„Smash Capitalism“ ist ein verkaufsfördernder Slogan, der gerade einem neuem Segment im Berliner Szene-Kapitalismus zu guten Profiten verhilft. Er findet sich auf T-Shirts, die die Spezialgeschäfte „Disorder – Rebel-Store“ und „M99 Gemischtwaren mit Revolutionsbedarf“ in Kreuzberg verkaufen. Jetzt, kurz vor dem 1. Mai, ist da so etwas ähnliches wie Weihnachten für den bürgerlichen Kapitalismus.

RAF-Ästhetik schafft Streetcredibility, ähnlich wie bei Gangsta-Hiphoppern

Im Angebot haben die Läden alles, was der stilbewusste Straßenkämpfer so braucht: Hasskappe, Pfefferspray, Militärhosen und T-Shirts mit den angesagten Kampfparolen oder dem immer gern genommenen Anarcho-A. Wer hier kauft, der kauft konsequenten Lifestyle und zeigt, zu welchem Stamm er gehören möchte. Die Revolutions-Fachgeschäfte sind für die linke Rebellenszene dasselbe wie Ed Hardy für den Nachwuchs-Pimp oder Thor Steinar für die rechte Schlägerszene. Neben Klamotten führen sie sogenannte Musik (rhytmisch unterlegte Kampfparolen, die nicht nur gut im iPod-Kopfhörer kommen, sondern auch über Megafon-Lautsprecher gute Wirkung zeigen) und politisch korrekten Zapatisten-Kaffee „für den täglichen Aufstand“.

Der Koffein-Kick für den Straßenkämpfer

Revoluzzer-Business ist für jeden Marketing-Experten ein echter Traum. Die Story, mit der ein langweiliges Produkt wie – sagen wir – ein Auto emotional aufgeladen werden muss, existiert hier schon und wird von ehrenamtlichen Helfern ständig aktualisiert. Die Botschaften stecken in Flugblattständern, in denen etwa zur „Revolutionären 1.-Mai-Demonstration“ aufgerufen wird oder in Plakaten neben dem Eingang, die verkünden, „Berlin bleibt rot“.

Front des Geschäfts "M99 Gemischtwaren mit Revolutionsbedarf"

Das Gemischtwarengeschäft mit Revolutionsbedarf praktiziert zwecks zielgruppenkompatibler Show sogar ein bisschen echten Kommunismus. Eine leicht siffige Plastikwanne ist mit einem Schild beklebt, auf dem groß „!!!Gratis!!!“ steht. Wer mag, kann hier „Spekulanten-Hausrat, Textilien“ oder „ökologische Backwaren“ sozialisieren, auf das Bedürftige hier für umme ihre Bedürfnisse stillen können. Wie üblich funktioniert auch hier der Kommunismus nicht so ganz. Letztens lagen in der Wanne nur eine siffige gebrauchte Unterhose und ein gammeliges Netzteil.

Statt Öko-Brot liegt nur eine siffige sozialisierte Unterhose im Körbchen

In den letzten Tagen sind auffallend viele junge Kreuzberg-Touristen vor den Revolutionsboutiquen zu sehen, schon sehr gekonnt und stilecht immer mit Bierpulle in der einen und Kipppe in der anderen Hand. Die Vorfreude auf den 1. Mai ist deutlich zu spüren, wenn wie jedes Jahr dann tagsüber Köfte mit Caipi heruntergespült wird und dazu Bands auf Kiezkreuzungen spielen, die man nicht ohne Grund nur dort und sonst eher nie hören muss. Zum Sonnenuntergang wird dann wie immer das beliebte Spiel namens Rebel und Gendarm beginnen. Berlins Polizeipräsident betont wie jedes Jahr, er habe alles im Griff und finde es völlig daneben, dass Unions-Politiker ihm die Duldung eines rechtsfreien Raumes vorwerfen, womit er wie ebenfalls jedes Jahr gleich doppelt Unrecht hat, weil er natürlich zum einen nichts im Griff hat und der Kiez für einen Tag quasi freiwillig der Rebellion übergeben wird, zum anderen allerdings nicht von der Polizei, sondern von ihren Dienstherren, den rot-roten Senatspolitikern.

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