Jetzt ist das christliche Abendland für Spiegel Online schon "eine andere Welt" – immerhin flog der Satz nach kurzer Zeit raus

„Die Verschwulung der Welt“ ist ein Buch des libanesischen Autors Raschid al-Daif. Er beschreibt darin seine Begegnung mit dem schwulen deutschen Schriftsteller Joachim Helfer. Der lebt in einer schicken Wohnung mit einem wohlhabenden Freund in Berlin und habe, so al-Daif, den Hang, sein Schwulsein zum alles überwölbenden Lebensthema zu machen. Die beiden sind Teilnehmer eines öffentlich geförderten Begegnungsprogramms, das Dichter aus beiden Kulturkreisen zusammenbringen soll. Die Schilderung al-Daifs über diese Zeit wird in der deutschen Ausgabe immer wieder mit Erwiderungen Helfers gegengeschnitten. Die Doppelerzählung artet in eine Rivalität der beiden aus, die al-Daif gewinnt – mit der Feststellung, Helfer habe sich in Beirut in eine Frau verliebt und ein Kind mit ihr gezeugt.

Das beste an dem Buch ist freilich der Titel. Er taugt, um den Stand der aktuellen Debatte um die katholische Kirche und den Papst auf den Punkt zu bringen. Wer derzeit Sympathien für Ratzinger erkennen lässt, darf sich in praktisch jeder Diskussionsrunde darauf einstellen, zur katholischen Sexualmoral, zum Zölibat und zur Homosexuellen-Ehe verhört zu werden. Eine falsche Antwort führt zu Spott und Kopfschütteln. Der gefühlten Mehrheit der Papst-Gegner geht es nicht um Debatte und Diskurs, sondern um das Gegenteil davon. Schlagwort, Verurteilung. Schlagwort, Verurteilung. Schon der Versuch, ein Argument zu bemühen, gilt als leicht irr. Wer falsche Sätze sagt, wird ausgegrenzt. Spiegel-Online leistete sich heute Vormittag ein typisches Stück und kündigte einen Bericht aus dem Lager der Papst-Pilger in seiner ersten Version als „Bericht aus einer anderen Welt“ an. Als sei die katholische Kirche eine irre Sekte von einem fremden Stern. Inzwischen hat die Redaktion diesen Satz ohne Erläuterung kassiert.

Den Verschwulungs-Diskurs verkneift sie sich freilich nicht. Da trügen Pilger ein T-Shirt, das von einer Gruppe stamme die, Achtung!, „rückwärtsgewandt, konservativ“ sei. Irgendjemand aus dieser Gruppe habe es gewagt, sich mit einem Salzburger Bischof zu zeigen, „der sich für seine Thesen gegen eine ‚Homosexualisierung der Gesellschaft‘ feiern lässt“. Damit konfrontierte die Reporterin offenbar eine Pilgerin, sicherlich nur in unvoreingenommen-investigativer Absicht, und überführt die Katholikin dann mit der Feststellung: „Astrid will sich dazu nicht äußern“. Was soll uns das sagen? Vermutlich so etwas wie: Der Papst ist schuld.

Beiläufig wird dann weiter hinten erwähnt, dass der Papst auch das Eichsfeld besuchen wird. Erklärt wird das nicht. Möglicherweise ist nicht jedem klar, dass das Eichsfeld eine ungewöhnliche Gegend ist. Es liegt teilweise in Hessen, teilweise in Thüringen. Während der Zeit der deutschen Teilung hielten beide Teile über die Mauer hinweg Kontakt. Das Eichsfeld ist streng katholisch, was die Genossen damals schwer genervt hat. Die SED konnte dort nie richtig Fuß fassen. Das ist dem Glauben der Menschen zu verdanken, der untrennbar mit der Zugehörigkeit zur Institution der Kirche und dem darauf bauenden Vertrauen zu tun hat.

Für die Menschen war die Kirche eine Art Schutz vor allzu totaler Machtausübung des Staates. Die bekamen Schwule besonders scharf zu spüren. Für die SED, die heute Linkspartei heißt, waren Homosexuelle schlicht Perverse, die man einsperrte und wegen sogenannter Asozialität verurteilte, wenn sie es wagten, sich zu offen zeigen. Die Kirche war auch für Schwule ein Rückzugsraum.

Im Prinzip ist sie das im weltweiten Maßstab bis heute. In christlich geprägten Gesellschaften leben Schwule wie übrigens auch die meisten anderen Menschen deutlich entspannter als in den von der Kirche zurecht gottlos genannten Diktaturen. Zum Glück ist unsere christlich geprägte Gesellschaft keine andere Welt, sondern die, in der ich lebe.

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