Lifestyle-Autorin Freia Peters schreibt heute in der WamS über die Unlust der Wessis, den Osten Deutschlands zu bereisen. Den Beleg liefert sie als trickreich präsentierte  Statistik. “Gut jeder fünfte Westdeutsche hat noch nie seinen Fuß auf ostdeutschen Boden gesetzt” klagt sie. Demgegenüber würden “fast drei Viertel” der Ostdeuschen angeben, sie würden “häufig, sehr häufig beziehungsweise ständig in westdeutschen Bundesländern unterwegs sein.” Formulieren wir diesen Befund unverschnörkelt und verständlich, lautet er so: Im Osten wie im Westen waren laut der von ihr zitierten Statistik um die Kante 75 Prozent schon im jeweils anderen Landesteil. Autorin Peters biegt sich daraus diese Wunschfolgerung: “Ein ganz anderes Bild zeigt sich bei den Ostdeutschen”. Und dann findet sie natürlich auch gleich Politiker wie den aus dem Westen zugewanderten SPD-Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering, den sie “den Kopf schütteln” lässt über seine westlichen Landsleute.

Ausgerechnet Sellering! Der Mann, der unter Ossi-Verständnis die Verteidigung des SED-Regimes versteht, das nach seinen Worten “kein totaler Unrechtsstaat” gewesen sei. Er fühle sich in Meck-Pomm “besser als in seiner eigenen Heimat”, während er “den bewegungsfaulen, desinteressierten Westdeutschen vor allem Vorurteile” attestiere. Sodann zitiert die Autorin den Wirtschaftsminister Sachsen-Anhalts, Reiner Haseloff (CDU), der enttäuscht zu Protokoll gibt: “Der Stolz auf die Erfolge unseres vereinigten Landes ist bei den Westdeutschen offenbar nicht so groß wie bei den Ostdeutschen”. Neben Desinteresse nennt Haseloff einen weiteren Grund für die gefühlte Wessi-Wurschtigkeit, nämlich die Medienlandschaft. “Die mediale Landschaft ist eindeutig zu westorientiert”, befindet der Minister.

Damit hat er freilich Recht, nur hat das nichts mit der vorgegaukelten Disparität des gegenseitigen Interesses zu tun. Tatsächlich gehören die Zeitungen im Osten fast durchweg westdeutschen Zeitungshäusern, voran der WAZ-Gruppe und dem Kölner Verlag DuMont-Schauberg, und das öffentlich-rechtliche System wurde natürlich auch flugs auf den Osten übertragen, im Norden sogar unter der Flagge des westdeutschen NDR, der ja auch für Sellerings Meck-Pomm zuständig ist.

Den westdeutschen Redaktionen zu unterstellen, sie hätten kein Interesse am Osten, wäre freilich verkehrt. Sie hatten nur ihre eigenen Vorstellungen davon, wie sie den Osten gerne hätten, und die resultierten aus den persönlichen, überwiegend aus der 68er-Ideologie stammenden Überzeugungen der Redakteure. Der WDR glaubte etwa nach dem Mauerfall, jetzt schlage die Stunde der SED-Reformer und schickte linke Verschwörungstheoretiker wie den Filmemacher Hans-Rüdiger Minow in die DDR mit dem Auftrag, die kommende Nomenklatura vorzustellen. Zu der zählten die Staatsfunker wunschdenkenderweise Leute wie André Brie.  Minow tummelte sich in Sachsen, produzierte ein lobhudelndes Portrait über den einstigen SED-Ortsgruppenführer an der Uni Leipzig, Volker Kühlow, der heute noch im sächsischen Landtag sitzt und den man getrost als notorischen Stasi-Spitzel bezeichnen darf. Gemeinsam mit Kühlow schrieb Minow dann noch ein Buch, in dem er die steile These aufstellte, die Bundesrepublik habe die DDR in Washington quasi eingekauft und Kanzleramtschef Horst Teltschik habe im Weißen Haus den Preis ausgehandelt. Zudem gebe es eine strukturelle Kontinuität der westdeutschen politischen Eliten zu den Eliten des Nazi-Reichs. Natürlich gehören solche Ansichten auch in der links gewirkten Medienlandschaft Westdeutschlands zum äußeren Rand des Erträglichen, aber ziemlich einhellig schrieben die Redaktionen schon seit den 70er Jahren das Ziel der deutschen Wiedervereinigung zum Hobby einer marginalisierten reaktionären Minderheit herunter. Es fand auch niemand besonders skandalös, als Oskar Lafontaine Ende November 1989 das Thema Wiedervereinigung beim SPD-Bundesparteitag mit keiner Silbe erwähnte, sondern ein gespenstisches Business as Usual aufführte, als habe es keinen Mauerfall gegeben.

So gesehen liegt das Problem tatsächlich im Westen, aber anders, als Autorin Peters meint. Die DDR-Bürger hatten ja schlicht die Nase voll von allem, was nach links und sozialistisch aussah. Sie wollten den Westen, und zwar so westlich wie möglich. Bis heute verstehen Ostdeutsche nur schwer, welche Wirkung die 68er im Westen entfalteten, und auch die Westler begreifen erst nach und nach, wie druchgreifend das Land sich von seinen liberalen Wurzeln seiner einst bürgerlichen Mehrheit entfernt hat. Es waren die Westmedien, die den völlig illegitimen Runden Tisch förderten, die den versprengten Sektierern das Forum für ihre Forderung nach dem viel beschworenen “Dritten Weg” einräumten, die dank unterhaltsamer Talkshow-Figuren wie Gregor Gysi die unsägliche “Es-war-nicht-alles-schlecht”-Debatte beförderten oder jetzt, wie Lifestyle-Autorin Freia Peters, mit einer manipulativen Mischung aus Phantasie und Fakten schlichte Desinformation betreiben und Gegensätze frei erfinden.

4 Kommentare
  1. Ulrich Huppenbauer sagte:

    Sehr geehrter Herr Lemmer,
    Ich finde Ihren Artikel insgesamt ziemlich einseitig und ideologisch.
    Ich möchte es an einem Ausdruck festmachen: Sie sprechen vom “Völlig illegitimen runder Tisch”, “die den versprengten Sektierern das Forum für ihre Forderung nach dem viel beschworenen ‘Dritten Weg’ einräumten. Diese Verächtlichmachung des Runden Tisches ist weder historisch gerechtfertigt noch entspricht sie den Gefühlen derer, die damals Zeitzeugen im Osten waren. Ich war damals Dorfpfarrer in der Nähe von Naumburg, damals Bezirk Halle, jetzt im Süden von Sachsen-Anhalt. Ich habe in dieser Zeit am Radio “geklebt” – Fernseher hatten wir nicht. Es war ein Demokratie-Erlebnis, wie ich es weder vorher – ich bin im Westen aufgewachsen – noch später wieder erlebt habe. Ja, die Menschen wollten etwas für ihr Land und sie fragten nach der Mitgestaltung aller. Und sie wollten eine demokratische Verfassung. Und sie wollten ernstgenommen werden mit ihrer eigenen Biographie in der DDR. Es hat nicht so funktioniert, wie sie es sich erträumt haben. Ich denke aus zwei Gründen: 1) Die Mehrheit der Menschen in der DDR war einfach zu träge, um aktiv mitzuwirken. Sie wollten schnelle Einheit, schnellen Anschluß, natürlich auch die schnelle Mark. 2) Es gab zu viele im Westen, die die Unbeholfenheit der Menschen im Osten schamlos ausnutzten. Unter solchen Verhältnissen konnte Korruption gedeihen, konnten Wendehälse, Trittbrettfahrer und Volksverdummer ihr großes Los ziehen. Sie haben es geschafft, diejenigen, die wirklich in aller Ernsthaftigkeit Demokratie lebten – eben auchdiejenigen, die einen “dritten Weg” sich erträumten , über den Tisch zu ziehen. Ich erinnere mich an eine Wahlveranstaltung (1990) der “Allianz für Deutschland” in einem Dorfsaal in der Nähe von Naumburg. Da sagte der Kandidat der CDU: Er habe Informationen, daß, wenn die CDU gewählt würde, 60 Milliarden ins Land kämen, wenn die andern gewählt würden, wären es nur 16 Milliarden. Die Leute haben Beifall geklatscht. Und die Wahl in diesem Dorf war jedenfalls entschieden.
    Zurück zum Anfang: ich wehre mich dagegen, den Runden Tisch illegitim zu nennen. Er war das, was in dieser Zeit nötig war und er verkörperte eine Haltung zur Freiheit und Demokratie, die ich heute an vielen Stellen vermisse. Und ich bleibe bei meiner Hochachtung vor dem Mut derer, die gewagt haben, hier mitzuwirken und ihre Weichen zu stellen.
    Ulrich Huppenbauer

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    • bitterlemmer sagte:

      Hallo Herr Huppenbauer,

      ich freue mich ja immer wieder auf die Kontroverse mit Ihnen.

      Was den Mut der Bürgerrechtler und ihre Rolle von Anfang der 80er Jahre bis 1989 betrifft, da bin ich ganz bei Ihnen. Und vermutlich werden Sie mir zustimmen, dass es in jeder Hinsicht mehrheitsfähig war, die SED zu vertreiben. Aber in einem haben sich die meisten der Wortführer getäuscht. Das Volk hatte nämlich an dem Staat DDR nicht das geringste Interesse. Dass immer auf das Geld zu reduzieren und der Mehrheit so die Legitimität abzusprechen, führt da nicht weiter. Einer der Gründe, aus dem die SED fiel, war die Fluchtbewegung. Die Leute wollten einfach weg. Ein Bekenntnis zu einem Land sieht anders aus. Und Polen, Ungarn oder Tschechen sind ja auch nicht geflüchtet, sondern haben – vor allem die Polen! – um die Veränderung der Verhältnisse gekämpft. Sie hatten ja keinen westlichen Teilstaat, der eben genau das war: Ein Teilstaat derselben Nation. Dass der zentrale Runde Tisch darüber ziemlich geschlossen hinwegging, lässt sich nicht wegreden, ebenso wenig, dass er niemals gewählt wurde und daher keine Legitimation besaß, für irgendjemand anderes zu reden als für sich selbst. Und manche Themen, die dort diskutiert wurden, hätten Anlass zur Sorge sein können, wäre nicht klar gewesen, dass der Runde Tisch keinerlei Macht besaß. Damit meine ich die auch von Bürgerrechtlern geteilte Ansicht, die Reisefreiheit müsse wieder begrenzt werden, um einem eigenständigen Neuaufbau der DDR Zeit zu geben. Noch einmal: Hier ging es nicht um irgendwelche Milliarden, sondern um Freiheiten und Lebensgefühl. Unabhängig davon finde ich es nicht im Geringsten beanstandenswert, die materiell vorteilhaftestes Lösung zu wählen. Welchen Grund hätte es denn geben sollen, die “16-Milliarden-Variante” zu wählen? Mit der war ja nicht nur weniger Geld verbunden, sondern auch Ungewissheit über die Frage der Wiedervereinigung.

      Viele Grüße
      Christoph Lemmer

      Antworten
  2. Schmidt sagte:

    “Im Auftrag des Großen Bruders“; Zeitzeugen neu

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich möchte Sie über die Veröffentlichung meines neuen Zeitzeugenromans informieren, der sich vom Inhalt her erstmalig auf dem Buchmarkt befindet:
    “Im Auftrag des Großen Bruders“, ISBN 9783862545513, Autobiografie, AAVAA-Verlag, Berlin. Handlungszeitraum: 1963 – 90.

    Inhalt: Gründe des Niedergangs der DDR, ihre militärische Stellung im Warschauer Pakt (Warschauer Vertrag), Hegemonie der ehemaligen Sowjetunion und damit verbundene Probleme in der Wirtschaft. Die Auswirkungen sind heute noch erkennbar. Nicht zu kurz kommt die Arbeit des MfS.

    Klappentext des Buches:
    Thomas Schmidt wird neben der Industrie auch auf militärischen Vorhaben der DDR eingesetzt. Bedingung ist, dass keine Kontakte in die Bundesrepublik Deutschland bestehen. Von Abenteuerlust getrieben plant Schmidt, in die BRD auszuwandern. Er gerät in das Blickfeld der Staatssicherheit, doch sein häufiger Arbeitsstellenwechsel als hausgemachte Freiheit macht das Observieren fast unmöglich. Schmidt leistet seinen Grundwehrdienst und studiert Bauwesen. Die Marschrichtung für seine Tätigkeit als Bauleiter legt der Staat fest. Das erste Objekt ist eines der Landesverteidigung. Irgendwann erfolgt der Einsatz auf Vorhaben mit besonderer Geheimhaltung. Es handelt sich um die Führungs- und Atombunker der Nationalen Volksarmee. Was die Finanzierung dieser so bedeutsamen Spezialobjekte betrifft, ist sie für das Ende der DDR-Wirtschaft mitbestimmend – die vorhandenen Baukapazitäten werden zum großen Teil für militärische Vorhaben „verheizt“. Schmidt, Geheimnisträger, hängt seinen Job erneut an den Nagel. Somit greift die Staatssicherheit aktiv in sein Leben ein und der Wettlauf mit der Macht beginnt …

    Anmerkung: Mein Ziel im Roman war, die Grenze zur erzählerischen Fiktion nicht zu überschreiten. In der Autobiografie werden Fakten in Handlungen gepackt und mit Dialogen gespickt. Somit ist es eher möglich, das Leben der Menschen in der DDR zu veranschaulichen.

    Lesungen seit Oktober 2011

    Mit freundlichen Grüßen

    Thomas Schmidt

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