Vermutlich ist nicht nur mir beim ESC-Gucken aufgefallen, dass die Punkte wohl nicht allein nach musikalischer Qualität oder Sexyness-Faktor der Bühnendarsteller vergeben wurden. Musikalisch hätten die Niederländer jedenfalls für meinen Geschmack gewinnen müssen, gefolgt von Norwegen.  Optisch hätte Polen wohl etwas weiter vorn landen können. Polen zeigte nicht nur die dicksten Dekolletés, sondern war auch in anderer Hinsicht bemerkenswert, denn es vergab seine 12 Punkte an den buntesten Vogel des Abends, Conchita Wurst. Polen ist bekanntlich streng katholisch, wie etwa auch Irland oder Italien. Auch diese beiden gaben dem – ebenfalls katholischen – Österreich mit der schwulen Travestie-Nummer die Höchstpunktzahl. Chancenlos war Conchita dagegen im Einflussbereich der orthodoxen Ostkirche. Da dominierten die beiden blonden 17-järhigen Russenzwillinge, die aussahen, als seien sie eine Erfindung von David Hamilton. Das ist der, der 1977 einen weichgezeichneten Lolitafilm drehte, der damals schon nur wenig Aufsehen erregte. In Putins Russland sowie in Weißrussland, Armenien und Aserbeidschan scheint sowas modern zu sein.

Bei dieser Gelegenheit fällt mir auf, dass eigentlich alle antiwestlichen Staaten und Bewegungen rückständig bis reaktionär sind. Je antiwestlicher, desto reaktionärer. Die Spitze der Antiwestlichkeit markiert gerade die sumpfhirnige Mörderbande namens Boko Haram. Ganz so krass ist Putin gewiss nicht, aber sein verdeckter Krieg in der Ukraine ist auch nicht anderes als Krieg gegen Westlichkeit. Putin kämpft für sein Eurasien als Kulturraum von Lissabon bis Wladiwostock. Es ist sicher kein Zufall, dass seine außenpolitische und kriegerische Aggression gegen die Ukraine zeitlich mit der Verfolgung von Schwulen und Andersdenkenden im eigenen Land zusammenfällt. Putin geht es um ein reaktionär-autoritäres System von altem Schrot und Korn. Er wünscht sich einen Untertanenstaat, der auf ganze Kerle steht wie er einen markiert. Einer, der öffentlich tatsächlich sagt er könne sich mit seiner neuen Freundin öffentlich noch nicht zeigen, weil er seiner abgelegten Ehefrau erstmal einen neuen Mann besorgen müsse. Hätte das im freien Westen ein Politiker gesagt, wäre er am nächsten Tag tranchiert.

Im Kreml dürfte beim ESC-Gucken keine Freude aufgekommen sein, als ein katholisch-westliches Land nach dem anderen douze Points an Österreichs Fräulein Wurst verteilte. Ein Schwuler! In Frauenklamotten! Mit Bart! Der Jubel in den Schwulenkneipen des Moskauer Untergrunds muss krachend gewesen sein, nicht nur, weil die Wurst gewann, sondern auch, weil Putin sich geärgert haben muss.

Und klar: Natürlich ging es bei der Punktevergabe vor allem um Politik. Armenien will nicht verhungern, also vergab es das volle Pfund an die Moskauer Blondis. Und der Westen stimmte nicht weniger politisch ab. Natürlich tipperten so viele Leute ihre Stimmen für Conchita in ihre Handys, weil sie, wie es hierzulande immer so nett heißt, ein Zeichen für Toleranz setzen wollten. Das der österreichische Auftritt eigentlich ziemlich schlecht war, die Shirley-Bassey-Masche klischeehaft, Fräulein Wursts Stimmchen eher dünn und ihre Tanzeinlagen naja – drauf gepfiffen! Es gab deutlich besseres zu sehen und hören. Toll war z.B. auch der Schweizer, lustiger die Isländer. Conchita Wurst wurde gewählt, weil sie ein Mann ist, sich Conchita Wurst nennt, schwul ist und ein Frauenkleid trug, und das war auch gut so.

Weil es nämlich nebenbei eine hinterlistige Pointe mit sich brachte. Österreich ist plötzlich der Frontstaat des freien Westens gegen den rückständig-reaktionären Osten. Ausgerechnet das Land der immerwährenden Neutralität hat sich hinter Generalin Conchita versammelt und den ganzen Westen zu Jubelstürmen mobilisiert, während Russland ein ums andere Mal in Kopenhagen ausgebuht wurde. Wenn das kein historischer Moment ist!

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