Der mutmaßlich letzte, der Robert Enke lebend sah, ist ein Lokführer bei der Deutschen Bahn. Es könnte sich so abgespielt haben, dass er den da noch lebenden Torwart durch die Frontscheibe entdeckte, bevor er im härteren Wortsinn auf die Front der Lokomotive traf. Dabei dürfte es eine ziemliche Sauerei gegeben haben. Die haben unbekannte Helfer später beseitigt und dabei die – wieder im härteren Wortsinn – sterblichen Überreste Enkes eingesammelt. Ein angenehmer Job dürfte das eher nicht gewesen sein.

Wie mag der Lokführer sich fühlen, wenn er durch die Fernsehprogramme zappt und sieht, dass der von seiner Lokomotive zerschmetterte Tote heute von einem halben Dutzend Sendern mit live-Übertragungen bedacht wird? Dass Spiegel Online einen Live-Ticker der Trauerfeier ins Netz stellt, gerade so wie bei einem WM-Endspiel, an einem Bundestags-Wahlabend oder der Papst-Wahl? Dass Zehntausende zum Ort des Events gepilgert sind, dass sich Bundes- und Landespolitiker im morbiden Licht dieser Veranstaltung sonnen und die ansässigen Zeitungen eine Sonderbeilage mit Traueranzeigen produzierten? So etwas gab es nicht einmal für Papst Johannes Paul II. „Deutschland trauert um Robert Enke“, lautet der Tenor der Überschriften der meisten Nachrichtenportale im Web. Dabei kannten ihn bis zum vergangenen Dienstag viele Deutsche gar nicht.

Ein paar Tage heftigen PR-Wirbels haben aus dem Selbstmord des Nationaltorwarts ein Event gezaubert und den Selbstmörder zu einer Art Märtyrer stilisiert. Das ist ehrlich gesagt ziemlich pervers, und zwar in jeder Hinsicht. Der Medienzauber ist völlig maßlos. Die Botschaft ist verlogen, weil Selbstmord und Märtyrertum sich ausschließen. Hier wird eine menschliche Tragödie zu einer Show à la Disney ausgeschlachtet. Die, die jetzt verlangen, das Stadion in Hannover oder eine Straße nach Robert Enke zu bennen, haben schlicht einen an der Waffel und gehören geistig nicht mehr ins christliche Abendland.

Immerhin sind die öffentlichen Gebäude heute nicht wegen Robert Enke auf Halbmast beflaggt. Vor Reichstag und Kanzleramt wehen die Fahnen wegen des Volkstrauertags, der zufällig mit dem Tag der Trauerfeier für Robert Enke zusammenfällt.

1 Antwort
  1. Thomas Küchenmeister sagte:

    Laut Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes gibt es im Jahr zwischen 800 und 900 Personenunfälle , die Mehrzahl dürften Selbsttötungen sein. Jeder Lokführer hat eine hohe Chance betroffen zu sein. Ob das ein VIP oder nur ein „normaler“ Toter , ist für das Gefühlsleben der Lokführer vermutlich egal. Übrigens müssen die Leichenteile von der Feuerwehr (teilweise auch freiwillige Feuerwehr) eingesammelt und das Blut abgewaschen werden. Dürfte auch nicht besonders angenehm sein.

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