Der Journalist Konstantin Sakkas vertritt in einem Tweet die These, den Mord an Susanna habe auch ein «Amerikaner oder ein Japaner» verüben können. Mit Migration habe die Tat nichts zu tun. Es könne auch sonst ein «Expat» sein, also ein in Deutschland lebender Ausländer. Als Fazit seiner Ausführung resümiert er: «Nicht instrumentalisieren».

Der Tweet enthält einige logische Brüche, aber entscheidend ist etwas anderes: Sakkas fordert in der Konsequenz nämlich, dass gegen Ali B. bestenfalls eingeschränkt ermittelt werden solle.

Der Werdegang und die Persönlichkeit eines Beschuldigten oder Angeklagten gehören bisher zwingend zu jedem Ermittlungs- und Gerichtsverfahren dazu. Anders ließe sich die Schuldfrage auch nicht beantworten. Darum forscht jedes Gericht die Persönlichkeit von Angeklagten aus, um innere Einstellung, die Sicht auf die Tat, das Opfer, Gemütsverfassung, Motive, etc., offenzulegen. Ohne diese Sicht auf das Vorleben und die Gedanken des Angeklagten ließe sich nur feststellen, was passierte und ggf. wer es tat, nicht aber, ob der Täter es schuldhaft tat und bestraft werden kann. Ohne diese Bewertung wäre ein rechtsstaatliches Urteil nicht möglich.

Journalist Sakkas meint jetzt, mit Migration habe der Fall Susanne nichts zu tun. Ob das so ist müsste allerdings der Richter herausfinden. Er müsste es zu diesem Zweck auch untersuchen. Diese Untersuchung müsste er ergebnisoffen führen. Würde er die Frage der Migration des Ali B. ausklammern, wie es der Journalist Sakkas offenbar wünscht, wäre der Richter wohl befangen. 

Derzeitiger Stand im Fall Susanna ist, dass es unstrittig einen Mord gibt und dass Ali B. unter Verdacht steht. Unstrittig ist wohl auch, dass Ali B. nicht sein vollständiger Name ist – wohl eine Erkenntnis erst der letzten Tage. Ebenso geklärt scheint, dass er seine Zuwanderung mit Verfolgung durch die PKK im irakischen Kurdengebiet begründete. Gleichwohl reiste er just dorthin zurück, als ihm in Deutschland die Festnahme wegen des Mordverdachts im Fall Susanna drohte. Das wirft die Frage auf, ob sein Asylgrund stimmte. Ob ein Leben mit falscher Identität seinen Tatentschluss erleichtert haben könnte, sofern er sich als Täter herausstellen sollte, gehört zu den Fragen, die die Justiz beantworten müsste. 

Natürlich hätte Susanna kürzlich auch einem Amerikaner oder Japaner über den Weg laufen und von dem ermordet werden können. Diese Überlegung des Journalisten Sakkas ist freilich fiktiv. Fiktive Szenarien dieser Art würden sich in beliebiger Vielfalt finden lassen. Es hätte z.B. sein können, dass Susanna vor einem Jahr in die USA oder nach Japan auswanderte. Oder dass sie letztens von einer Leiter hätte fallen können. Nichts davon passierte allerdings real. Insofern wirkt Sakkas’ fiktives Szenario haltlos. Es betrifft ein Ereignis, das sich real bereits anders ereignete. Nach Lage der Dinge war es kein Amerikaner und kein Japaner. Wenn Sakkas meint, er könne sein fiktives Alternativszenario dem realen Ereigniss überstülpen und damit Prämissen für seine Bewertung gewinnen, schöpft er aus dem Nichts.

Journalist Sakkas spannt seine Aussage auf die Forderung: «Nicht instrumentalisieren!» Was er damit meint, erklärt sich weniger aus seinem Tweet, wohl aber aus dem Kontext der öffentlichen Debatte. Es soll wohl eine Mahnung sein, nicht von Ali B. auf Migranten per se zu schließen. Oder konkret: Nicht alle Migranten sind Mörder und Vergewaltiger, nur weil Ali B. wegen so einer Tat unter Verdacht steht. Diese Aussage ist selbstverständlich richtig. Migranten sind in der Regel keine Mörder und Vergewaltiger. 

Gleichwohl entfaltet der Mord an Susanna schon in der Einzelfallbetrachtung Brisanz und Relevanz. Die Geschichte seiner Flucht wirft die Frage nach Versagen von Behörden oder Gesetzgeber auf. Auch das BAMF könnte dabei eine Rolle gespielt haben, was Sakkas pauschal und ohne Begründung verwirft, also auch nicht untersucht sehen will. 

Mit „Instrumentalisieren» hat das nichts zu tun. Mit „Instrumentalisieren“ meint Sakkas wohl Verallgemeinerung und genau diese Art kollektiver Vorverurteilung, mutmaßlich aus rassistischen Motiven. Hier ist es aber Sakkas selber, der den Fall Susanna instrumentalisiert – indem er nämlich eine offene Untersuchung ablehnt. Seine Motive kenne ich nicht. Denkbar wäre, dass er aus Loyalität zur Politik der Bundeskanzlerin keine Debatte wünscht, die auf irgendeine Weise im Grundsatz ihrer Flüchtlingspolitik schaden würde. Möglicherweise äußert sich Sakkas ja dazu.

Hinweisen möchte ich auf einen aktuellen neuen Aspekt, der Ali B. prozessual nützen könnte, sich aber ebenfalls zum Problem für den Staat entwickeln könnte. Seine Festnahme im Kurdengebiet und die Rückholung durch Bundespolizisten wirft nämlich auch Fragen auf. Mich würde schon interessieren, ob dabei alle Rechte des Verdächtigen respektiert wurden. Sollte das nicht so sein, dann könnte es Probleme bei der Gerichtsverhandlung geben. Man stelle sich einmal vor: Womöglich ließe sich beweisen, dass Ali B. tatsächlich der Täter war, aber zugleich könnten die Beweise auf eine Weise erhoben worden sein, die es verbietet, sie zu verwerten – so dass sie für eine Verurteilung nicht taugten. Ein Rechtsanwalt hat in dieser Causa bereits Anzeige erstattet. Auf gewisse Weise würde das zu einem inzwischen oft wiederholten Muster staatlichen Handelns passen: Gut meinen, schlecht machen. 

Was leider auch im Journalismus gehäuft vorkommt. Die journalistische Ethik wirkt auf mich manchmal ein bisschen verwahrlost. Zum Kern des Journalismus gehört jedenfalls nach meinem Verständnis, staatliches Handeln zu hinterfragen und staatliche Fehler aufzudecken. Nicht dazu gehören Loyalitätsbekundungen an die Regierung.

Photo by Stefano Pollio on Unsplash
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