalb ärgere ich mich über die Geschlossenheit, mit der das gesamte politische Spektrum einschließlich Kanzlerin und Finanzminister über Sarrazin herfällt. Das passt für meinen Geschmack nicht zu einer offenen Gesellschaft.

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