Ich habe gerade ein Ehepaar besucht, dessen Sohn schon viele Jahre im Gefängnis sitzt. Das Gericht war davon überzeugt, dass er zwei Menschen getötet hat. Das Ehepaar ist von seiner Unschuld überzeugt, was stimmen kann oder auch nicht, ich kann es einstweilen nicht beurteilen. Die längste Zeit sprach ich nur mit dem Mann. Die Frau war Enkel hüten. Der Mann erzählte von einer kurzen Begebenheit unmittelbar nach dem Urteilsspruch. Sein Sohn wurde im Hof des Gerichtsgebäudes zum Auto abgeführt, dass ihn ins Gefängnis zurückbringen sollte. Die beiden durften sich kurz verabschieden. Der Sohn habe ihm ins Ohr geflüstert: “Ich war’s nicht”. Als er mir das sagte, schluchzte der Mann. Sonst wirkte er stark. Stämmig, rundes Gesicht, schlagfertig, intelligent. Er hatte Karriere gemacht und bekleidete einen leitenden Posten. Nachdem der Sohn verurteilt war, gab ihm sein Chef ein paar Tage frei. Er habe gesagt, er solle sich in Ruhe erholen, erinnert sich der Mann. Tatsächlich habe der Chef gemeint, dass der Vater eines verurteilten Mörders für einen so exponierten Posten nicht mehr tragbar sei. Es fand sich ein Arrangement, das in einer sehr frühen Frührente endete. Da war das große Haus, das gerade erst fertig geworden war, plötzlich eine Nummer zu groß. Der Mann und seine Frau verkauften es. Das Geld steckten sie in ein kleineres Haus, Anwälte und Gutachter. Am Ende mussten sie auch das kleine Haus verkaufen und hatten dennoch Schulden. Heute leben sie in einer kleinen, unscheinbaren, sehr aufgeräumten Mietswohnung. Dann kam seine Frau von den Enkeln. Die beiden, beide um die 70, sahen sich an wie verliebte Teenager. Die Frau setzte sich dazu. Zu dritt redeten wir weiter. Die Zeit verging rasant. Plötzlich war es Abend. Ich ging. An der Tür gaben wir uns die Hände. Als ich aus dem Hausflur noch einmal zurückschaute, da guckten sich die beiden in die Augen. Fast alles verloren, aber offensichtlich nicht die Liebe. Auf spezielle Art beneidenswert.

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