Schon die Formulierungen sind verräterisch. „Shitstorm trifft Essener Busse und Bahnen“, titelte etwa wissen.de kürzlich. Als sei ein Shitstorm eine Art göttliche Naturgewalt, nicht erdacht und gemacht von menschlichen Wesen, sondern von der „Netzgemeinde“. Jetzt ist Gauck das Ziel eines Shitstorms, wenn man etwa Radionachrichten trauen darf. Am Tag, nach dem Gauck nominiert wurde, hörte ich bei privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern in Berlin-Brandenburg, MDR-Land und Bayern jedenfalls die Meldung, „im Internet“ formiere sich Widerstand. Oder die Stuttgarter Zeitung: „Die Netzwelt [soll bitte wer sein?] sieht Gauck jetzt in einem anderen Licht“. Da hatten andere die Sache schon besser umrissen, vor allem Christian Jakubetz bei Cicero.de, der einzelne dieser Internet-Teilnehmer beim Namen nannte, die wir als Gruppe mal so nennen wollen: #shitmob.

Ein Shitmob findet sich immer dann, wenn ein meinungsstarkes Thema auftaucht, das viele Retweets und mit etwas Glück Nennungen in Offline-Medien einbringt. Vorrangiges Motiv eines Shitmobbers ist die Aussicht, mal einen Tag lang wichtig zu sein.

Besonders erfolgversprechend ist das dann, wenn Offline-Medien das Thema überhaupt erst aufbringen, wie etwa die Kampagne gegen die angebliche Massentötung von Hunden in der Ukraine, weil Offline-Medien dann im Netz die Bestätigung für ihre Geschichte finden und „das Internet“ zum Beleg für ihre Unfehlbarkeit heranziehen. In Österreich profilierte sich die Kronenzeitung mit dem ukrainischen Hunde-Märchen, in Deutschland der MDR mit seinem Boulevardmagazin Brisant. Dass die zum Beleg gezeigten Videos aus nicht überprüfbaren Youtube-Kanälen stammten und ein besonders eindrucksvolles Foto aus Mexiko – geschenkt. Dem Shitmob gefiel es, und so schaukelten sich On- und Offline-Medien aneinander auf und schufen sich eine virtuelle Hundemörder-Ukraine.

Nach derselben Methode versucht sich der Shitmob jetzt an einem virtuellen Gauck. Klickt man sich durch die Links, die unter dem Hashtag #notmypresident bei Twitter geboten werden, dann findet man wüstes Geraune, teilweise unter seriösen Logos.

Etwa diesen Kommentar auf WDR5: Der Autor behauptet tatsachenfrei: „Zur DDR-Opposition hat Gauck niemals gehört“. Da hat sich Solveig Grothe für ihren Eines-Tages-Artikel auf Spiegel Online mehr Mühe gemacht und ein zutreffenderes Bild von Gaucks DDR-Vergangenheit gezeichnet. Sie beschreibt ihn als ziemlich cleveren Kirchenmann, der die spärlichen Freiräume der DDR systematisch nutzte und recherchierte ein Zitat, laut dem er vor einer Versammlung 1988 von „stalinistischen Tendenzen“ im Staatsapparat sprach. Auch über seine Motivlage klärt sie auf – die darin bestand, dass er die Gefangenschaft seines Vaters in einem sowjetischen Lager und den Umgang der DDR-Obrigkeit damit traumatisch empfand.

Ähnlich verhält es sich mit dem von den Shitmobstern ebenfalls viel verlinkten „Offenen Brief an Joachim Gauck“, verfasst von einigen Ex-DDR-Bürgerrechtlern, die mit dem Ergebnis der Wahl vom 18. März 1990 nicht einverstanden waren. Diese Gruppe, zu der Sebastian Pflugbeil gehört, Minister in der Übergangsregierung von Hans Modrow, wirft Gauck Verrat der Ideale der Runden Tische vor. Freilich hat diese Gruppe bis heute nicht verwunden, dass das Volk die von niemandem legitimierten Runden Tische im demokratischen Staat nicht an der Macht sehen wollte. Das war verständlich, denn dort wurde weniger an einer staatlichen Wiedervereinigung gearbeitet, sondern überlegt, wie die DDR zu erhalten sei. Selbst Bürgerrechtler forderten dort, die Grenzen wieder zu schließen, um das Experiment einer nunmehr idealen sozialistischen Gesellschaft wenigstens mit einem Rest an Bevölkerung zu versuchen. Dass diese Leute sich von Gauck distanzieren, spricht eindeutig für ihn.

Auch die etwas wirre Vendetta von Peter Michael Diestel in Jakob Augsteins Freitag wird von Shitmobbern viel verlinkt – ausgerechnet! Diestel, letzter DDR-Innenminister, CDU-Blockflöte, kann Gauck nicht ausstehen, weil Gauck dafür sorgte, dass jedermann seine Stasi-Akten einsehen kann, was Diestel gern verhindert hätte.

Die Mehrheit des Anti-Gauck-Shitmob-Kollektivs kennt den Namen Diestel vermutlich gar nicht und hat von all den anderen DDR-Dingen wenig bis keine Ahnung. Die genannten Links werden wohl eher aus Wichtigtuerei herumgeschleudert, nach dem Motto: Seht her, ich hab da die ultimative Wahrheit gefunden, und die hat sogar mehr als 140 Zeichen.

Cicero-Autor Jakubetz hat ziemlich ins Schwarze getroffen, als er die „Bloggerin des Jahres“, Julia Probst, mit einem Shitmob-Tweet zitiert, der nur oberflächliche Ressentiments zu modischen Aufregerthemen transportiert und damit das intellektuelle Niveau der Shitmobber gut dokumentiert: „#Gauck ist für #VDS, findet die Überwachung der Linken gut, äußerte sich abfällig über #Occupy. Und lobte Sarrazin. Darum unwählbar!“ Viel mehr als unreflektierte Klischees findet sich auch in ihrem Blog nicht. Schaut man, wer ihr dafür mit viel Presserummel den Titel der „Bloggerin des Jahres“ verlieh, stößt auf die immer gleichen Namen einer selbsternannten publizistischen Avantgarde, deren Fähigkeit vor allem im Erzeugen heißer Luft besteht. Etwa, wenn einem jungen Mann namens Mario Sixtus ein Preis für sein „Lebenswerk“ verliehen wird, das der Mehrheit der Menschen in Deutschland vermutlich völlig unbekannt und herzlich egal ist. So etwas wirkt, zumal in der Rückschau, eher lächerlich.

Am Thema Gauck könnte sich der Shitmob jetzt verhoben haben. Nicht nur, weil es hier um Grundsätzliches geht, sondern weil dem einen oder anderen schwant, dass Gauck passende Lektionen auf substanzloses Geschätz der beschriebenen Art parat haben könnte. Horriblerweise auch noch ohne Twitter- oder Facebook-Account, sondern womöglich Face to Face. Da stelle ich mir unterhaltsam vor.

 

 

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