Der Tod von Uwe Barschel ist bis heute nicht geklärt

Den 11. Oktober 1987 werde ich nie vergessen. Damals arbeitete ich für das erste Berliner Privatradio Hundert,6, das gerade ein halbes Jahr existierte. Wir hatten wie üblich einen massiven Arbeitstag hinter uns. Die Meldungen der Nachrichtenagenturen tickerten auf einem ratternden Fernschreiber auf Endlos-Papierfahnen. Bei Eilmeldungen ertönte ein durchdringender Kreischton, für den wir eine eigene Alarm-Vorrichtung in Auftrag gegeben hatten, um bloß kein besonderes Ereignis zu verpassen. Irgendwann am Abend kreischte sie los. Jemand aus der Nachrichtenredaktion lief zum Fernschreiber, riss die Meldung ab und stoppte den Alarm. Dann rannte er nacheinander zum Chefredakteur, zum Nachrichtenchef, zur Chefin vom Dienst und zu mir. Ich moderierte gerade und verkündete die Nachricht unmittelbar am Mikrofon: Barschel tot in Genfer Hotel gefunden. Dann folgte eine Sondersendung von 18 bis 19 Uhr. Länger ging nicht, weil wir uns die Frequenz mit dem linken Sponti-Sender Radio 100 teilten, der von 19 bis 23 Uhr sendete. Die Chefin vom Dienst, Dr. Michaela Trude, zog alle noch verfügbaren Redakteure und Praktikanten zusammen und organisierte ein telefonisches Trommelfeuer nach Kiel und Genf, das tatsächlich binnen Minuten verwertbare Originaltöne von Regierungs- und Polizeisprechern oder der jungen Genfer Staatsanwältin Claude-Nicole Nardin erbrachte. Ich moderierte im Grunde einfach drauflos und wurde mit getippten und handschriftlichen Notizen, Carts mit aufgezeichneten O-Tönen und Telefonnummern für Live-Interviews zugeschüttet. Ich glaube, die Sendung war dem Anlass angemessen.

Barschels Tod ist bis heute nicht geklärt. An Selbstmord habe ich aufgrund der zahlreichen Zufälle nie geglaubt. Die diversen Mordtheorien wirken andererseits so verschworen, dass man sie auch nicht glauben möchte.

Zu denen, die von Mord sprechen, gehört seit diesem Wochenende auch der Schweizer Toxikologe Hans Brandenberger. „Die chemischen Befunde indizieren einen Mord“, schreibt er in der WamS. „Aufgrund der Komplexität des Mordgeschehens“ vermutet er, „dass ein Profi-Team am Werk war, nicht eine Einzelperson“. Außerdem zitiert die Zeitung den früheren Mossad-Agenten Victor Ostrovsky mit der Aussage, der israelische Geheimdienst steckte hinter Barschels Tod. Barschel habe von einem Waffengeschäft zwischen Iran und Israel gewusst, das auf schleswig-holsteinischem Boden abgewickelt worden sei. Und schließlich meldet sich der frühere Kieler Oberstaatsanwalt Heinrich Wille zu Wort, der schon seit Jahren die Mordversion vertritt und jetzt neue Ermittlungen fordert. Willes Ermittlungseifer hatte 1997 für eine erbitterte Fehde in der Staatsanwaltschaft gesorgt. Sein Chef, Heribert Ostendorf, wollte Wille den Fall entziehen und die Akte zuklappen. Wille setzte sich aber dank der Unterstützung des Justizministers durch. Ostendorf gab daraufhin seinen Posten auf.

Ein Jahr später stellte die Generalstaatsanwaltschaft gleichwohl das Verfahren ein. Wille war damit kaltgestellt, hält seinen Mordverdacht aber bis heute aufrecht und gilt im Amt vermutlich als unbequeme Nervensäge. Das muss nicht gegen ihn sprechen. Es kann ebensogut ein Zeichen für Bequemlichkeit der Behörde, die Scheu vor einem schwer zu lösenden Fall und damit vor einer öffentlichen Niederlage sein.

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