Foto: Israel-Museum, Jerusalem

F√ľrsorglichkeit nervt geh√∂rig, wenn der Umsorgte sich in keiner Weise bed√ľrftig f√ľhlt. Sprichw√∂rtlich ist die Oma, die gegen ihren Willen von einem aggressiv hilfsbereiten jungen Mann √ľber die Fahrbahn gezwungen wird. Nicht viel anders klingt vieles, was derzeit √ľber das heftig umstrittene K√∂lner Beschneidungs-Urteil gesagt wird.

Der Freisinger Anwalt Thomas Stadler beschreibt in seinem Blog internet-law.de den juristischen Gedankengang, der im dritten und letzten Schritt gl√ľcklicherweise h√∂chst menschlich und unjuristisch endet. Hei√üt: Auch unsereiner darf wieder mitreden. Der dritte Schritt n√§mlich besteht in der Abw√§gung zwischen den beiden Grundrechten Religionsfreiheit und k√∂rperliche Unversehrtheit. Hier kommt Stadler, wie viele andere auch, zu einem klaren Ergebnis: Die k√∂rperliche Unversehrtheit habe Vorrang.

Nur: Wer sagt eigentlich, dass die Beschneidung eines Jungen zu k√∂rperlichem Schaden f√ľhrt?

Der Kollege Stefan Meiners gehört zu den vielen, die das glauben, und er schreibt dazu folgendes:

“Da werden die Geschlechtsteile von kleinen Jungen ‚Äď in der Regel wohl gegen deren Willen ‚Äď verst√ľmmelt. F√ľr mich ist das analog zur¬†Verst√ľmmlung weiblicher Genitalien, gegen die die Bundesregierung ja mit viel Kraft angeht.”

Einspruch!

Ich kenne etliche Beschnittene, aber keinen einzigen, der sich deshalb verst√ľmmelt f√ľhlte. Mir ist auch keine Studie bekannt, in der beschnittene M√§nner derartiges √§u√üern. Ich habe, im Gegenteil, eher den Eindruck, dass Beschneidung eine Ego-st√§rkende Wirkung hat. Und ich kann mich noch daran erinnern, als diverse M√§nnerzeitschriften in den 70er und 80er Jahren Pro-und-Contra-Listen ver√∂ffentlichten, in denen die allf√§lligen Vor- und Nachteile von beschnittenen und unbeschnittenen Penissen aufgez√§hlt wurden.

Und abseits der Empfindungs- und Wertungsebene: Kann mir irgendjemand erkl√§ren, welche faktischen Folgen die Beschneidung f√ľr einen Mann haben sollte? Was funktioniert dann anders, besser oder schlechter? Hier einen Schaden oder eine Versehrtheit zu erkennen erinnert mich dann schon an den aggressiven Omahelfer.

G√§nzlich unhaltbar ist schlie√ülich die Gleichsetzung der Beschneidung bei M√§nnern und Frauen. Bei Frauen sind die Folgen evident. Beschnittene Frauen sind tats√§chlich und unstreitig versehrt. Zu erkennen ist das nicht zuletzt daran, dass beschnittene Frauen es sind, die uns das unmissverst√§ndlich erkl√§ren. Nur: Wo ist der Mann, der das Buch schrieb, das Waris Dirie √ľber ihre weibliche Beschneidung schrieb?

Zur√ľck zur rechtlichen W√ľrdigung: Wenn also die Religionsfreiheit gegen die k√∂rperliche Unversehrtheit abgewogen werden soll, dann muss die Religionsfreiheit wohl den Ausschlag geben. Andernfalls m√ľssten die Verfechter des Urteils (und Gegner der Beschneidung) mit Substanz begr√ľnden, worin die Versehrtheit bestehen soll. Und es m√ľsste ihnen erstmal gelingen, die vorgeblichen Opfer von ihrer Opferrolle zu √ľberzeugen.

6 Kommentare
  1. Andreas sagte:

    Lieber Christoph,

    einem neugeborenen Kind wird ohne Bet√§ubung ein St√ľck des K√∂rpers abgeschnitten, bei manchen Varianten des Rituals wird das dabei austretende Blut vom Beschneider mit dem Mund vom Penis des Kindes gesaugt. Mir fallen da auf Anhieb, ohne da√ü ich extra nachschauen m√ľ√üte, mindestens eine handvoll von Paragraphen des Strafgesetzbuches ein, gegen die dieser Ritus verst√∂√üt, von den grundgesetzlich garantierten Rechten des Kindes auf Menschenw√ľrde und k√∂rperliche Unversehrtheit mal ganz abgesehen.

    Da√ü es beschnittene M√§nner¬†gibt, die das dann Jahre sp√§ter nicht so schlimm finden, mag sein (vermutlich gibt es aber auch eine Menge Beschnittene, die das nicht so toll finden). Es gibt auch Menschen, die als Kinder verpr√ľgelt wurden und mit 30 nicht mehr darunter leiden; das ist aber noch lange kein Argument daf√ľr, das Schlagen von Kindern zu legalisieren oder straflos zu stellen.

    Und √ľbrigens ist die strafrechtliche W√ľrdigung von Handlungen nicht zwangsl√§ufig davon abh√§ngig, ob es jemanden gibt, der sich gesch√§digt f√ľhlt. T√∂tung auf Verlangen ist auch strafbar, obwohl der Get√∂tete diese sogar ausdr√ľcklich w√ľnscht.

    Zuletzt: Es sind nicht die Gegner dieser Praxis, die eine Sch√§digung des Kindes nachweisen m√ľssen, denn die ist evident. Nochmal zur Erinnerung: Hinterher fehlt ein St√ľck des K√∂rpers. Es sind diejenigen, die sich f√ľr die Beschneidung einsetzen, welche den Nachweis f√ľhren m√ľssen, warum ein archaischer religi√∂ser Brauch in einer sich doch ansonsten aufgekl√§rt und s√§kular d√ľnkenden Gesellschaft erlaubt oder straffrei sein sollte.

    Liebe Gr√ľ√üe

    Andreas Heinzgen

    Antworten
    • Horst Schulte sagte:

      Und darauf gibt es gute Antworten: http://www.cicero.de/berliner-republik/beschneidung-von-jungen-argumente-gegen-beschnittene-grundrechte-argumente-fuer-beschneidung-was-der-gesetzgeber-tun-sollte/51241?seite=3

      Antworten
  2. Samuel sagte:

    Ich zitiere hier mal die Wikipedia, nach der lt StGB gilt:
    “Die k√∂rperliche Unversehrtheit ist beeintr√§chtigt, wenn es zu
    einer Substanzverletzung, zu einem Substanzverlust, zu einer
    Herabsetzung der körperlichen Funktionen oder zu einer körperlichen
    Verunstaltung gekommen ist” (http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6rperverletzung_%28Deutschland%29#Objektiver_Tatbestand)

    Da hier ein St√ľck der Vorhaut abhanden kommt, d√ľrfte es sich dabei zweifelsfrei um einen Substanzverlust handeln und damit ist es eine Verletzung der Unversehrtheit. Auch wenn es schmerzfrei w√§re o.√§., es bleibt dabei. Und dieses Rechtsgut sollte als Menschenrecht √ľber dem der Religionsfreiheit der Eltern stehen.

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  3. Klaus Graf sagte:

    Hi Chris,
    zwei Paragraphen des Grundgesetzes prallen aufeinander. Ich stehe aber nicht alleine mit der Meinung, dass Religionsfreiheit nicht die Verst√ľmmelung eines Menschen gerechtfertigt, auch wenn Komplikationen bei einer Beschneidung wohl eher selten sind.¬†
    Bei dem Jungen, dessen Fall das Kölner Gericht verhandelte, kam es aber dazu und löste eine durchaus berechtigte Diskussion in unserem Land aus. Dazu hier der letzte Artikel des Stadtanzeigers
    http://www.ksta.de/politik/beschneidung-vierjaehriger-war-mehrfach-in-narkose-,15187246,16622042.html 
    Eine symbolische Beschneidung/Zeremonie w√§re mMn sicherlich eine zivilisiertere M√∂glichkeit bis zum 18 Geburtstag. Danach soll der betroffene Junge selbst entscheiden ob er sich von seiner Vorhaut verabschieden will oder nicht. Denn ich gehe davon aus, dass es kein integraler Bestandteil j√ľdischer oder muslimischer Tradition ist, mit freih√§ngendem Gem√§cht durch die Stra√üen zu laufen, um die Zugeh√∂rigkeit zum entsprechenden Glauben zu demonstrieren. Auch die hygienische Notwendigkeit ist seit Abschaffung der Zeltwohnungen mit Sandboden und der Einf√ľhrung von flie√üend warmem Wasser nicht mehr gegeben.¬†
    Dies ist Deutschland, dies ist das 21. Jahrhundert.

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