Dieses Bild zeigt den Fußballer David Beckham mit seinen minderjährigen Söhnen, die er in Ausübung elterlicher Vollmacht in seine Berufskleidung steckte. Bildquelle: Getty, zitiert nach §59 UrhG

Ist das nicht skandalös? Da zeigt sich der britische Fußballer David Beckham mit seinen drei Söhnen, und alle drei tragen Fußballtrikots. Minderjährig! Ohne die Möglichkeit, den eigenen Lebensweg sebstbestimmt beschreiten zu können! Werden ungefragt schon im Kleinkindalter dem Fußballgott dargebracht. Das sollte doch eigentlich verboten sein – sollten konsequenterweise all diejenigen fordern, die das Kölner Beschneidungsurteil begrüßen. Denn sonst, liebe Leute, argumentiert ihr widersprüchlich.

Es geht nämlich in Wahrheit um eine Großdebatte, die unser Land seit einigen Jahren ungemütlich umkrempelt – die Frage, was Eltern sein dürfen und welchen Stellenwert Familien einnehmen sollen. Genau das steckt dahinter, wenn die scheinbar fürsorgliche Frage gestellt wird, ob das beschnittene Bübchen in seiner Wahlfreiheit beschnitten würde angesichts der Körperverletzung, die ihm im Säuglingsalter angetan wurde. Dieses Argument ist verräterisch. Denn einerseits setzt es schon voraus, dass jedenfalls die Eltern nichts mitzureden haben sollten, wenn es um die Religion ihrer Kinder geht, und andererseits bedeutet das nichts anderes als die ebenso voraussetzungslose Ablehnung familiärer Autonomie und jeglicher Religiosität.

Bei letzterem ist die Wahl der Worte nicht minder verräterisch. Natürlich gibt es Deppen, die das Kölner Gericht als „säkulare Taliban“ schmähen – aber die brüllende Freude derjenigen, die das Urteil verteidigen, ist keinen Deut besser und dient allein dazu, sich vor dem Diskurs zu drücken.

In punkto Religion geht es zunehmend darum, genau die aus dem gesellschaftlichen Leben zu verbannen. Atheisten und Agnostiker spielen sich unangenehm als eifrige Weltverbesserer auf, die missionarisch alle Religiösen von ihrer Last befreien zu müssen glauben. Sie preisen den vermeintlichen Weg des Wissens und der Realität, was aber auf ähnliche Argumentationsmuster hinausläuft wie bei Religiösen, nur, dass Religiöse lieber von Wahrheit und Glaube reden, was letztlich nur andere Worte für annähernd dasselbe sind.

In punkto Familie ist die Debatte nicht minder schräg. Die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie wird im politisch-medialen Mainstream mit großer Selbstverständlichkeit als im Kern reaktionär geschmäht. Diejenigen, die von Toleranz sprechen, meinen in Wahrheit eine staatlich geförderte Moral, die Werte und Lebensentwürfe zentralistisch steuert. Bei aller berechtigten Kritik am Betreuungsgeld: Die Argumente der Gegner auf der linken Seite des Parlaments haben deutlich gemacht, was sie von elterlicher Fürsorge halten – nämlich einen Dreck. Gemeinhin ist Eltern nicht zu trauen, soll das heißen. Sie gelten als versoffen, verfressen, verfickt und verwahrlost, und darum gehören Kinder möglichst von Geburt an in staatliche Obhut. Und wie so häufig lassen die Verfechter staatlichen Zentralismus andere Entwürfe als die eigenen nicht gelten. Ein jeder hat sich unterzuordnen.

Die Kombination aus beidem – Familie und Religion – bringt die Unerträglichkeit für die Staatsgläubigen auf die Spitze. Das ist verständlich, denn hier wird die Gretchenfrage gestellt. Sollen Eltern das Recht haben, religiöse Entscheidungen im Namen ihrer Kinder zu fällen? Wenn die Antwort nein lautet, dann dürften Eltern auch folgendes nicht mehr bestimmen: Welches Instrument ein Kind lernen soll, ob es zum Fußball oder zum Ballett geht (oder überhaupt zu einem Sport), ob es am Abend Grimms Märchen vorgelesen bekommt oder „fortschrittliche“ Geschichten aus Beltz&Gelberg-Büchern oder ob es vor der Glotze mit staatlich lizensierten oder betriebenen Programmen ruhiggestellt wird. All das bestimmt einen Weg mit, den der Mensch später einschlagen wird.

Die Debatte um das Beschneidungsurteil kreist ums Grundsätzliche, nicht ums Detail. Nicht böse sein, aber der Verweis auf die angeblich so schlimme körperliche Beschädigung ist einfach albern. Unter Volljährigen gelten Piercings, Brandings, Tattoos etc. als satisfaktionsfähig, und auch die metallurgische Anreicherung der primären Geschlechtsorgane ist heutzutage kein Tabu mehr. Wer da argumentiert, der Verlust eines kleinen Stückchens Haut sei gravierend, macht sich lächerlich. Tatsächlich geht es um die Frage, wer das bestimmen darf – die Eltern oder der Staat.

Wobei, auch dies gehört zur Debatte, natürlich immer nur „die Leute“ mit Vorschriften bedacht werden, also das Volk, das Publikum, die Regierten, während für Zelebritäten aller Art – Politiker, Schauspieler, Sportler, Künstler – andere Rechte gelten. Die nehmen, bewundert von derselben Öffentlichkeit, die zunehmend rigider in die Privatsphäre greift, selbstverständlich exzessive Individualrechte wahr. Wie der Herr Beckham, der seine Söhne ins Ornat seiner Fußballerzunft steckt. Es ist wie immer, wenn sich eine Gleichheitsidee durchsetzt: Manche Tiere sind eben gleicher als andere.

2 Kommentare
  1. Andreas sagte:

    Körperverletzung an Schutzbefohlenen zählt also neuerdings zu den Elternrechten? Interessant.

    Ansonsten: Fußballtrikots kann man ausziehen, Klavierunterricht einstellen und selbst Getaufte können aus der Kirche austreten, wenn das entsprechende Alter erreicht ist. Einen abgeschnittenen Teil des Körpers zurückzuerlangen, dürfte sich als ein wenig schwieriger erweisen. Insofern sind alle von Dir genannten Beispiele an den Haaren herbeigezogen.

    Im übrigen ist es einer sachlichen Diskussion nicht zuträglich, den Gegnern der Beschneidung ständig Religionsfeindlichkeit vorzuwerfen.

    Man fragt sich allerdings angesichts der Armut an Argumenten, die die Befürworter an den Tag legen, ob ihnen an einer sachlichen Diskussion überhaupt gelegen ist.

    So sehr ich sonst mit Dir auf einer Linie bin, ob es nun um allgemeinpolitische oder um Radiothemen geht, so wenig verstehe ich, wie Du Dich derart darin versteigen kannst, ein archaisches, voraufklärerisches und grausames Ritual zu verteidigen.

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  2. Golda Meir sagte:

    Mir ist es wurst, wer welchem Gott opfert. Aber bitte privat. Wie alle, die vom Glauben zum Wissen konvertiert sind, möchte ich niemandem vorschreiben, wie er glücklich wird. Aber ich möchte damit im öffentlichen Raum nicht belästigt werden. So wie es unsere Verfassung ja auch vorsieht.

    Es geht nicht darum religiöse Rechte zu beschneiden, aber es kann für Religiöse in einem säkularen Staat auch keine Privilegien geben.

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