Je dümmer und unerfahrener, desto anfälliger für dumpfbackige Nazivergleiche. Es ist ziemlich schwer, zu verstehen, warum das Thema Nazismus zumindest gefühlt immer präsenter wird, je weiter  die Zeit der Nazi-Diktatur in historische Ferne rückt. Ich habe den Eindruck, dass mittleriweile kein einziger Tag vergeht, an dem nicht irgendjemand irgendetwas Dummes mit Nazi-Bezug von sich gibt.

Martin Delius, Berliner Piraten-Abgeordneter, sieht seine Partei aufsteigen wie weiland die Nazis / cc-by-nc Berthold Stadler

Noch erstaunlicher ist, dass die Nazometer-Belastung nicht nur mit sinkendem IQ zunimmt, sondern auch mit sinkendem Alter. Ausgerechnet junge Leute, die den NS-Staat nicht einmal mehr vom Erzählen kennen, neigen zum Nazi-Gequatsche, sobald sie eine politische Bühne betreten. Das ist eigentlich immer endpeinlich, wie jetzt bei den Piraten. Ja, die Kaperfahrer legen in den Umfragen gerade rasant zu. Ja, auch die Nazis legten mal rasant zu. Also haben die beiden was gemeinsam, meint der Berliner Piraten-Abgeordnete mit dem Pferdeschwanz, der sich immer so intelligent und sachlich präsentiert und in Wahrheit eine extrem hohle Birne haben muss.

Die Piraten taugen auch insofern als Erklärung für die allgemeine Nazi-Besoffenheit, weil sie diejenigen sind, die die in der Gesellschaft ohnehin anzutreffende politische Leere und Nachplappermentalität zur Maxime ihres Auftritts gemacht haben. Bedingungsloses Grundeinkommen? Klingt toll, wird beschlossen, kann jeder zustimmen. Aber wehe, man fragt einen Piraten, wie er sich das praktisch vorstellt und woher das Geld kommen soll. Da gibt es stets nur oberflächliches Geschwätz etwa dieses Inhalts: Das ist alles längst durchgerechnet, würde nicht mehr kosten als heutige Systeme, der Mensch will ja freiwillig arbeiten und Götz Werner, der das propagiert, sei schließlich nicht irgendwer. Ah ha. Und wie lautet jetzt die Antwort auf die Frage, wie das praktisch funktionieren soll? Man erfährt es nicht, weil der Pirat es selber nicht weiß und nur deshalb unbedingt fordert, weil er froh ist, endlich mal überhaupt irgendwas fordern zu können, das  endlich auch mal jemanden interessieren könnte, der nicht 24 Stunden vor irgendeinem Bildschirm hängt.

Es ist genau diese Form von Wurstigkeit und aggressivem Nichtwissenwollen, die die Piraten in die Nazi-Falle treibt. Sie sind genervt, weil sie die immer gleichen Fragen nicht beantworten können und wollen, etwa nach der Europapolitik, den Staatsschulden, den Steuern, Syrien, Afghanistan, der Bundeswehrreform, den Renten. Und trotzdem schwimmen sie gerade auf einer demoskopischen Welle, die Adrenalinspiegel und Arroganzlevel hochtreibt. Sie sind dem Normalbürger nah, wenn sie genervt sind von völliger Unverständnis des etablierten Politikbetriebs mit seinen hohlen Floskeln, seiner selbstbezogenen Machtgier und seiner Abschottung gegen das normale Leben und die Sprache der normalen Menschen. Und sie glauben, sie hätten mit ihrem One-Hit-Wonder-Thema Transparenz die Lösung für alle Probleme dieser Welt, einschließlich der Bewältigung der historischen Debatten zur Nazi-Vergangenheit.

Und schon lassen sie sich verführen, fast täglich einen neuen Nazi-Unfug zu verzapfen, immer immer getrieben von dem Wunsch, in der Zeitung zu stehen oder eine Talkshow-Einladung zu ergattern. Denn die Doofen, das sind immer die anderen, die ahnungslosen, die gedankenlos Nazi sagen, während ich das gedankenvoll tue. Und Nazi sagen, das weiß jedes Kind, bringt effektiv viel Publicity. Und mehr als das wollen sie offenbar auch gar nicht.

Blöderweise reicht das nicht. Ein Mindestmaß an Wissen, Erfahrung und Intuition gehört auch dazu. Dinge, die sich in Hirnen finden, nicht in der Software von Online-Tools. Bisher behaupten die Piraten, ihre Form der elektronisch organisierten sogenannten Schwarmintelligenz sei dem repräsentativen System der anderen überlegen. Aber das ist möglicherweise nur das Geschwätz der Schwarmblödheit. Individuelle Fehlleistungen verhindert der Schwarm jedenfalls nicht.

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