Was treibt Dirk Niebel? Jahrelang war er dafür, das überflüssige Entwicklungshilfeministerium abzuschaffen. Dann wurde er ausgerechnet Entwicklungshilfeminister. Jetzt schmeißt er in bedürftigen Ländern mit deutschem Steuergeld um sich und scheint Gefallen daran zu finden, als eine Art neokolonialer Besserwisser über den Globus zu streifen. Irgendeine Faszination muss dahinter stecken, die nicht nur Niebel, sondern die gesamte überflüssige Entwicklungshilfeindustrie antreibt. Vielleicht ist es einfach ein tolles Gefühl von Macht, wenn ein das Beste wollender Nachwuchsentwicklungshelfer einen Chauffeur bekommt, der ihm in punkto Ausbildung und Sprachfertigkeit meilenweit überlegen ist, aber eben arm. Wie charmant muss es sich da erst anfühlen, als Herr Niebel mit der Geste des großzügigen Onkels mal dieses, mal jenes Projekt zu besichtigen und gnädig die Dankesworte der anwesenden Bedürftigen entgegen zu nehmen.

Mit seinem Israel-Auftritt lieferte er jetzt die schlagende Begründung für seine ehemalige Forderung, die Aufgaben des Entwicklungshilfeministeriums dem Außenministerium zuzuschlagen. Da arbeiten bekanntlich Diplomaten, und denen wäre – hoffentlich – ein so übler Auftritt in Israel nicht passiert, wie Niebel ihn jetzt hingelegt hat. Er wolle “Transparenz” schaffen, indem er ein von Deutschland gestiftetes Klärwerk im Gaza-Streifen inspiziert. Soll das ein Witz sein? Der Minister persönlich muss nach Gaza reisen und ein Entwicklungsprojekt besichtigen, weil sonst keine Transparenz besteht? Wäre das wahr, wäre es ein Skandal. So, wie es ist, ist es auch einer, weil Niebel mit dieser Bemerkung seine Zuhörer verömmelt. Und dann auch noch der drohende Unterton Richtung Israel, es sei “fünf vor zwölf”. Was meint er damit? Dass er in fünf Minuten in Israel einmarschieren will? Oder was soll bitteschön passieren, wenn Israel die Uhr einfach weiterlaufen lässt?

Auf Israel einzuschlagen scheint gerade ziemlich in Mode zu sein. Es ist ja auch vergleichsweise einfach. Anders als China, Nordkorea oder Iran verhält sich Israel Europa gegenüber eher unagressiv. Zwar möchte Niebel die Entwicklungshilfe für China irgendwann stoppen, aber noch gibt es sie. Wenn er also den Helden geben möchte, warum stiftet er kein Klärwerk in Tibet und legt einen vergleichbar bühnenreifen Auftritt in Peking hin, wenn die Chinesen ihn daran hindern sollten, es persönlich zu besichtigen? Das wäre jedenfalls couragierter als die Bedienung antiisraelischer Reflexe.

PS. Wer in Gaza tätig ist und Israel kritisiert, tut das gern und offen. Wer in Tibet tätig ist (das sind ohnehin nur wenige), schreibt seine Erfahrungen lieber anonym auf – wie diesen höchst lesenswerten Artikel.

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